Das Geheimnis der verlorenen Drucke
Ludwig Gebhards „Menschenbild“ ist in der Galerie Dr. Erdel zu sehen.
Den Linolschnitt „Figur ’97“ schuf Ludwig Gebhard 1997. Foto: Erdel
Von Helmut Hein, MZ
Künstlerkollege Peter Dorn, der schon früh mit dieser Technik experimentiert hat, lässt nicht locker: „Wo sind denn die verlorenen Drucke?“, fragt er während der Gebhard-Vernissage in der Galerie Dr. Erdel. So lang und so insistent, bis der Galerist schmunzelnd das hervorholt, was die lang gestreckten Räume am Fischmarkt sonst noch so bergen.
Dieser Druck dokumentiert eine frühe Arbeitsphase eines typisch Gebhard’schen Linolschnitts. Er ist aber nicht (nur) Zeugnis für den Schaffensprozess, gewissermaßen ein „work in progress“-Schnappschuss, sondern selbst ein perfektes Werk, autonom, von durchaus eigenem Rang und Reiz. Einigen der Umstehenden drängt sich sogar der Eindruck, dieses „Menschenbild“ (noch) in schwarz-weiß sei in seiner Reduktion prägnanter, „schöner“ als der letzte Druck, der mit seiner ausdifferenzierten Farbigkeit prunkt.
Seine Blätter erinnern an Picasso
Verlorene Drucke, was heißt das? Der Linolschneider hat immer nur eine „Platte“ benutzt. Er hat zwischendurch gedruckt, beginnend mit 80er-Auflagen. Beim Weiterschneiden wird dieses erste Bild zerstört, es kann nicht „wiederholt“ werden; bis zu einem Dutzend Druckvorgänge braucht es, bis ein Gebhard in seiner ganzen Farbigkeit fertig ist. Die früheren Drucke sind „verloren“; sie überleben nur als Ausschuss; akzeptiert sie der Künstler, gehen sie im nächsten Arbeitsschritt, im nächsten Druck auf und unter.
Wer nur kleinere Reproduktionen kennt, weiß nichts vom Zauber dieses Künstlers, dem Dr. Erdel schon einmal eine Ausstellung widmete (2005) und den er jetzt, postum, zu seinem 75. Geburtstag, mit einer Serie von „Menschenbildern“, dem Kern seines Oeuvres würdigt.

