Falstaff (Johannes Schwärsky, r.) schickt Liebesbriefe an zwei Damen.
Von Gerhard Dietel, MZ
Regensburg.
Ein Hauch von Abschiedsstimmung liegt in der Luft. Denn dies ist die letzte Inszenierung Ernö Weils, des scheidenden Regensburger Intendanten im Haus am Bismarckplatz. Aber damit so etwas wie Wehmut gar nicht erst aufkommen kann, steht bewusst Heiteres auf dem Programm: Verdis Commedia lirica „Falstaff“, mit deren Bühnen-Realisation sich Weil einen Herzenswunsch erfüllt und zugleich dem hiesigen Opernpublikum einen beschwingten, gleichermaßen sehens- wie hörenswerten Theaterabend beschert.
Aus ihrem angestammten Milieu haben Weil und Karin Fritz, die für Ausstattung und Kostüme verantwortlich zeichnet, die auf Shakespeares „Lustigen Weibern von Windsor“ basierende Handlung in neuere Zeiten versetzt. Falstaffs Domizil, der „Gasthof zum Hosenband“, hat sich zum noblen Golfhotel verwandelt, wo die Upper Class auf dem Green den Schläger schwingt. Sogar einen leibhaftigen Rolls Royce darf das Publikum im Anfangsbild auf der Bühne bestaunen. Allerdings: die Verwandlung zur nächsten Szene dauert an diesem Premierenabend bedenklich lange.
Genussmensch mit Schwächen
Ein wenig rätselhaft bleibt, wie es den Ritter John Falstaff in dieses Ambiente verschlagen hat, der doch ein bisschen verlebt und heruntergekommen wirkt. Der Bass-Bariton Johannes Schwärsky gibt ihm stimmlich wie darstellerisch sehr überzeugende Figur.
Als dem Wein und den Zigarillos zugeneigten Genussmenschen zeichnet Schwärsky den Falstaff, der trotz sichtbarem Embonpoint Agilität und Gewitztheit nicht verloren hat und schon einmal, erotische Genüsse erhoffend, ein Bärentänzchen vollführt.
Eitelkeit, welche ihn seine Attraktivität überschätzen lässt, ist seine schwache Seite, so dass er leicht zum Opfer von Foppereien wird. Seine Stärke dagegen ist ein Philosophengemüt, das ihn jenseits aller Rache-Allüren Niederlagen stoisch ertragen lässt.
Die lustigen Weiber machen Falstaff zu schaffen.
Große Arien, abgegrenzte Nummern für einzelne Sängerstars gibt es in diesem Spätwerk Verdis nicht mehr, das auf den Dialog der Figuren in leichtem Parlando setzt. Was zählt, ist die geschlossene Ensembleleistung, und mit der darf man, was die Premieren-Besetzung betrifft, stimmlich wie in der Figuren-Charakteristik hochzufrieden sein.
Auf der Männerseite mit Fritz Steinbacher als am Schluss düpiertem Freier Dr. Cajus, Seymur Karimov als einem eifersüchtigen Ford von eher südländischem als britischem Temperament, Cameron Becker als Fenton, der seinem tenoralen Liebesbalzen einen Hauch von Parodie beimischt, sowie mit Michael Berner und Bart Driessen, die ihr Spiel als halbseidenes Dienerpaar Bardolph/Pistol gekonnt mit einigen Slapstick-Elementen anreichern.
Leichtigkeit und Turbulenz
Viel Koketterie ist im Spiel bei den beiden „lustigen Weibern“ Mrs. Alice Ford (Anna Herczenik) und Mrs. Meg Page (Kathrin Göring), während der volltönende Mezzosopran Mihalea Ungureanus trefflich zur Rolle der kuppelnden Mrs. Quickly passt und Elvira Hasaganic eine wunderbar jugendfrische Nannetta verkörpert.
Leichtigkeit und Turbulenz beherrschen bis ins nächtlich-spukhafte Schlussbild hinein das Geschehen, und sie ertönen auch aus dem Orchestergraben, wo GMD Tetsuro Ban das Philharmonische Orchester ganz kammermusikalisch durchsichtig musizieren lässt. Manche Kapriolen dürfen die Instrumente vollführen und manchmal scheint es, als wollten sie sich vor Lachen ausschütten über die Intrigen, die gerade auf der Bühne gesponnen werden.
Dass Orchester und Sänger nicht immer ganz auf dem Punkt zusammenstimmen, ist bei einer Live-Aufführung dieser so springlebendig-impulsiven Musik nahezu unvermeidbar.
Als der letzte Ton verklungen ist, lässt Ernö Weil erst einmal lange Zeit die Darsteller im Applaus des Premierenpublikums baden, bevor auch er schließlich zusammen mit Karin Fritz die Bühne betritt und sich mitfeiern lässt. „Alles ist Spaß auf Erden“: so haben die Bühnenfiguren und der von Christoph Heil einstudierte Chor in Verdis Schlussfuge gerade das Resümee der Handlung gezogen. Ob das auch für Abschiede wie den des scheidenden Intendanten gilt?