Dies ist keine Liebesgeschichte
Joyce Carol Oates’ Drama „Vergewaltigung“ hat Parallelen zu Harper Lee.
„Vergewaltigt. Eine Liebesgeschichte“ heißt Joyce Carol Oates’ neues Buch. In den USA ist es schon 2003 erschienen, bei uns erst jetzt als Taschenbuch. „Vergewaltigt“: Man erwartet einen Thriller oder eine Ermittlungssache, aber gewiss keine Liebesgeschichte. Die taucht im Text auch nur verdeckt, allerdings höchst vielschichtig auf und ist auch nicht eindeutig nur zwei Personen zuzuordnen. J. C. Oates deutet diese unerfüllten Liebesgeschichten nur ganz zart an, die zwischen dem Vergewaltigungsopfer Teena Maguire und dem Cop, der sie schwerverletzt findet, oder die zwischen Teenas Tochter Bethie, die die Gruppenvergewaltigung als Zwölfjährige miterlebt, und dem Cop John Dromoor, der mehr tut (do more) als nur seinen Job, der seine Golfkriegserfahrung mit dem Töten dazu nutzt, vielleicht die Versäumnisse einer unfähigen Justiz auszubügeln.
Die lebenslustige junge Witwe Teena erfährt im Städtchen Niagara Falls das, womit Vergewaltigungsopfer oft zu rechnen haben: Sie wird von ihrer Umgebung angegriffen. „Eine Frau wie die, fünfunddreißig und rennt rum wie ein Teenager... Knallenge Klamotten, die Busen und Po betonen, was erwartet die denn?“
In der Nacht des 4. Juli 1996, man feiert den Unabhängigkeitstag, wird sie von einer Horde von neun betrunkenen und mit Crystal zugedröhnten jungen Männern fast zu Tode gebracht, leidet monatelang daran, wird Alkoholikerin. Von einer scheinbar ganz munteren Teena und ihrem neuen Lover kommt am Ende des Buches eine Postkarte. Der dritte Teil des Buches, nur zwei Seiten lang, berichtet von Bethie, die in New York verheiratet ist, gegen ihre Erinnerungen kämpft, Erinnerungen auch an John Dromoor, der eine Karriere als Kriminalkommissar gemacht hat. Als Bethie Maguire verstört, verletzt und mit zerfetzten Kleidern Dromoor um Hilfe bittet, passiert es: „In dem Augenblick war die Sache zu Dromoors Sache gemacht.

