Kultur 15.09.2009, 08:58 Uhr

„Zeig mir deins, ich zeig dir meins!“

Kunst Im Prokrustesbett der Prüderie: Dana Lürken und Rayk Amelang bei GRAZ

Rayk Amelang und Dana Lürken in ihrer Ausstellung im Kunstverein GRAZ Foto: altrofoto.de

Rayk Amelang und Dana Lürken in ihrer Ausstellung im Kunstverein GRAZ Foto: altrofoto.de

Von Florian Sendtner, MZ

Regensburg. Wer bin ich, und wenn ja, wieviele? Bei dem Künstler Rayk Amelang kann man den zweiten Teil dieser Frage momentan mit 26 beantworten: Soviele Selbstporträts von ihm sind seit Freitag im Kunstverein GRAZ zu besichtigen. Aber wer jetzt meint, der 32-jährige Pentlinger leide an Narzissmus oder Selbstüberschätzung, ist auf dem Holzweg. Und das sieht man auch auf den ersten Blick: Nicht um Selbstbespiegelung geht es hier, sondern ganz im Gegenteil, um die Demonstration, wie trügerisch – und oft auch: wie platt – die bürgerliche Kunst des Selbstporträts doch ist.

Aus tausend gefälligen Bildern

In den verschiedensten Bildausschnitten und Formaten – von Miniatur bis Monumental – und sehr wirkungsvoll zusammengestellt, kommt der aus Dessau stammende Künstler den Erwartungen des Betrachters mit geradezu fotorealistischen Gesichtszügen entgegen – und enttäuscht sie gleichzeitig: die Augen bleiben schwarz und leer, die Haare haben weder Kontur noch Struktur, sind einfach nur flächig schwarz. Verschärfend kommt der golden wirkende Hintergrund hinzu. Rayk Amelang hat sie kurzerhand umgedreht, die unbehandelte Rückseite, das goldbraune Gewebe, war das, was er suchte. Richtig beleuchtet, verleiht es den Bildern eine ganz eigene, leuchtend-härene Aura, die sich über die Gloriole lustig zu machen scheint, auf die das bürgerliche Selbstporträt – offen oder verschämt – normalerweise ausgerichtet ist.

Vollends verblüfft ist man, wenn man erfährt, dass diese Bilder gesprüht sind – bei diesen ausdrucksvoll nuancierten Gesichtszügen eine Kunst! Rayk Amelang sagt dazu lakonisch, dass er seit 1996 mit der Sprühdose arbeitet. Wenn man vor den Wänden im Kunstverein Graz steht, befindet man sich also an der Schnittstelle zwischen der altehrwürdigen Porträtmalerei und der street art, der sich Rayk Amelang verschrieben hat. Um den Betrachter vollends zu irritieren, wartet jedes zweite Bild schließlich auch noch mit einem groben „Fehler“ auf: Da sind die Augen mit einem dicken schwarzen Balken verdeckt, dort über das ganze Gesicht eine grelle orangene Mütze gezogen, oder aus einem Auge scheint die Farbe ausgelaufen zu sein. Rayk Amelangs artifizielle, artistische Porträtkunst setzt den tausend gefälligen Bildern der schönen, neuen Welt sperrige, trotzige Ikonen der Ironie entgegen: Ich bin’s nicht!

 

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