Erzbischof Gerhard Ludwig Müller wurde mit einem Festakt aus Regensburg verabschiedet. Foto: Schröpf
Von Christine Schröpf, MZ
Regensburg. Es gab private Grüße vom Papst in die Oberpfalz – und es war auch sonst ein Wochenende, an dem das Bistum Regensburg über seine Grenzen hinaus Aufmerksamkeit erregte: Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, seit kurzem Präfekt der mächtigen römischen Glaubenskongregation, feierte am Sonntag seinen Abschied mit Gottesdienst, Empfang für geladene Gäste und Volksfest vor dem Dom. 5000 Gläubige hatten sich dazu nach Angaben der Diözese versammelt. Müller musste unzählige Autogramme geben und Hände schütteln. Fahnenabordnungen aus der gesamten Diözese standen für ihn Spalier. Er versprach: Es ist kein Lebewohl für immer. „Mein Beziehungspunkt zu Deutschland bleibt Regensburg.“ Im Priesterseminar ist für ihn künftig immer ein Zimmer reserviert. In diesem Monat hat er dort schon drei Mal Quartier bezogen. In seiner neuen Heimat Rom fühlt er sich trotzdem nicht fremd. Er träume manchmal bereits auf Italienisch, bekannte er.
Müller wächst zu 1,95-Meter-Mann
An seinem Abschiedstag wurde Müller mit Lob überschüttet – und die Spitzen der katholischen Kirche in Deutschland erwiesen ihm die Ehre. Ein Dutzend Bischofsmützen wurden gezählt: Aus München war Kardinal Reinhard Marx gekommen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, dankte dem „1,95-Meter-Mann“ und machte Müller damit versehentlich fünf Zentimeter größer. Der Erzbischof nahm es mit Humor. „Schuhabsatz mitgerechnet, bin ich so groß.“
Es war ein sichtlich gelöster Müller, der nach fast zehn Jahren an der Spitze der Diözese mit einem Vergelt‘s Gott den Gläubigen Lebewohl sagte. „Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich an euch denke“, zitierte er dazu aus der Bibel. Der komplette Brief ist in einem 83-seitigen Dankeschön-Heft abgedruckt, den das Bistum zu Müllers Wechsel nach Rom herausgegeben hat. Der Oberhirte findet darin auch mahnende Worte. Er warnt vor „feiger Unterwürfigkeit unter innerweltliche Selbsterlösungslehren, Paktieren mit dem Neuheidentum und der öffentlich propagierten Selbstsucht“. Es seien Menschen der Kirche, die auf diese Weise dem Hohn über den Gottesglauben billige Nahrung verschafften.
Erzbischof Gerhard Ludwig Müller wurde mit einem Festakt aus Regensburg verabschiedet. Foto: altrofoto.de
Das Dankeschön-Heft zieht eine Bilanz der Amtszeit Müllers. Kapitel gibt es etwa zum Papstbesuch 2006, zu seiner Verbundenheit mit der südamerikanischen Befreiungstheologie und zu seinen Standpunkten in Ökumenefragen. Auch der Missbrauchsskandal im Bistum ist Thema. Dokumentiert wird Müllers Entsetzen über die Taten, aber auch seine Kritik an den Medien, „die nicht Richter über die Kirche sind“.
Kirchenmann mit Weltblick
Viele Repräsentanten des Bistums sind mit Konterfei und einer kurzen Würdigung Müllers abgebildet. Darunter einer, der ihm zum engen Freund geworden ist: der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern und frühere Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Albert Schmid. „Danke, dass Sie in unsere Diözese Regensburg eine Dimension von Katholizität eingebracht haben, die nicht provinziell, sondern weltumspannend ist“, sagt der SPD-Mann.
Kritische Töne waren am Sonntag rar: Bei Regionalbischof Hans-Martin Weiss schwang bei allem Respekt mit, dass das Verhältnis nicht einfach war. So habe ihm die Reform der katholischen Laienräte im Bistum irritiert. „Sie widerspricht dem Konzept der Partizipation der evangelischen Kirche.“ Auf dem Domplatz hatten sich einige Gegner versammelt: Andreas Schlagenhaufer, Priester im Ruhestand, verteilte gelbe Faltblätter. „Wir wollen die Jubelfeier nicht verderben, aber wir können nicht schweigen.“ Die Mitglieder des Aktionskreises Regensburg waren in der Masse der Müller-Anhänger aber nur Randfiguren.
Gänswein und Voderholzer im Fokus
Für den Erzbischof war es ein Wochenende der Feierlichkeiten. Am Abend zuvor hatte er das frühere Papsthaus in Pentling (Lkr. Regensburg) eingeweiht und seiner neuen Bestimmung übergeben: Es soll zur theologischen Begegnungsstätte werden. Besucher könnten sich hier den Lebens- und Wirkungsraum Joseph Ratzingers erschließen, so der Erzbischof.
