Bild der Katastrophe: Das Luftschiff LZ 129 „Hindenburg“ ging am 6. Mai 1937 in Lakehurst bei New York in Flammen auf. 35 Menschen starben.
von Jörg Michel, MZ
New York.
Es ist kurz vor dem Start der „Hindenburg“ auf dem Luftschiffhafen in Frankfurt am Main. Werner Doehner ist langweilig. Vor dem Jungen liegt eine lange Reise nach New York und so vertreibt er sich die Zeit mit einem kleinen Spielzeug-Panzer. Als er das Metallgefährt aufzieht, sprühen ein paar Funken aus dem Motor. „Der Chefsteward kam und hat das Spielzeug beschlagnahmt“, erinnert sich Werner Doehner. Sicher ist sicher. Schließlich ist das Luftschiff mit beinahe 200.000 Kubikmetern hoch entzündlichem Wasserstoff gefüllt.
Drei Tage später fängt die „Hindenburg“ Feuer. Es ist Donnerstag, der 6.Mai 1937, kurz vor halb sieben Uhr abends auf dem Flugplatz in Lakehurst bei New York. Das Wetter ist gewittrig und das Luftschiff will gerade landen. Auf einmal schießen Flammen aus dem Heck. Eine halbe Minute später liegt die „Hindenburg“ verkohlt am Boden. 35 der 97 Menschen an Bord sterben. Dazu ein Arbeiter der Landecrew. Es ist eines der bis dahin schwersten Unglücke der zivilen Luftfahrt und steht für das Ende einer Ära.
Der Stolz einer ganzen Nation
Denn die „Hindenburg“ ist mehr als nur der Zeppelin mit der Seriennummer LZ 129. Sie ist Mythos, Gigant der Lüfte, Sinnbild für die Unbezwingbarkeit der Technik, Stolz einer ganzen Nation. Mit 245 Metern Länge und 41Metern Durchmesser ist sie nicht nur das größte und luxuriöseste Luftschiff ihrer Zeit. Für die damals in Deutschland regierenden Nationalsozialisten ist sie auch ein beliebtes Propagandamittel. An den Heckflossen prangen Hakenkreuze, ihren ersten großen Auftritt hat sie 1936 im Wahlkampf Adolf Hitlers. Zur Eröffnung der Olympischen Spiele im selben Jahr schwebt sie majestätisch über dem Himmel von Berlin.
Werner Doehner, der Junge mit dem Spielzeug-Panzer, ist der letzte überlebende Passagier der Katastrophe. Doehner ist heute 83 Jahre alt und lebt in Colorado in den USA. Sein Gesicht ist noch immer gezeichnet von den Flammen. Nur selten äußert er sich zu dem Unglück. Doch er erinnert sich an jedes Detail. „Wir mussten vor der Abfahrt nicht nur den Spielzeug-Panzer sondern auch die Fotoapparate und Filmkameras abgeben“, berichtet er. Die Zeichen stehen bereits auf Krieg und die Nazis wollen verhindern, dass Aufnahmen deutscher Militäranlagen oder Schiffs-Konvois über den Atlantik gelangen.
Am 3. Mai 1937 bricht die „Hindenburg“ schließlich zu ihrer schicksalhaften Reise auf. Es ist Viertel nach acht Uhr abends. An Bord sind 61 Bedienstete und 36 Fluggäste. Darunter auch Werner Doehner. Der Bub ist acht Jahre alt und will mit seinen Eltern und zwei Geschwistern über New York nach Mexiko. Dort leitet Werners Vater die Zweigstelle einer Pharmafirma. 1000 Reichsmark kostet die Überfahrt – pro Person. Werner Doehner reist mit seinen Eltern in der Familienkabine auf dem B-Deck. Sie hat fließendes Warmwasser und Aussichtsfenster im Boden. Abends stellen die Doehners ihre Schuhe vor das Zimmer, morgens bekommen sie sie poliert zurück. Das Essen in dem im Bauhaus-Stil gehaltenen Speisesaal lässt keine Wünsche offen. Es gibt Champagner, Wein, Drinks. Dazu erlesene Menüs auf vergoldetem Geschirr: Scampi, Kaviar, Spargel. Nach dem Essen ziehen sich die Doehners in die Bord-Bar, den Rauchersalon oder die Bibliothek zurück.
