Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller beim 98. Deutschen Katholikentag in Mannheim
Von Christine Schröpf, MZ
Mannheim/Regensburg. Nach dem Katholikentag ist vor dem Katholikentag: Beim Abschlussgottesdienst in Mannheim hat Bischof Gerhard Ludwig Müller am Sonntag unter Beifall die Christen in Deutschland herzlich zum Glaubensfest 2014 in Regensburg eingeladen. „Viele Leute haben mich angesprochen und gesagt: Wir kommen gerne“, freute er sich hinterher. Ausrichter sind das Zentralkomitee der Katholiken in Deutschland (ZdK) und das Bistum. Für beide Seiten ist es eine Chance und ein gewisses Wagnis. Müller hatte in der Vergangenheit mehrfach mit Laien seiner Diözese Konflikte ausgetragen und sich im Vorfeld Papstkritik verbeten. ZdK-Vorsitzender Alois Glück handelte deshalb bei Vorgesprächen aus, dass auch Organisationen wie Donum Vitae oder Verfechter des Diakonats der Frau in der Domstadt einen Platz im offiziellen Programm haben werden.
Das in Mannheim parallel laufenden Programm des Alternativen Katholikentages hat aber gezeigt, dass Regensburg 2014 auch zum Forum weiter greifender Reformwünsche etwa nach dem Priestertum der Frau werden könnte.
Häring: Lieber Requiem statt Gala
Konfrontationen sind vorprogrammiert. Die Kirchenkritiker hatten das offzielle Programm in Mannheim scharf kritisiert. Ein falsches Kirchenbild, das nicht zukunftsfähig sei, feiere Renaissance. Die Katholikentags-Gala zum Zweiten Vatikanischen Konzil wurde von einer Mahnwache flankiert. Jahrzehnte der „Stagnation und Hinhaltetatik“ müssten eher mit einem Requiem zelebriert werden, sagte Prof. Dr. Hermann Häring.
Müller verurteilte, dass sich kirchenkritische Organsisationen im Schatten des Katholikentages in Szene setzen. „Sie ziehen die Medienaufmerksamkeit auf sich, haben selbst aber gar nicht genug Substanz, um für die Gesellschaft etwas zu erbringen.“ Müllers Beziehung etwa zu der Organisation „Wir sind Kirche“ sind seit Jahren angespannt. Den gegenseitigen Schlagabtausch würde Müller nach eigenen Worten gerne beenden – auch wenn seine aktuelle Kritik diesem Wunsch entgegenläuft. Ihn ärgert offenbar, dass er mit eigenen Äußerungen ungewollt die Aufmerksamkeit auf die Kirchenkritiker lenkt. „Ich will die Mitte des Katholizismus stärken, sodass die auf der einen oder anderen Seiten befindlichen Randgruppen auch einmal merken, dass sie nicht das Ganze für sich beanspruchen können“, sagte er. Zu den Randgruppen auf dem rechten Spektrum gehören für Müller bekanntlich die Piusbrüder, die in seinem Bistum in Zaitzkofen (Lkr. Regensburg) präsent sind.
Katholikentag mit Rekordbeteiligung
Der Katholikentag 2012 war am Sonntag mit einem Rekordbesuch zu Ende gegangen. 80.000 Menschen kamen am Ende zu den rund 1200 Veranstaltungen, fast 20.000 mehr als erwartet. Es war ein Glaubensfest für alle Generationen – auch die Jugend war mit einem Anteil von über 20 Prozent stark vertreten. Glaubensstark und lebendig habe sich die Kirche in Mannheim präsentiert, betonte ZdK-Präsident Glück beim Abschlussgottesdienst, zu dem Bundespräsident Joachim Gauck als prominentester Gast gekommen war. Die Kirche in Deutschland sei mehr als „die Summe ihrer Defizite“, so Glück. Gläubige leisteten im Namen der Kirche und in eigener Verantwortung viel Großartiges. Die Vielfalt des Engagements sei „nicht Gefahr, sondern Reichtum“. Er mahnte Dialogbereitschaft an, erinnerte an das „hörende Herz“, das der Papst 2011 bei seiner Rede im Deutschen Bundestag von der Politik gefordert habe. Das sei auch „innerkirchlich eine gute Orientierung“.
