Der neue Hauptstadtflughafen, der an diesem Sonntag in Betrieb gehen sollte, ist nach wie vor eine Baustelle. Vor März 2013 wird es keine Starts geben. Foto: dpa
Von Steffi Dobmeier
BERLIN.
Sie hat es aus dem Fernsehen erfahren. Auf der Pressekonferenz sagte der Flughafen-Chef, der Eröffnungstermin im Juni müsse verschoben werden – vor dem Fernseher saß Beatrice Posch und sagte gar nichts. Sie dachte an ihren Laden, 60 Quadratmeter, mitten im neuen Terminal. Dort wollte sie Spielzeug und Geschenkartikel verkaufen, Kindergeschirr und Babyartikel, Postkarten und Taschen.
Eine Stunde später klingelte das Telefon: Der Flughafenbetreiber wollte ihr die Situation persönlich erkären. Da war die Betriebswirtin aus Berlin längst vorgewarnt. „Die totale Katastrophe“, sagt Beatrice Posch, „und das drei Wochen vor der Eröffnung.“ Die Ware war bestellt, das Geschäft vollständig möbliert, sie hatte fünf Verkäuferinnen eingestellt. Und jetzt? Die Ware ist inzwischen storniert, über den Regalen liegen Decken und Planen zum Schutz, den fünf Frauen hat sie gekündigt. „Es bleibt mir ja nichts anderes übrig“, sagt die 40-Jährige.
Kopfschütteln über Politiker
Es hätte das ganz große Ding werden sollen. Eine neue Filiale am modernsten Flughafen Europas, mittendrin im geschäftigen Treiben von Touristen, Geschäftsreisenden und Besuchern. Ein bunter Laden, der „Die kleine Gesellschaft“ heißt, voller Geschenkideen. Sie hat schon „richtig viel Geld“ in das Projekt gesteckt, es sollte die dritte Filiale werden. Und nun das. Jetzt geht es um die Schadensbegrenzung. Ob jemand für den finanziellen Ausfall, für die Stornokosten und den ganzen Ärger aufkommt, ist noch unklar. „Es gebe kein Geld, um das aufzufangen, hat man mir gesagt“, so Posch. Sie hat einen Anwalt eingeschaltet. „Bringt ja nichts“, sagt sie.
Auch andere Unternehmen haben sich juristische Hilfe gesucht. Diejenigen, die an den Fughäfen Tegel und Schönefeld schon längst den Ausverkauf gestartet hatten, um die restliche Ware vor dem Umzug noch loszuwerden.
Diejenigen, die Dutzende neue Mitarbeiter für die neue Filiale in Schönefeld eingestellt haben und jetzt wieder kündigen müssen. Oder diejenigen, die bereits Mitarbeiter entlassen haben, weil sie kein Geschäft am neuen Flughafen haben. So wie Anne. Ihr Chef hatte ihr gekündigt, weil das Unternehmen, für das sie arbeitet, zwar in Tegel einen Laden hat, nicht aber am neuen Flughafen. Jetzt hat die 28-Jährige ihren Job wieder – zumindest so lange, bis der neue Flughafen tatsächlich öffnet. Bis dahin wird sie weiterhin T-Shirts und Hosen verkaufen, Röcke an die Kleiderstangen hängen und Kunden beraten. Anne, die in Wirklichkeit anders heißt, aber ihren Namen aus Sorge vor Konsequenzen nicht in der Zeitung lesen will, gehört zu den wenigen, die sich nicht darüber beklagen, dass aus dem Prestigeobjekt Hauptstadtflughafen ein Desaster geworden ist: „So habe ich immerhin noch für acht Monate einen Job.“
So gelassen wie sie, sehen es die wenigsten Hauptstädter. Weil der Brandschutz im Terminalgebäude nicht rechtzeitig fertig wurde und die zuständige Baubehörde keine Übergangslösung akzeptierte, schüttelt man in Berlin den Kopf über Politiker und diejenigen, die die Planungen in der Hand hatten. Der Flughafen Berlin Brandenburg, der als modernster Flughafen Europas angepriesen wurde, ist zur Farce verkommen. Zwar gab es erste Konsequenzen, der Geschäftsführer und technische Chefplaner des neuen Flughafens musste gehen. Auch die Generalplaner verloren den Auftrag. Aber damit ist Beatrice Posch auch nicht geholfen. „Ich will wissen, wie es so weit kommen konnte“, sagt sie. Das konnte ihr bisher noch niemand erklären.
Der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft – zuständig unter anderem für die Kontrolle der Baumaßnahmen – will erst kurz vor der Presse von den Problemen beim Brandschutz erfahren haben. Und das, obwohl die Schwierigkeiten offenbar schon Ende 2011 bekannt waren. Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender, muss zwar seit Wochen Kritik und Häme über sich ergehen lassen, genauso wie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzek, ebenfalls im Aufsichtsrat. Aber noch verhallen die Rufe nach politischen Konsequenzen und Rücktrittsforderungen mehr oder minder ungehört im Getöse der Bauarbeiten.
Suche nach individuellen Lösungen
Über 7000 Menschen arbeiten auf dem Gelände südlich der Gemeinde Schönefeld, etwa 2500 davon im Terminal. „Restarbeiten“, wie es ein Flughafensprecher nennt. „Dazu gehören die Brandwachen und der Objektschutz“, sagt er. Man stehe in Kontakt mit allen Betroffenen – und suche nach individuellen Lösungen. „Vor allem für kleine Unternehmen darf keine existenzbedrohende Situation entstehen“, so der Sprecher. Wie genau das aussehen kann, dazu will er noch nichts sagen. Das sei alles ein Prozess, der noch längere Zeit dauern könne.
Zeit hat Beatrice Posch viel in den kommenden Monaten. Geduld? Das ist eine andere Frage. Sie hofft, dass die fünf Verkäuferinnen, die sie entlassen musste, im März 2013, wenn der Flughafen nun endgültig eröffnet werden soll, wieder bei ihr einsteigen. Vielleicht finden sie bis dahin keinen anderen Job, oder sie kommen trotz Jobs zurück. „Wenn nicht“, sagt sie, „dann muss ich im Frühjahr wieder ganz von vorne anfangen.“