Ausgelassene Momente der Glückseligkeit
Mit ungebremster Spielfreude erobern „Fanfare Ciocarlia“ am ersten Abend des Klangfarben-Festivals die Herzen ihrer Zuschauer – und die Tänzer die Bühne.
Rasant: „Fanfare Ciocarlia“ spielten im Thon-Dittmer-Hof. Foto: Zwicknagl
Von Fred Filkorn, MZ
Bauarbeiten auf den angrenzenden Straßen machen den Haidplatz seit Monaten zur Lagerfläche für die Baufirmen. Der internationale Markt musste heuer deshalb ausfallen, „sonst hätten uns die Bagger die Ming-Vasen noch ramponiert“ erklärt Michael Mandl vom Veranstalter Klangfarben zur Begrüßung. Und da die Marktstände das kostenlose musikalische Tagesprogramm im Thon-Dittmer-Palais mitfinanzieren, musste auch auf dieses verzichtet werden. Mandl verspricht aber die Rückkehr des altbekannten „Kulturen der Welt“-Festivals für das kommende Jahr.
Wie ein nervöser Insektenschwarm
Entschädigt für das fehlende Begleitprogramm wurden die nahezu 500 Festival-Besucher am Freitagabend mit einem furiosen Auftritt der rumänischen Blaskapelle „Fanfare Ciocarlia“. Fanfare nennen sich auf dem Balkan Blaskapellen der Sinti und Roma, die auf Hochzeiten und anderen Festivitäten aufspielen. Und das mit einem Hochgeschwindigkeitstempo, das etwa an Verfolgungsjagden bei Zeichentrickfilmen denken lässt, deren Musik zu schnell abgespielt wird. Oder an einen nervösen Insektenschwarm, der an einem Bottich aufgelöstem Aufputschmittel genascht hat. Auf jeden Fall fordert die Musik der Tubas, Saxofone, Hörner und Trompeten Bewegung ein – absurd scheint es da, dass der Platz vor der Bühne bestuhlt ist.
Als im Verlauf des Konzerts das Tempo zugunsten orientalisch anmutender Melodien gedrosselt wird (die Osmanen hatten den Balkan jahrhundertelang besetzt), sind die enthusiastischen Tänzer der Stehplatz-Kategorie nicht mehr zu halten und bedrängen die Stuhlreihen von allen Seiten, bis schließlich sogar der freie Platz direkt vor der Bühne erobert ist.
Die im Gegensatz zur Musik vollkommen entspannt wirkenden Herren der „Fanfare Ciocarlia“ sind nach zwei Stunden für eine Zugabe schnell auf die Bühne zurückgejubelt, die sie aber sogleich wieder verlassen, um sich musizierend in einem Prozessionszug von dort herunter zu begeben. Auf der Tanzfläche verschmelzen sie nahezu komplett mit ihrem Publikum und sorgen für ausgelassene Momente der Glückseligkeit.



