Pralinen für Margot zum Muttertag
In Erich Honeckers Gefängnis-Aufzeichnungen finden sich nur Phrasen.
20 Jahre nach seiner Untersuchungshaft in Berlin Moabit sind die Gefängnis-Tagebücher Erich Honeckers als Buch erschienen. Foto: dpa
169 Tage saß Erich Honecker Anfang der 1990er Jahre in Berlin in U-Haft. Über diese Zeit hat er ein Tagebuch geführt, das jetzt unter dem Titel „Letzte Aufzeichnungen. Für Margot“ in der edition ost erschienen ist. Honecker schreibt darin über Familiäres, die Vorbereitung auf den Strafprozess und das Scheitern des Sozialismus.
Die Sprache Honeckers ist hölzern, steif. Weshalb man einwenden könnte, Honecker sei zum Zeitpunkt seiner Haft in Berlin ein schwerkranker Mann gewesen. Das stimmt. Aber wer sich ältere Interviews mit ihm anhört, weiß, dass Honecker nie anders gesprochen hat.
Ein wirkliches Privatleben scheint es für ihn nicht gegeben zu haben. Zwar erwähnt er immer wieder seine Familie, spricht von Ehefrau Margot mehrfach als „meine Kleine“, dennoch erfährt man über die Familie nicht viel. Wenn der vormalige Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, Staatsratsvorsitzende der DDR und Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates von ihr spricht, kommt das einer Pflichtübung gleich. Etwa wenn Papa zum Muttertag eine Schachtel Pralinen überreicht, aber eigentlich zum Fußball will.
Es geht Honecker nicht darum, seine intimen Gedanken aufzuzeichnen. Dafür fehlt dem Buch jeder private Charakter. Die Aufzeichnungen sind auch kein politisches Testament. Es ist ein Glaubensbekenntnis. Tatsächlich ist der einst mächtigste Mann der DDR von seinem Verteidiger Friedrich Wolf animiert worden, das Tagebuch zu schreiben. Der glaubte, dass sein Mandant bei der Schilderung der Tagesabläufe möglicherweise auch für den Prozess Relevantes notieren würde. Davon kann jedoch keine Rede sein.
Was Honecker notierte, waren die bekannten Phrasen der alten Nomenklatura der DDR. Schuld am Untergang des Sozialismus sind weder die wirtschaftlichen Probleme der Ostblockstaaten gewesen noch die fehlende Freiheit ihrer Bürger. Schuld, so Honecker, war vor allem Gorbatschow. Der habe die DDR „verkauft“. So einfach kann Geschichte sein.
Die Frage ist deshalb nicht, ob man an die DDR oder an den Sozialismus glauben konnte. Die Frage lautet: Wer will das heute noch lesen? Margot Honecker und der Verleger könnten sie beantworten. Es scheint, als sollte mit dem bevorstehenden 100. Geburtstag des früheren Staatschefs am 25. August noch einmal die Faust geballt werden und bei den noch lebenden Vertretern der alten Garde ein bisschen Kasse gemacht werden. Der Devotionalienhandel blüht.
Erich Honecker: Letzte Aufzeichnungen, edition ost, 192 Seiten, 14,95 Euro,
ISBN 978-3-360-01837-3

