Das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ ist Freitagnacht vor der italienischen Küste auf Grund gelaufen.
Rom/Kelheim.
Bernhard Sperger kennt „Titanic“ nur auszugsweise – anzuschauen braucht er sich den Film jetzt nicht mehr: Der Kelheimer und seine Frau Christa, ihre Mitarbeiterin Gabriele Brünner und eine Verwandte aus Bodenwöhr haben die Havarie des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ überlebt. Es sollte eine Traumreise im Mittelmeer werden, acht schöne Tage unter dem Motto „Duft der Zitrusfrüchte“ mit Stationen in Barcelona, Palma de Mallorca und Palermo. Für die mehr als 4200 Passagiere und Besatzungsmitglieder geriet die Luxusfahrt aber zum nächtlichen Albtraum. Das Schiff lief an einem Felsen auf Grund. Während der Kapitän zunächst noch in sechs Sprachen die Durchsage „Keine Panik“ machte, bekamen die Passagiere schon Todesangst, viele sprangen ins Wasser, die nahe Insel Giglio vor Augen. Bis zu 150 Menschen wurden von Rettungsmannschaften aus dem Meer gefischt, für mindestens fünf kam aber jede Hilfe zu spät. Wie viele blieben in dem Schiff eingeschlossen? Am Sonntagnachmittag wurden noch 14 Menschen, darunter sechs Besatzungsmitglieder vermisst. Die Hoffnung, noch Überlebende in den Kabinen zu finden, sank von Stunde zu Stunde.
Das sechste Todesopfer wurde am Montagmorgen auf dem zweiten Deck gefunden. Es soll sich um einen Passagier handeln. Die Leiche trug eine Schwimmwese.
„Die einfache Besatzung half uns“
Zwei Erschütterungen – dann Sekunden lang Stille und Finsternis im Speisesaal, so haben die Spergers den Beginn der Horrornacht in Erinnerung. Die Welt an Bord neigte sich erst in die eine, dann in die andere Richtung – Chaos brach aus, aber irgendwie kam in den Kampf ums Leben Struktur. „Es waren wirklich tolle Leute dabei, die sich aufgeopfert haben“: Bernhard Sperger hat das Bild eines Franzosen vor Augen, der ins Wasser sprang: „Mit ein paar Handgriffen hat er vom Wasser aus das Rettungsboot aktiviert“ – endlich sprang der Motor an.
Das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ ist Freitagnacht vor der italienischen Küste auf Grund gelaufen.
Anders als die Führungsriege des Schiffs half die „einfache“ Besatzung beherzt, „vor allem die Inder und die Filipinos. Die haben den Leuten ihre eigenen Rettungswesten gegeben und haben auf die Kinder geschaut“, schildert Christa Sperger. Denn wie sie waren viele der Passagiere gerade im Speisesaal beim Begrüßungsdinner – die Rettungswesten lagen in den Kabinen. „Dorthin zurück, das wär’ unser Todesurteil gewesen“, ist der Kelheimer Gastronom überzeugt.
Stattdessen schafften er und seine Mitreisenden es – bei Notbeleuchtung und Schräglage – bis an Deck zu den Rettungsbooten. Gabriele Brünner schlitterte regelrecht dorthin, verletzte sich am Bein und hatte Riesenglück, dass ein Mitreisender sie gerade noch auffangen konnte, ehe sie in die Reling krachte. Dutzende Menschen sprangen in ihrer Verzweiflung sogar über Bord ins Mittelmeer, das im Januar eiskalt ist.
Drängler vor den Rettungsbooten
An den Rettungsbooten erlebte Bernhard Sperger auch die andere Art von Mitmenschen: junge Männer zum Beispiel, die sich mit Ellbogeneinsatz vor anderen, hilfsbedürftigeren Passagieren auf die Boote durchboxen wollten. „Wir haben sie zurückgedrängt.“ Sperger selbst bekam schließlich einen Platz auf dem Rettungsboot zugewiesen. Verfroren und verstört kam er – wie die über 500 weiteren Deutschen an Bord – die Italiener, Spanier, Franzosen und Japaner auf der Insel an. Als nach einigem Suchen das Kelheimer Quartett wieder komplett war, war er überglücklich! Mit dem Bus kehrten die vier in der Nacht zum Sonntag schließlich in ihre Heimat zurück. Alles Hab’ und Gut blieb zurück – aber was zählt das schon.
Der Kapitän wurde festgenommen
Dennoch fragen sich auch die Spergers: Wie konnte das passieren? Menschliches Versagen, ein Fehler in der Elektronik oder kann es andere Gründe geben? Die Untersuchung bleibt eine Aufgabe der schon zur Insel geschickten Fachleute.
Das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ ist Freitagnacht vor der italienischen Küste auf Grund gelaufen.
Im Visier der Staatsanwaltschaft ist jedenfalls der Kapitän Francesco Schettino (52), der wegen Verdunkelungsgefahr festgenommen wurde. Der leitende Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio, hält ihm vor, die Route geändert und der Insel zu nahe gekommen zu sein. Er habe, einem Schiffsbrauch üblich, die Bewohner der Insel „grüßen“ wollen. Viel zu spät sei nach dem Unglück Alarm geschlagen worden. Erst 58 Minuten, nachdem die „Costa Concordia“ den Felsen gerammt hatte, sagte Verusio nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa. Zudem habe der Kapitän viel zu früh sein Schiff verlassen – die Evakuierung war da noch in vollem Gang.
Rund um das Schiff mit dem langen, klaffenden Riss an der Seite suchten ein Dutzend Schiffe, neun Hubschrauber, Feuerwehrleute und Taucher nach Vermissten. Dutzende waren im Schiff eingeschlossen, sie wurden bald befreit. Und doch blieb die Angst, vielleicht nicht alle gefunden zu haben. Die schwierige Suche in dem gekenterten Schiff brachte am Sonntag erste Erfolge, die Mut machen: Ein koreanisches Paar in den Flitterwochen konnte gerettet werden, dann ein verletzter Offizier. Aber noch immer gibt es eine Liste mit Vermissten.
„Apokalyptische Szenen“
Als die tausenden Schiffbrüchigen wieder festen Grund unter den Füßen hatten, hagelte es in Interviews etwa des TV-Senders SkyTG 24 massive Kritik an der Rettungsaktion: „Die Mannschaft war absolut nicht darauf vorbereitet, die ihnen dabei zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen“, berichtete die Journalistin Mara Parmegiani Alfonsi. „Es waren apokalyptische Szenen, und bei alledem haben wir wenig vom Bordpersonal gesehen“, klagt Giuseppe Romano (57) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Ansa. Passagiere berichteten, die Crew sei in Panik verfallen, Schwimmwesten habe man sich selbst besorgen müssen.
Unter den 800 Bewohnern der Insel Giglio, die den Verunglückten in jeder Form behilflich waren, bestand wenig Verständnis für den Kapitän. Jeder hier kennt den tückischen Felsen „Scole“, der nur 300 Meter vor der Insel liegt, aber Kapitän Schettino sagte bei seinen ersten Vernehmungen, auf seiner Karte sei keine Gefahr zu erkennen gewesen.