Felix Garbe (l.), Gründer und Vorsitzender des Vereins Bonfaremo, verfolgt den Unterricht in der Msafiri English School in Kisangara. Fotos: Bonfaremo
Von Veronika Widmann, MZ
Regensburg. Als er zehn ist, bekommt Felix Garbe ein Buch geschenkt, „Meine erste Million“ steht auf dem Titel. Mit 15 gründet er ein Unternehmen, er träumt von einem Lamborghini und einem Vorstandsjob. Mit 18 fängt er an, in Regensburg Betriebswirtschaftslehre (BWL) zu studieren. Heute ist Felix 20 Jahre alt – und Vorsitzender des Bonfaremo e.V.. Das erste, was er in die Satzung des gemeinnützigen Vereins schrieb, war: Niemand soll mit seiner Arbeit bei Bonfaremo je Gewinn erwirtschaften.
„Es war ein glücklicher Zufall, dass BWL so scheiße war“, sagt Garbe. Die Inhalte des Studiums sind ihm zu theoretisch und lebensfern, seine Kommilitonen lustlos und gelangweilt. Das Prinzip Uni enttäuscht: Es gleicht zu sehr der Schule, jeder schielt nur auf die Uhr und wartet auf das Ende der Vorlesung. Garbe hat keine Lust, nur zuzuhören und still zu sitzen. Nach zwei Wochen, im Herbst 2010, schmeißt er hin – und beschließt, das umzusetzen, was ihm schon eine Weile im Kopf herumschwebt.
Vom Studium zur Entwicklungshilfe
2009 ist er in Afrika gewesen, zwei Wochen reiste er durch Gambia. Zu sehen, wie arm die Leute dort sind, habe etwas in ihm verändert, sagt Garbe. Deshalb habe er nach einer Möglichkeit gesucht, etwas für Menschen in Afrika zu tun – auch ohne Ausbildung und Erfahrung als Entwicklungshelfer. Über einen Bekannten erfährt er von der Msafiri English School in Kisangara, einem kleinen Ort in Tansania. Schon seit Jahren wird die Schule vom Rotary Club aus Felix’ Heimatort Mühldorf am Inn und privaten Spendern unterstützt. Jetzt braucht sie neue Klassenzimmer – Garbe will dafür sorgen, dass sie gebaut werden.
Seine Idee: Die Leute sollen nicht einfach Geld spenden, sondern ganz konkret sehen, welchen Beitrag sie leisten. In einem virtuellen Klassenzimmer sollen sie „einkaufen“ gehen können, einen Stuhl oder einen Tisch auswählen und ihn dann in den „Spendenkorb“ legen.
Programmieren kann Garbe nicht – aber er kann reden und Leute begeistern. In Informatikvorlesungen an der Hochschule Regensburg erzählt er von seiner Idee und hat schnell ein Team beisammen, das ihm bei der Umsetzung des virtuellen Klassenzimmers helfen will.
Garbe wühlt sich durch Vorschriften und Gesetzestexte. Einen wohltätigen Verein zu gründen ist zuerst einmal ein Kampf mit der Bürokratie. Er schreibt eine Satzung, vier DINA4-Seiten ist sie lang. Steuerberater, Finanzamt und Notar segnen sie ab, das Amtsgericht aber hat noch etwas auszusetzen: Irgendwo im Text fehlt das Wörtchen „nur“. Nach vier Monaten und einem zweiten Gang durch die Instanzen ist Bonfaremo schließlich ein eingetragener, gemeinnütziger Verein.
Ortsbesuch in Tansania
Im August 2011 geht die Homepage online. Jedes Teil der Klassenzimmer, das bereits gespendet ist, färbt sich ein – so kann jeder genau erkennen, was noch fehlt. Garbe wirbt an Unis in Deutschland und Österreich für Bonfaremo, bald folgen über 600 Menschen der offiziellen Facebook-Seite. Im Oktober reist er selbst nach Tansania – um die Schule zu besuchen, zu unterrichten, beim Bau der Klassenzimmer dabei zu sein, aber auch, um bei Reisen das Land kennenzulernen.
Auf einem Blog lässt Garbe Freunde von Bonfaremo an seinen Erfahrungen teilhaben: Er berichtet davon, wie er entgegen seinen Erwartungen bestens mit Essen versorgt wird. Er erzählt vom Alltag als „Teacher Felix“ und von seinem schlechten Gewissen, wenn er den Kindern, die sich so etwas doch nie leisten könnten, einen Film auf seinem Laptop zeigt. Immer wieder erwähnt Garbe auch, dass am nächsten Tag die Bauarbeiten beginnen sollen – und wirkt enttäuscht, dass sie sich doch erneut verzögern. Manchmal schwingt in seinen Blogeinträgen Stolz mit, wenn er über das nachdenkt, was er und die Unterstützer von Bonfaremo geleistet haben.