Erzbischof Gerhard Ludwig Müller wurde mit einem Festakt aus Regensburg verabschiedet. Foto: Schröpf
An Müllers Seite: Papstsekretär Georg Gänswein und Professor Rudolf Voderholzer, der Direktor des Instituts Papst Benedikt. Zwei Männer, deren Namen genannt werden, wenn über den künftigen Bischof von Regensburg spekuliert wird. Ein dritter potenzieller Kandidat war Tuschelthema, auch wenn Fürstin Gloria von Thurn und Taxis ohne ihren Favoriten nach Pentling gekommen war. Sie machte dem Vernehmen nach dort aber kräftig Werbung für Wilhelm Imkamp, den Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild. Sie soll ihm auch dem Apostolischen Nuntius, Jean-Claude Périsset, für höhere Weihen empfohlen haben.
Périsset, Botschafter des Vatikans in Deutschland, ist in das Verfahren zur Bischofsnachfolge eingebunden. Ihm war nicht zu entlocken, wer neuer Oberhirte wird. In der Terminfrage gab er sich ebenso zugeknöpft. Auch bei Gänswein und Voderholzer: Fehlanzeige. „Spekulationen sind Spekulationen“, sagte der Papstsekretär und lächelte charmant. Man dürfe in seinen Besuch in Regensburg nichts hineindeuten. Von Voderholzer war zu hören: „Es schmeichelt meiner Eitelkeit. Mehr auch nicht.“ Papstbruder Georg Ratzinger mahnte zu Zurückhaltung. „Die geeignete Persönlichkeit zu finden, braucht Diskretion.“
Offen zeigte sich Georg Ratzinger in seiner Begeisterung für das Papsthaus. „Ich bin nicht nur überrascht, sondern überwältigt“, dankte er den Verantwortlichen. Das Gebäude gehört seit 2010 der Regensburger Stiftung „Papst Benedikt“, die auch die gesammelten Schriften des Kirchenoberhaupts herausgibt. Herzstück des Gebäudes ist das frühere Arbeitszimmer Joseph Ratzingers. In den Bücherregalen finden sich neben Kirchenliteratur auch die „Frühen Stücke“ von Bertolt Brecht. Der Schreibtisch aus Nussbaum ist eine Rekonstruktion. Am Original arbeitet Benedikt XVI. bis heute im Vatikan. Das Möbelstück begleitet ihn seit den 1950er Jahren. Das Kreuz an der Wand ist die Nachbildung eines Exemplars, das ebenfalls im Apostolischen Palast zu finden ist. Gänswein zeigte sich beeindruckt. „Das sieht aus wie in Rom.“
Erzbischof Gerhard Ludwig Müller wurde mit einem Festakt aus Regensburg verabschiedet. Foto: Schröpf
Besondere Erinnerungsstücke finden sich in einer Vitrine im Nebenraum. Es sind die „Christkindlbriefe“ der Geschwister Ratzinger aus dem Jahr 1934. Der damals siebenjährige Joseph wünschte sich ein Schott-Messbuch und ein grünes Messgewand. Er versprach dem Christkind: „Ich will immer schön brav sein.“ Im selben Zimmer: das „Regensburger Kochbuch“ , nach dessen Anleitung Maria Ratzinger ihre beiden Brüder mit Mehlspeisen verwöhnte. Das Haus in Pentling wurde auch um einige Stücke ergänzt: Neu ist die Papst-Benedikt-Büste vor dem Eingang. Im Garten plätschert nun auch erstmals der Brunnen, den Joseph Ratzinger zwar noch selbst angelegt, aber nicht ans Wasser angeschlossen hatte.
Mit ein wenig Wehmut betrachtete Agnes Heindl die neue Pracht. Die 87-jährige Haushälterin von Georg Ratzinger trauert der Vergangenheit nach. Im alten Wohnzimmer, wo sich Familie und Gäste trafen, ist nun ein Konferenzzimmer. Rupert Hofbauer, Nachbar und Hausmeister ehrenhalber, kann es nachfühlen. „Es ist gut, dass durch die Stiftung wieder Leben ins Haus kommt. Aber ich muss mich auch erst daran gewöhnen.“
Müller behält Papsthaus im Blick
Das Neue aber wäre wohl ganz im Sinne des Papstes. So bescheiden das im Stil der 1970er Jahre restaurierte Haus wirkt, Joseph Ratzinger sei immer ganz auf der Höhe der Zeit, betont Nuntius Périsset und verweist auf die Schreibmaschine im Haus, die damals durchaus fortschrittlich war.
Für Erzbischof Müller ist die Mission in Pentling erfüllt. Das Papsthaus sollte kein Museum sein oder leer stehen. Von Rom aus wird er darauf weiter ein Auge haben – und bei seinen Besuchen in Regensburg.