Erzbischof Robert Zollitsch, gastgebender Bischof des Katholikentages, hatte in seiner Predigt beim Abschlussgottesdienst ebenfalls Benedikt XVI. zitiert – und zwar Mut machende Worte aus der Vigilfeier in Freiburg. „Christus achtet nicht so sehr darauf, wie oft wir im Leben straucheln, sondern wie oft wir mit seiner Hilfe wieder aufstehen.“
Jesus ist „keine Projektionsfläche“
Beim Katholikentag hatten mehr als 40 Bischöfe mit den Gläubigen diskutiert. Einer fehlte. „Katholikentage sind nicht mehr das, was sie mal waren“, sagte der Kölner Kardinal Joachim Meisner vorab in einem Interview. Es fehle „die katholische Mitte, bei der man die Verbundenheit und Einheit von Papst, Bischof, Priestern und dem Volk Gottes spürt.“ Auch zum Motto „Den Aufbruch wagen“ äußerte er sich kritisch. „Nicht die Kirche, die Gläubigen müssen aufbrechen.“ In diesem Kontext sorgte beim ZdK für Irritationen, das Bischof Müller am Donnerstag kurzfristig einen Teil seiner Termine am Katholikentag wegen anderer Verpflichtungen abgesagt hatte. Er hatte am Freitagabend an der Feier zum 80. Geburtstag von Kardinal Miloslav Vlk in Prag teilgenommen. Als Affront sei das nicht zu werten gewesen, sagte Müller und sprach von „künstlicher Aufregung“.
Erst einen Tag später als erwartet, am Samstag, war Müller angereist. Er war prominenter Teilnehmer eines Podiums zum Thema „Welche Theologie will die Kirche?“. Diskutiert wurde die Rolle von Lehramt, Theologen und Glaubensvolk. Bischof Müller verwies auf Jesus als konkrete Gestalt. Theologisches Nachdenken stehe zwar jedem Gläubigen zu, Jesus dürfe dabei aber nicht zur Projektionsfläche für eigene Bilder werden. Müller wandte sich auch gegen überfrachtete Vorstellungen vom Zweiten Vatikanischen Konzil: „Manche machen daraus die Gründungsurkunde einer ganz neuen Kirche. Das kann nicht sein.“
Der Theologe Prof. Klaus Müller als weiterer Podiumsteilnehmer kritisierte die geringen Spielräume für offene Debatten in der Kirche. Die Möglichkeiten hätten sich in letzter Zeit verengt. Freimütigen Äußerungen werde mit Misstrauen begegnet. Dialog sei immer riskant, räumte er ein. Denn er verlange die Bereitschaft, „sich auf neue Wege führen zu lassen“. Die Dogmatikerin Prof. Margit Eckholt aus Osnabrück forderte ein stärkeres Anerkennen feministisch-theologischer Ansätze. Mögliche Schuldzuweisungen an Kirchenverantwortlichen wies Bischof Müller in diesem Kontext entschieden zurück. „Ich akzeptiere nicht, den Schwarzen Peter dem Lehramt zuzuspielen.“
Bischof-Müller-Schlipse?
Die Diözese Regensburg war in Mannheim mit vielen Botschaftern vertreten: Der Stand auf der Bistumsmeile an der Alten Feuerwache war rege frequentiert. Der Vorsitzende des Diösezesankomitees, der CSU-Landtagsabgeordnete Philipp Graf von und zu Lerchenfeld, informierte Besucher darüber, was sie vom Katholikentag 2014 in Regensburg erwarten dürfen: „Einen Brückenbau zum Bistum Prag, das einst von Regensburg aus gegründet worden ist.“ Martina Kerscher (17) und Theresa Seeholzer (14) von der Schülermitverwaltung des Ursulinen-Gymnasiums Straubing verteilten Fingerrosenkränze. Die Männer am Stand trugen ein eigens für den Katholikentag gefertigtes Accessoire: Schlipse mit Domtürmen, die einem geschwungen M gleichen und bei den Besuchern Fragen aufwarfen, wie der stellvertretende Diözesankomittees-Vorsitzende Michael Meier erzählte. Als erstes dachten viele an eine versteckte Hommage an Bischof Gerhard Ludwig Müller.