Wahl in Libyen hat begonnen
Für die Libyer ist der Samstag ein historischer Tag: Die erste demokratische Wahl nach Jahrzehnten der Diktatur erscheint vielen wie ein Fest.
Wahlplakate weisen auf den historischen Tag hin. Foto: dpa
Tripolis. Die Libyer haben die erste landesweite Wahl nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi zu einem Fest gemacht. Frauen stießen in den Wahllokalen Freudentriller aus und verteilten Schokolade. Männer machten das Victory-Zeichen. Vor Wahllokalen in der Hauptstadt Tripolis bildeten sich bereits am frühen Morgen Warteschlangen. Analog zum Ruf der libyschen Revolutionäre „Erhebe dein Haupt, du bist ein freier Libyer!“ fotografierten einige Wähler nach der Stimmabgabe ihre mit Tinte aus dem Wahllokal gefärbten Finger, und jubelten: „Erhebe deinen Finger, du bist ein freier Libyer!“
Übergangsregierungschef Abdel Rahim al-Kib sagte während seiner Stimmabgabe zu Reportern: „Die ganze Welt wurde überrascht vom Erfolg der libyschen Revolution, und genauso wird sie überrascht werden vom Erfolg dieser Wahl.“ Auf die Frage nach den Störmanövern der Föderalisten sagte er: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung.“ Die Föderalisten beklagen die angebliche Benachteiligung der östlichen Gebiete und streben eine weitgehende Autonomie an. Zum Boykott der Wahl haben auch Gruppen aus dem Osten aufgerufen, die meinen, die Zahl der aus ihrer Region besetzten Sitze im Nationalkongress sei zu gering.
Nach Angriffen von Gegnern der ersten demokratischen Parlamentswahl sind im Osten des Landes mehrere Wahllokale geschlossen worden. Das bestätigte der Vorsitzende der Wahlkommission, Nuri al-Abbar, am Samstag vor der Presse in Tripolis. Störaktionen wurden in Brega, Adschdabija und einigen Vierteln der Großstadt Bengasi registriert.
Al-Abbar betonte jedoch, in 94 Prozent der Bezirke sei die Wahl normal abgelaufen. Einige der Wahllokale seien wegen logistischer Probleme geschlossen geblieben, hieß es.
Vor Beginn des Urnengangs war es rund um die östliche Metropole Bengasi zu einzelnen Protestaktionen und Angriffen von Föderalisten und Anhängern des alten Regimes von Muammar al-Gaddafi gekommen. Das Nachrichtenportal „Qurayna“ meldete, in Gaminis, 45 Kilometer westlich von Bengasi, seien drei Wahllokale verwüstet worden. Am Freitag hatten Gegner des Urnengangs einen Hubschrauber der Wahlkommission in Bengasi beschossen. Nach Angaben eines Regierungssprechers starb dabei ein Mitarbeiter der Kommission. Zuvor hatten Demonstranten mehrere Öl-Terminals besetzt. In Adschdabija, wo es während der Revolution im vergangenen Jahr monatelang heftige Kämpfe gegeben hatte, wurden Wahlunterlagen verbrannt.

