Politik 16.08.2012, 21:11 Uhr

Sie kriegen kein Recht, höchstens Gnade

Am Freitag entscheidet das Gericht über das Schicksal der drei Frauen der Skandalband Pussy Riot. MZ-Autor Ulrich Heyden sprach mit einem der drei Verteidiger.

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Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alyokhina, und Yekaterina Samutsevich drohen bei einer Verurteilung mehrere Jahre im Arbeitslager. Foto: dpa

Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alyokhina, und Yekaterina Samutsevich drohen bei einer Verurteilung mehrere Jahre im Arbeitslager. Foto: dpa

Von Ulrich Heyden, MZ

Moskau. In Moskau fällt am Freitag das international beachtete Urteil gegen drei Frauen der russischen Band Pussy Riot, die in einer Kirche Präsident Wladimir Putin kritisiert hatten. Die Staatsanwaltschaft fordert wegen Rowdytums aus religiösem Hass drei Jahre Haft für die jungen Künstlerinnen. Bürgerrechtler kritisieren die Anklage als politisch motiviert. Unser Autor Ulrich Heyden hat mit Mark Fejgin, einem der Verteidiger, gesprochen. Fejgin glaubt, dass das Gericht die drei Frauen von Pussy Riot, die seit nunmehr fünf Monaten in Untersuchungshaft sitzen, zu ein bis drei Jahren Arbeitslager verurteilen wird. Doch der Anwalt hat Hoffnung, dass die Künstlerinnen über eine Anfechtung des Urteils oder eine Begnadigung frei kommen.

Wladimir Putin hat Anfang August in London nach einem Treffen mit dem britischen Ministerpräsidenten David Cameron erklärt, man solle die drei Frauen von Pussy Riot „nicht zu streng“ bestrafen. Wie bewerten Sie diese Äußerung?

Das ist ein Manöver, mit dem Putin auf die heftige Kritik im Westen reagierte. In Russland kann er diese Kritik vollständig ignorieren. Denn die politische Landschaft in Russland ist so aufgebaut, dass die öffentliche Meinung in Russland auf nichts Einfluss hat.

Auch der Brief der 200 russischen Künstler und Musiker, welche die Freilassung der drei Frauen forderten, wird keine Wirkung haben?

Die Macht hört auf die Stimme der künstlerischen Intelligenz. Aber auf die Entscheidung im Fall Pussy Riot hat der Brief der Künstler keinen Einfluss. Das ist so eine Tradition. Bei Stalin war es genauso.

Putin regiert Ihrer Meinung nach wie Stalin?

Natürlich gibt es einen Unterschied. Unter Stalin gab es das Schwungrad des funktionellen Terrors, heute gibt es ein gemäßigt-autoritäres System. Dieses System ist ungefährlich für die persönlichen Freiheiten. Die Menschen können ihr Leben leben. Aber für alle Fragen, die mit der politischen Macht zusammenhängen, gibt es ein Tabu. Niemand kann diese unsichtbare Grenze überschreiten, auch nicht die Künstler.

 

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