Während der Fahrt weht über dem Meer ein starker Wind. Die „Hindenburg“ hat fast zehn Stunden Verspätung. „Als wir in der Nähe von Neufundland über die großen Eisberge geflogen sind, haben wir die Kameras zurückbekommen“, berichtet Werner Doehner. Am dritten Tag der Reise fliegt das Schiff endlich über Manhattan. Die Spitze des Empire-State-Buildings scheint zum Greifen nah.
Der zweite Landeversuch
Dann nähert sich die „Hindenburg“ dem Landeplatz in Lakehurst – zum zweiten Mal an jenem Tag. Beim ersten Mal hatte das Schiff wegen eines Gewitters noch umkehren müssen. Werner Doehner steht am Fenster an der Backbordseite und beobachtet die Crew am Boden. Die Menschen kommen immer näher, das Luftschiff befindet sich noch etwa 100 Meter über dem Grund. Vater Doehner kehrt ins Innere des Zeppelins zurück, um seine Kamera zu holen. Er will Fotos von der Landung machen. Es ist das letzte Mal, dass Werner Doehner seinen Vater lebend sieht. Auf einmal zittert der Boden und der Zeppelin kippt nach hinten. Der Junge wird gegen die Rückwand des Speisesaals geschleudert. Hunderte Gläser, Teller und Teile des Mobiliars zerbersten auf dem Boden. Einige Passagiere glauben, ein zischendes Geräusch zu hören. Dann steigt ein Feuerball aus dem Heck auf.
Werner Doehner kommt es vor, als stehe die Luft in Flammen. Passagiere mit brennender Kleidung und brennenden Haaren versuchen verzweifelt, sich zu retten. Mutter Doehner gelingt es, eine Luke im brennenden Schiff zu öffnen. Sie wirft erst ihre Söhne über Bord, dann springt sie selbst und bricht sich dabei die Knochen. Mutter und Söhne landen im Sand, stehen auf und rennen um ihr Leben. „Wie meine Mutter das Laufen mit einem doppelten Beckenbruch geschafft hat, ist den Ärzten ein Rätsel geblieben“, meint Werner Doehner heute.
Die drei Doehners haben schwere Verbrennungen und werden mit einer Ambulanz erst in die Krankenstation am Flugplatz und dann ins nahe Point-Pleasant-Krankenhaus gebracht. Werner Doehner ist bei vollem Bewusstsein: „Krankenschwestern haben uns Nadeln ausgehändigt, um die Blasen an unseren Händen aufzustechen“, berichtet er. Die zwei Buben und ihre Mutter überleben. Werners Schwester wird von einem Steward aus dem Luftschiff geholt, stirbt aber noch in der ersten Nacht im Krankenhaus. Sein Vater verkohlt im Wrack.
Ursache wurde nie genau geklärt
Doch wie konnte es so weit kommen? Die Ursache des Unglücks ist bis heute nicht restlos geklärt. Von einem Blitzschlag ist die Rede, von falschem Material, von Sabotage gar. Am wahrscheinlichsten ist, dass bei der Landung elektrostatische Teilchen an der Außenhülle des Zeppelins einen Funken auslösen und den Wasserstoff entzünden. So oder so: Nach der Katastrophe von Lakehurst sind die Könige der Lüfte bald am Ende.
Werner Doehner fällt es bis heute schwer, darüber zu sprechen. Nach dem langen Krankenhausaufenthalt holt er die Schule nach, studiert später Elektrotechnik. „Ich war ein verwöhntes Kind. Das Unglück hat mir vielleicht eine ernstere Perspektive zum Leben und zur Arbeit gegeben.“