Von Reinhard Zweigler, MZ
Der Chef des UN-Klimarates hat an die europäischen Staaten appelliert, beim Klimaschutz voranzugehen. Er habe den Eindruck, in der EU wisse man gar nicht, wie viel Inspiration, Führung und auch Druck von ihr erwartet werde, sagte der aus Indien stammende 68-jährige Klimaexperte der MZ.
Herr Pachauri, befürchten Sie, dass durch die weltweite Finanzkrise der Klimaschutz ins Hintertreffen gerät?
Rajendra Pachauri: Die gegenwärtige schwere Finanzkrise lenkt von dem existenziellen Problem des Schutzes des Weltklimas ab. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen in zwei, drei Monaten, wenn die Krise hoffentlich überstanden sein wird, wieder dieses grundlegende Problem der Menschheit in ihr Blickfeld rücken. Wir müssen den Mut aufbringen und eine Lösung für das Klimaproblem finden. Der weltweite Temperaturanstieg muss zumindest auf zwei Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts begrenzt werden. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Die EU-Staaten haben sich 2007 auf Reduktionsziele bei Treibhausgasen verständigt. Nun streiten sie jedoch darüber, welcher Staat wie viel reduzieren sollte. Wird die EU ihrer Rolle beim Klimaschutz gerecht?
Rajendra Pachauri: Die EU muss führen. Wenn sie nicht vorangeht beim Klimaschutz, wenn sie nicht demonstriert, dass entwickelte Industriestaaten Treibhausgase reduzieren können, dann werden auch die anderen Staaten nicht auf diesen Weg folgen. Ich habe den Eindruck, in der EU weiß man gar nicht, wie viel Inspiration, Führung und auch Druck von ihr erwartet wird. Europa muss ganz klar die führende Rolle beim Klimaschutz übernehmen.
Zuletzt haben auf der UN-Klimakonferenz in Bali die USA konkrete Ziele für die Minderung von Treibhausgasen verhindert. Was sollte sich an dieser Haltung bei der UN-Klimakonferenz im Dezember im polnischen Posen geändert haben?
Rajendra Pachauri: Die USA sind der entscheidende Faktor. Diese Konferenz kommt für einen neuen Kurs der US-Regierung in der Klimapolitik jedoch noch zu früh. Ich setze gewisse Hoffnungen in eine Wahl des demokratischen Bewerbers Barack Obama. Ich kenne seine Berater. Sie haben mir zu verstehen gegeben, dass Obama den Mut aufbringen wird, beim Klimaschutz in seinem Land voran zu gehen. Bis zur Weltklimakonferenz Ende 2009 in Kopenhagen könnten die USA für ein internationales Klimaschutzabkommen ins Boot geholt werden. In Kopenhagen soll das Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll beschlossen werden, das 2012 ausläuft.
Vielen Entwicklungsländern fehlen moderne Technologien, um umweltschonender produzieren zu können. Unternehmen in westlichen Staaten wollen ihre Technologien nicht zum Nulltarif weitergeben. Wie kann man aus dieser Klemme herauskommen?
Rajendra Pachauri: Viele Entwicklungsländer fragen um Hilfen nach, und die Industriestaaten können und müssen auch helfen. Wir müssen die weltweite Klimaveränderung wirklich als globale Herausforderung annehmen. Ich habe deshalb einen internationalen Fonds für Technologietransfer vorgeschlagen. Wir brauchen eine solide Partnerschaft, gemeinsame Projekte, gegenseitiges Vertrauen, wenn wir die größte Herausforderung der Menschheitsgeschichte bewältigen wollen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor einiger Zeit vorgeschlagen, dass im Jahr 2050 jeder Erdenbewohner nur noch zwei Tonnen Kohlendioxid-Emissionen jährlich verursachen dürfe. In Deutschland sind es zurzeit noch elf, in den USA 20 Tonnen, in Entwicklungsländern eine bis vier Tonnen. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Rajendra Pachauri: Das ist eine revolutionäre Idee, die eine gewaltige Veränderung in der Klimapolitik bewirken sollte. Sie könnte die gegenseitigen Blockaden, mit der sich etwa die USA und Entwicklungsländer paralysieren, aufbrechen. Das Pro-Kopf-Konzept könnte den Entwicklungsländern einen Zuwachs an Wohlstand zugestehen, ihnen aber zugleich zusammen mit den Industriestaaten klare Pflichten auferlegen. Ich hoffe, dieses Konzept kann umgesetzt werden.