Ein betörendes Chaos
„das kleine field recording festival“
Von Helmut Hein, MZ
Es geht zu Ende mit GRAZ, jedenfalls am vertraut-mythischen Kunstvereins-Ort „zwischen den Gleisen“. Und zum Abschluss gab es ... keinen Paukenschlag, der noch die verschnarchtesten Kulturbetriebs-Ignoranten geweckt hätte, aber eine Rarität: „das kleine field recording festival“: eine ganze Nacht lang schräge Sounds nicht aus den üblichen Ton-Erzeugern, sondern mitten aus der natürlichen und technoiden Realität.
Splitternder Traum-Kosmos
An den Wänden hingen Kopfhörer im Dutzend, der große Ausstellungsraum hatte sich in eine Wiese voller „Malibu“-Liegestühle verwandelt, an der Kopfwand gab es eine improvisierte Bühne, dahinter einen „screen“, der hineinführte in die rätselhafte Avataren-Welt des vielberaunten „second life“. Albert Plank hatte, real und virtuell (über einen neverending-Datenstrom via Internet), Regensburger Audio- und Video-Installations-Avantgardisten (der Pomodoro-Bolzano-Clan, Gabriele Schober) mit legendären europäischen Tüftlern und „Nerds“ (Björn Eriksson) zusammengebracht. Wer wollte, konnte vertrackten LiveShows folgen oder aber sich in sein eigenes Kopfhörer-Reich zurückziehen.
Die sicht- und hörbare Welt entsteht ja ohnehin erst im Kopf, wird aus Daten-Paketen und Reiz-Fragmenten montiert und konstruiert. Eine „Psycho-Geographie“ verspricht Eriksson, ein rätselhaftes Europa hat er collagiert aus lärmenden „objets trouvés“, aus Fundstücken, die wie eine Mixtur aus „in den Geheimniszustand erhobener“ Natur und maschinellem Poltern erscheinen: die Vorlage für einen Hirn-Film, den man am besten mit geschlossenen Augen „sieht“.
Gabriele Schober geht in ihrem „Harrogath“-Projekt noch einen Schritt weiter und experimentiert mit den „Umwelt“-Geräuschen eines online-Rollenspiels. „Diablo“ entlässt auf diese Weise aus seinen virtuellen Tiefen Mikro-Dramen, die rasch unser düsteres Wunsch- und Angst-Unbewusstes besetzen: ein splitternder Traum-Kosmos zwischen „Spinnenwald“ und „Katakomben“.



