Bayern/Oberpfalz 25.07.2012, 19:30 Uhr

Chirurgen kämpfen um Nachwuchs

Die Uni-Klinik Regensburg beherbergt eine Ärzte-Tagung. Die Mediziner sorgen sich um die Zukunft ihrer Branche – besonders wegen eines neuen Gesetzes.

Ein „Patient“ mit einem Beckenbruch und schweren inneren Verletzungen – an einer Trainingspuppe üben Ärzte und Studenten, wie sie im Ernstfall Leben retten können. Foto: Dennerlohr

Ein „Patient“ mit einem Beckenbruch und schweren inneren Verletzungen – an einer Trainingspuppe üben Ärzte und Studenten, wie sie im Ernstfall Leben retten können. Foto: Dennerlohr

Von Bettina Dennerlohr, MZ

Regensburg. Einen menschlichen Knochen zu brechen ist gar nicht so leicht. Auch nicht für Dr. Antonio Ernstberger: Selbst mit der Kraft beider Hände muss er sich noch einige Sekunden mühen – erst dann ist der Druck für die längliche weiße Röhre zu groß und sie zersplittert hörbar. Erst das wäre normalerweise der Punkt, an dem Ernstberger zum Einsatz käme. Er arbeitet als Oberarzt in der Unfallchirurgie der Uni-Klinik Regensbur. Normalerweise steht er mit Haube, Kittel und Mundschutz am OP-Tisch und heilt Knochenbrüche, statt sie in einem Raum voller Menschen zu verusachen.

1000 Chirurgen in Regensburg

Dieser Seitenwechsel ist Teil der 89. Jahrestagung der Vereinigung Bayerischer Chirurgen in Regensburg. 1000 Teilnehmer bekommen drei Tage lang 280 Vorträge geboten, die Titel tragen wie „Thoraskoskopische Resektion pulmonaler Rundherde“. Hier und bei zwölf Live-Übertragungen von Operationen sollen sich die Chirurgen aus ganz Bayern informieren und Tipps für den Alltag austauschen. Das, so sagt Prof. Dr. Michael Nerlich ist aber nur eines der Ziele des Kongresses. Er ist der derzeitige Vorsitzende der Vereinigung und sieht es als große Aufgabe, Schüler und Studenten für die Chirurgie zu begeistern – denn am Nachwuchs mangelt es in dieser Fachrichtung. Während es in Regensburg noch genügend Chirurgen gebe, sei die Lage in Gebeiten wie dem Bayerischen Wald prekär, sagt Nerlich. Dort arbeiteten mittlerweile Mediziner aus Tschechien, der Ukraine oder arabischen Staaten. „Wir müssen um die Gunst der Studenten buhlen“, lautet sein Fazit. Dabei kann auch er nachvollziehen, was viele von der Fachrichtung fernhält: Die Arbeit sei körperlich anstrengend und fordere zeitliche Flexibilität – wer mitten in einer OP sei, könne schließlich nicht plötzlich eine Pause einlegen.

Nerlich zieht gerne Vergleiche, vor allem zwischen Chirurgie und Leistungssport: Wer eine olympische Medaille gewinnen will, braucht dafür Talent und sehr viel hartes Training. Das können Studenten, Assistenz- und Oberärzte beim Kongress ausprobieren. Dafür gibt es den sogenannten „Fitnessparcours“. Er umfasst zehn Stationen – der „Knochenbrecher“ ist nur eine davon. Nur wenige Meter weiter werden zerstörte Knochen mit Zangen und Klemmen fixiert und ganze Becken gerichtet. Die „Knochen“, die bei allen Übungen aus einem besonderen Plastik bestehen, werden mit Platten fixiert und verschraubt. Immer wieder surren Bohrmaschinen, mit denen Schrauben und Nägel in den Knochen getrieben werden. In der Notaufnahme liegt der „Beckentrainer“ – eine Puppe, die einen schweren Bruch mit inneren Blutungen simuliert. Bei der Übung werden nicht nur die Knochen gerichtet – es sickert sogar künstliches Blut in die Unterlage auf dem Behandlungstisch. Im Ernstfall rettet nur eine schnelle Behandlung das Leben eines solchen Patienten – meist sind es Menschen, die von Gerüsten gefallen oder im Straßenverkehr verunglückt sind.


 

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