Buchbesprechungen 06.10.2011, 00:00 Uhr

Ein böses kaltes Märchen, das man uns nicht erzählt

Marlene Streeruwitz entwirft in „Die Schmerzmacherin.“ eine gnadenlose Innen- und Außenwelt.

von Claudia Bockholt, MZ

Es beginnt im gleißend weißen Schnee in der bayerisch-tschechischen Grenzregion, irgendwo bei Furth im Wald. „Die Schmerzmacherin.“ ist ein kaltes, quälendes Buch – eine Geschichte, die nirgends ganz erzählt wird, ein Thriller ohne griffigen Plot, ein Drama, das nicht die Empathie des Lesers erheischt. Amy, eine 24-jährige Österreicherin, hat bei einem international agierenden Sicherheitsunternehmen angeheuert. Keines also, das nur auf Konzerten für Ordnung sorgt oder Bodyguards für Prominente stellt.

Auf perfide Weise gequält

Vielmehr eines, das die Funktionen von Polizei und Militär – bevorzugt in Krisengebieten und Kriegen – übernimmt und seine Mitarbeiter wie Geheimdienstler ausbildet. Wie bringe ich einen Verdächtigen zum Reden? Durch Folter. Doch wie bringe ich einen Menschen dazu, andere zu foltern? Amy scheint der Aufgabe nicht ganz gewachsen, keine natural born „Schmerzmacherin“. Sie wird ja selbst auf perfide, unheimliche Weise gequält. Sie erlebt alptraumhafte, unwirkliche Szenen, umringt von Kollegen, die wie Roboter agieren. Die Organisation ist der dunkle, unfassbare Feind. Sie wird unter Drogen gesetzt und geschwängert. Sie erlebt eine Fehlgeburt. Sie flieht, sie blutet, rennt, wird in einer Verhörsimulation brutal geschlagen, dem Geliebten werden die Knie zertrümmert, der Vergewaltiger ist am Ende tot.

Die Hintergründe bleiben vielfach dunkel, der Leser muss sich die Geschichte über weite Strecken selbst zusammenreimen. Was passiert hier? Streeruwitz will es uns nicht erzählen. Sie mutet uns stattdessen fortwährend Schmerz zu, körperlichen, geistigen, seelischen, alles durchdringenden Schmerz.

Eine dezidiert politische Autorin

Amy erträgt die Quälerei (die oft genug Selbstschinderei ist, um die Ausbildung erfolgreich abzuschließen), mit beobachtender, befremdender Distanz zu sich selbst. Der Schmerz erscheint als selbstverständlicher Teil ihrer Identität. Sie ist das Kind einer Drogenabhängigen, die sich von ihr endgültig abgesetzt hat. Die ihr innewohnende Unruhe, mutmaßt Amy, könnte Teil der „Verlassenschaft ihrer Mutter“ sein, das fatale Erbe. Ihren Vater kennt sie nicht.

 

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