Prominente Unterstützung
Als dann tatsächlich die ersten Löcher in die trockene tansanische Erde gegraben werden, muss Garbe erst seinen inneren Schweinhund überwinden, bevor auch er zur Hacke greift. Nach einer halben Stunde hat er, der Weiße, nicht nur viel roten Staub im Gesicht, sondern auch drei Blasen an den Händen. So schnell will er aber nicht aufgeben, mit einem Handtuch um den Stiel eines Spatens gräbt er weiter – bis eine halbe Stunde später die nächsten Blasen wachsen.
Dass Garbe vor Ort ist, spricht sich herum: Im Februar kommt ein Mann zu ihm. Er leitet das „Malage Workshop and Vocational Center“ in Malage, eine Art Berufsschule. Sie ist beinahe ohne Hilfe von außen entstanden: Die Schüler haben die Gebäude selbst gebaut, was sie in ihrer Ausbildung herstellen, wird zum Wohle der Schule verkauft. Nun bittet der Leiter aber um Hilfe: Eine Bücherspende droht zu vergammeln, weil keine Bibliothek vorhanden ist – Garbe hat sein zweites Projekt gefunden.
Kaum ist abgeklärt, dass Bonfaremo das Center unterstützen wird, reist der nächste glückliche Zufall in Form eines Volontärs an, der zuvor für Groupon gearbeitet hat. Er erzählt Garbe davon, dass der Rabattgigant eine Charity-Aktion plant, sobald er 100.000 Fans auf Facebook hat – wenig später steht fest, dass die Aktion dem Malage Center zu Gute kommen wird.
Am 6. Juni ist es soweit: Der hunderttausendste Facebook-User klickt auf den „Gefällt-mir“-Button von Groupon Deutschland. Die Fans können sich auf der Homepage Lose abholen, Groupon spendet dann Geld für jedes verteilte Los. Die Aktion aber läuft schleppend, am Ende kommen 1000 Euro zusammen – nur zehn Prozent dessen, was Bonfaremo für den Bau braucht. Auch bei Groupon ist man vom Ergebnis enttäuscht und will die Aktion deshalb bald wiederholen.
Garbe ist zu diesem Zeitpunkt schon zurück in Deutschland. Gemeinsam mit seinen Programmierern hat er erneut Bibliothek, Klassenzimmer und Schlafsaal entworfen und für Spenden freigeschaltet. Die virtuellen Stühle und Tische wandern dieses Mal aber nicht so schnell in die Warenkörbe der Spender. „Beim ersten Mal habe ich viel mehr persönlich mit Leuten darüber gesprochen – ich glaube, daran könnte es liegen“, sagt Garbe. Offline-Marketing ist auch für ein Online-Projekt essentiell.
Garbe ist noch nicht ganz angekommen in Deutschland. Er vergisst schon mal, dass er gelegentlich auf sein Handy schauen sollte, um keine Verabredungen zu verpassen. Wenn abends um neun die Straßenlaternen anspringen, nimmt er es bewusst wahr und nicht einfach hin. Mit dem Kopf ist er ohnehin weiter in Afrika, bei Bonfaremos nächstem großen Projekt: einer Schule in Kenia.
Neue Räume für Kindergarten
Zusammen mit einem kenianischen Lehrer hat Garbe die Idee entwickelt. Bau- und Finanzierungsplan bis 2018 stehen. Tim-Hendrik Meyer, der ehemalige Groupon-Mitarbeiter, ist nun zweiter Vereinsvorstand von Bonfaremo. Er ist bis November in Kenia vor Ort, ab August kommen weitere Volontäre aus Deutschland. Im Januar 2013 soll die erste Kindergartenklasse in den neuen Räumen lernen.
Garbe will das nächste Jahr noch ganz seinem Verein widmen; danach gibt er der Uni noch eine Chance: Psychologie soll es werden, am liebsten in den USA, auf jeden Fall nichts Wirtschaftliches. „Ich war gut darin, Geld zu verdienen, und es hat mir Spaß gemacht. Aber das, was ich jetzt mache, ist so viel cooler,“ sagt Garbe und blickt einen mit weit geöffneten Augen an – so als könnte er das immer noch nicht recht glauben.