Bis jetzt nur bunte Bildchen: Die Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte sind derzeit noch eingeschränkt. Fotos: dpa, DGVP
von Martin Anton, MZ
München/Berlin.
Seit zehn Jahren ist die Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte (eGK) in Deutschland geplant. Das Projekt hat seitdem schätzungsweise vier Milliarden Euro gekostet. Voriges Jahr bekamen die ersten zehn Prozent der in Deutschland gesetzlich Versicherten ihre neue eGK. Die Unterschiede zur alten Karte sind gering: Ein Foto ziert ab jetzt das Plastik. Außerdem sind zusätzlich zu den bisherigen Verwaltungsdaten auch das Geschlecht vermerkt und ob der Versicherte von gesetzlichen Zuzahlungen befreit ist. Künftig jedoch soll die eGK die digitale Vernetzung in die Arztpraxen bringen.
Auf die Online-Anbindung der Karte werde man allerdings wohl noch einige Jahre warten müssen, erklärt Ann Marini vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Derzeit befinde man sich noch vor dem Praxistest. Geplant ist eine Kombination aus Chipkarte und Online-Konto, über das der Versicherte die Inhalte auf seiner Karte verwalten kann.
Wichtige Daten immer dabei haben
Daten wie Anschrift und Versicherungsstatus wären weiterhin für jeden Arzt sichtbar. Außerdem sollen Notfall-Informationen über Allergien oder andere Unverträglichkeiten gespeichert werden, die den Ärzten eine schnelle Reaktion ermöglichen – auch wenn der Patient nicht mehr ansprechbar ist. Über eine zusätzliche Information: „Organspender, ja/nein“ wird derzeit noch beraten. Außerdem sollen es Karte und Konto ermöglichen, die eigene Krankengeschichte zu speichern. Impfungen, Operationen, Röntgenbilder usw. wären dann für den behandelnden Arzt einsehbar – oder auch nicht. Denn das Gesetz sieht vor, dass der Karteninhaber selber entscheiden kann, wer zu welchen Informationen Zugang hat. Soweit die Theorie. Doch zunächst sind die Kassen, die per Gesetz den Auftrag zur Einführung der eGK bekommen haben, noch mit dem Austausch beschäftigt. Bis Ende dieses Jahres sollen 70 Prozent der 70 Millionen in Deutschland gesetzlich Versicherten ihre Karte erhalten. Bis Ende 2013 soll der Prozess dann abgeschlossen sein. Doch nicht jeder ist von der eGK überzeugt.
Zunächst einmal stehen für viele die Kosten in keinem Verhältnis zum Nutzen der Karte. Die geplanten 600Millionen Euro seien viel zu gering angesetzt, ist sich Wolfram-Arnim Candidus von der Allianz Pro Gesundheit sicher. Allein heuer werde der Austausch wohl zwei Milliarden Euro kosten, schätzt Candidus. Aus Angst vor wechselwilligen Kunden würden die Kassen die Kosten nicht über Beitragserhöhungen, sondern über Kürzungen bei der Versorgung wieder reinholen.
Abgesehen von der Zahlungsfrage geht es vielen Kritikern um den Datenschutz. Laut Gesetz soll jeder Versicherte Herr über seine Daten sein. Da diese aber zentral gespeichert werden sollen, hält Silke Lüder einen Missbrauch trotzdem für möglich. Nicht auszumalen, wenn „halbseidene Firmen“ ihre Hände auf die Krankheitsdaten von Versicherten bekämen, mahnt die Fachärztin und Sprecherin des Bündnisses „Stoppt die e-Card“.
Auch Wolfram-Arnim Candidus glaubt nicht, dass nach den derzeitigen Regelungen die Daten-Autonomie der Versicherten wirklich gewährleistet sei. Schließlich müsse auch sichergestellt sein, dass die Krankenkassen nicht frei auf die Informationen zugreifen können. „Das sind ganz sensible Daten“, gibt GKV-Sprecherin Ann Marini zu. Allerdings müsse man sich im Klaren über den Zweck der eGK sein: bessere Versorgung von Kassenpatienten.
Im Übrigen seien prominente Datenschützer wie Peter Scharr für die eGK und hielten die Regelungen für vorbildlich, betont Helga Leirich von der AOK Bayern. Die größte deutsche Krankenkasse, bei der deutschlandweit ein Drittel der Bevölkerung und in Bayern über vier Millionen Menschen versichert sind, treibt seit Oktober 2011 den Austausch voran. Bis jetzt seien im Freistaat etwa 750 000 eGK ausgegeben worden. Pro Monat folgen über 300000. Die Zahl derer, die sich gegen einen Austausch weigerten, ist nach Angaben der AOK im niedrigen dreistelligen Bereich. Auch diejenigen, die sich „durch Passivität Bedenkzeit verschaffen“, fielen kaum ins Gewicht. So geht die AOK davon aus, 2012 die 70 Prozent zu erreichen. Schafft eine Krankenkasse das nicht, dürfen sich ihre Verwaltungsausgaben im kommenden Jahr nicht erhöhen.
Niemand wird gezwungen
Und was, wenn ein Versicherter sich weigert, sein Bild einzusenden und die neue Karte zu benutzen? Niemand kann gezwungen werden. Auch wird man nicht aus der Versicherung rausgeschmissen. Für eGK-Boykottierer gilt zunächst die aktuelle Krankenkassenkarte bis zum Ablaufdatum. Danach dürfen die Betroffenen das Revival des Krankenscheins feiern, den sie dann vierteljährlich bei der Versicherung bestellen müssen. „Es ist im ureigenen Interesse der Versicherten, ihre Daten den Ärzten zugänglich zu machen“, bekräftigt Ann Marini den Sinn der eGK. Der schnellere und einfachere Fluss der Informationen werde die Qualität der Versorgung verbessern und sie außerdem günstiger machen.
Zunächst aber bringt die neue Karte nicht viel Neues. Die Kosten lassen allerdings auch die Krankenkassen darauf drängen, möglichst schnell weitere Nutzungen einzuführen. Sonst sei alles umsonst gewesen. Davon ist Candidus ohnehin überzeugt. Zwar sind auch die Gegner der eGK grundsätzlich für die Einführung der Informationstechnologie in deutschen Arztpraxen, aber: „Die elektronische Gesundheitskarte hat in dieser Form keine Perspektive“, meint Candidus. Außerdem werde die nächste Bundesregierung wahrscheinlich die Bürgerversicherung einführen. „Dann kommen die teuren Karten auf den Müll“, sagt Candidus.