Politik 06.02.2012, 21:45 Uhr

Der Bohemismus hatte keine Chance

Böhmen gehörte jahrhundertelang dem Reichsverbund an. Doch immer wieder kam es zu Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen.


        Der Löwe ist das Wappentier von Bayern und von Böhmen. Bei der Landesausstellung in Zwiesel, die 2007 1500 Jahre Nachbarschaft von Bayern und Böhmen beleuchtete, standen sie symbolhaft für das Neben- und Miteinander. Foto: dpa

Der Löwe ist das Wappentier von Bayern und von Böhmen. Bei der Landesausstellung in Zwiesel, die 2007 1500 Jahre Nachbarschaft von Bayern und Böhmen beleuchtete, standen sie symbolhaft für das Neben- und Miteinander. Foto: dpa

Von Gustav Norgall, MZ

Regensburg. Johann Wolfgang von Goethe reiste oft von Weimar nach Karlsbad. Um 1800 überquerte er bei der Kutschfahrt von Thüringen nach Böhmen zwar einige Landesgrenzen, das Heilige Römische Reich deutscher Nation musste er dabei aber nicht verlassen. Böhmen war fast ein Jahrtausend lang ein Bestandteil des Reiches – aber doch auch nicht so ganz. Tschechen und Deutsche verbindet vieles, doch es gab in der langen Geschichte leider Gemeinsamkeiten im Guten wie im Schlechten.

Historische Atlanten stellen die Sache auf den ersten Blick ziemlich eindeutig dar. Die Reichsgrenzen schließen im Osten auch Böhmen und Mähren ein – allerdings reicht das Reich im Mittelalter zum Beispiel auch bis weit nach Italien oder in das heutige Belgien oder bis hinunter ins Rhonetal. Das Reich unter dem Kaiser war damals ein übernationales Gebilde, das eigentliche „deutsche“ Königreich hatte engere Grenzen.

Als 1512 sein Territorium in zehn Reichskreise eingeteilt wurde, gehörten Böhmen und seine Nebenländer keiner dieser Kreise an. Ein deutlicher Hinweis auf seine Sonderstellung im Reichsgefüge.

Das seit dem 6. Jahrhundert slawisch besiedelte Böhmen stand bereits früh in engen Beziehungen zu seinem westlichen Nachbarn. Böhmen war zum Beispiel bis zum Jahr 973 Teil des Bistums Regensburg, erst dann entstand ein eigenes Bistum. Die Herrscher aus dem Haus der Premysliden ordneten sich zwar dem deutschen König beziehungsweise Kaiser unter, die eigene böhmische Königswürde – 1085 verliehen – hob den jeweiligen Herrscher aber weit aus dem Kreis der Reichsfürsten heraus. Später gehörte der böhmische Herrscher dem einflussreichen siebenköpfigen Kurfürstenkollegium an, dass den König/Kaiser wählen durfte.

Im 13. Jahrhundert wanderten viele Deutsche vor allem in die Randgebiete von Böhmen und Mähren, das Land wurde zweisprachig. Diese Bewegung erreichte im 14. Jahrhundert ihren Höhepunkt, als der böhmische König als Karl IV. aus dem Haus der Luxemburger zugleich als deutscher König und Kaiser herrschte. Die Kunst blühte, in Prag entstand die erste Universität im ganzen Reich, in der Prager Kanzlei des Herrschers wurden die Grundlagen für die moderne deutsche Sprache gelegt.


 

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