„VolaVola – Fly me“ ist der erste vollständig in Second Life gedrehte Kinofilm, im Bild eine Szene. Foto: Evo Szuyuan
Von Katharina Kellner, MZ
Regensburg.
„Cloud Computing“ – dieser Modebegriff aus dem IT-Bereich hört sich für viele wolkig an. Es geht darum, Speicherkapazitäten, Rechenleistung und Software über das Internet zu mieten. Dadurch werden IT-Kapazitäten vom eigenen PC weg ins Netz ausgelagert – dies ermöglicht kollaboratives Arbeiten an vernetzten Projekten. Diesen Begriff hat nun die Regensburger Medienkunstgruppe Pomodoro Bolzano aufgegriffen – das Internationale Medienkunstfestival heißt in diesem Jahr „art.clouds“. Die Organisatoren deuten „Cloud“ (Wolke) mit Blick auf die sozialen Netzwerke des Web 2.0.
Sie meinen damit ein mit vielen Wurzeln verflochtenes System der Kreativen: „Gedanken und Konzepte entwickeln sich verteilt über den Globus mit dem gleichen Ziel: Das Neue und Kreative gemeinsam zu erforschen und zu erleben“, sagt Max D. Well im MZ-Gespräch. Er organisiert das Festival gemeinsam mit seinen Künstlerkollegen von Pomodoro Bolzano, Andreas Müller und Christian Wittkowsky. Den Festival-Flyer zieren farbige Wolken, die mit kurzem „Draht“ verbunden sind: Sinnbild für die enge Vernetzung der „art.clouds“-Künstler, die nicht nur aus Regensburg, Würzburg, Krefeld, Rotterdam, Kopenhagen oder dem italienischen Agropoli stammen, sondern auch aus Kanada und den USA. Träger des Festivals ist arts2media, die Medienwerkstatt des Berufsverbandes Bildender Künstler Niederbayern/Oberpfalz.
Ein Krimi spielt in Second Life
Zur Eröffnung des Festivals präsentiert Ingrid Schmitz aus Krefeld am 8. Oktober im Medienraum der Mittelbayerischen Zeitung eine multimediale Lesung ihres Krimis „2 Leben – 1 Tod“. Es ist der erste Krimi überhaupt, der in der Welt des Second Life angesiedelt ist. Die Handlungsfäden mischen sich zwischen der realen und der virtuellen Welt. In der dreidimensionalen Welt von Second Life interagieren Menschen durch grafische Stellvertreter, die Avatare. Hauptperson des Krimis ist die Künstlerin und Privatermittlerin Mia Magaloff. Sie will Malvin finden, den Sohn der alten Frau Schreiber. Dazu muss sie sich ins Second Life begeben. Nach einer abenteuerlichen Reise in SL findet sie die blutüberströmte Leiche von Malvins Avatar.
Die Veranstaltung richtet sich an interessierte Laien. Vorwissen zu Second Life ist nicht nötig. Nach einer Einführung liest die Autorin aus ihrem Roman, veranstaltet eine Verlosung und loggt sich dann live in Second Life ein. Dort lernt das Publikum nicht nur die Romanfiguren und blutigen Tatorte des Krimis kennen, sondern auch Schmitz’ Avatar: Die Schriftstellerin Sameja Lomba, die im virtuellen „Event Island“ in einer Literaturburg lebt.
Bei den anderen Veranstaltungen geht es nicht minder experimentell zu: „Mixed Reality“ ist hier das Schlagwort – dabei werden die virtuelle Welten in einen realen Raum gebracht.
„Audi-o-Rama“ heißt ein Abend mit einer elektroakustischen Performance und einem Konzert. Andreas Müller alias Transponderfish trifft zunächst mit Spielern aus Kanada und USA zeitgleich zum Echtzeit-Klangkonzert zusammen. Im zweiten Teil des Abends verwandelt Müller gemeinsam mit den Besuchern das Treppenhaus des Akademiesalons im Andreasstadel in eine Klanginstallation. Die Besucher spielen und improvisieren selbst, und bringen das Gebäude zum Klingen.
„Bei der „Soirée der Gedanken“ drehen wir den Spieß um“, erklärt Organisator Well: Bei diesem „mixed reality event“ im IT-Inkubator werden die Beziehungen zwischen realer und virtueller Welt umgedreht. Die Besucher gestalten den Abend für die Avatare, die zu Zuschauern werden. Der Veranstaltungsort wird zur Bühne für die virtuelle Welt. Die beiden Welten beginnen, miteinander zu kommunizieren. „Wir wünschen uns, dass bei ,Audi-o-Rama‘ und ,Soirée der Gedanken‘ die Besucher ihre Handys oder Laptops mitbringen“, sagt Well.
Der dänische Galerist Peet Thomsen, Inhaber der „Black Box Gallery Kopenhagen/Linz“ führt in seinem Vortrag „Out of the festival and into the marketplace“ seine Zuhörer in die Welt der digitalen Kunst ein. Er erläutert, welche Entwicklung die Kunst mit Neuen Medien vollzogen hat und warum sie von offizieller Seite gefördert und gesammelt werden sollte. Er hält seinen Vortrag auf Englisch.
Schwerpunkt Soundproduktion
Nichts weniger als eine „Pionierarbeit“ verspricht Well beim Filmabend am 15. Oktober. „VolaVola – Fly Me“ ist der erste vollständig in Second Life gedrehte Kinofilm. Regensburg erlebt das Preview vor der Welturaufführung. Die Künstlerin und Programmiererin Brigit Lichtenegger stand hinter der Kamera und hat den Film geschnitten. Dasselbe Drehbuch hat sie zweimal umgesetzt: Zunächst in Second Life mit der neuen Technik „Machinima“, dann in der realen Welt mit herkömmlicher Technik und echten Menschen als Darstellern. Das Resultat ist laut Well ein Werk mit „zwei eng verbundenen Paralleluniversen.“ Lichtenegger erläutert ausführlich die Entstehung des Films. Die beiden Filme „Teknolust“ und „Conceiving Ada“ von Lynn Hershman (9. und 16. Oktober, beide mit Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton) bezeichnen die Organisatoren als „spielerische Visionen zum Thema Geister“.
Auch heuer gibt es beim Festival drei Workshops auf dem Feld neuer digitaler Möglichkeiten: eine Einführung in die Opensource Programmiersprache Processing mit Andreas Müller und einen Kurs zur Erzeugung und experimentellen Bearbeitung von Samples mit Stimme und Perkussion mit Sylwia Bialas und Biagio Francia. Da sich das Festival in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit Musik- und Soundproduktion auseinandersetzt, gibt Klangkünstler Albert Plank vom Kunstverein GRAZ bei einer Exkursion Einblicke in seine Field Recordings – Aufnahmen von Natur- und Umgebungsgeräuschen.
Die Macher von „art.clouds“ sehen Kulturschaffen als einen kollektiven Prozess an. Sie wollen Künstler weltweit vernetzen. Sie zeigen, dass das Zusammenspiel von „Alten“ und „Neuen Medien“ traditionelle Kunstformen erneuert und auf das Entstehen neuer Ausdrucksformen Einfluss hat.