Musik als Jungbrunnen: Sir Paul McCartney feiert am Montag 70. Geburtstag.
Von Stefan Stark, MZ
Meine Magical Mystery Tour beginnt mit der Beatles-LP „Revolver“ – mein erstes im Alter von zwölf Jahren selbst gekauftes Musikalbum. Die 14 Lieder auf dieser Scheibe weckten mit ihrer wilden Experimentierlust die Begierde nach mehr und immer mehr – so ähnlich wie es der Autor und Musiker Nick Hornby in seinem Roman „High Fidelity“ mit seinen Skizzen aus dem Londoner Schallplattenladen beschreibt, wo Musikverrückte wie Junkies in den Auslagen nach neuen Beutestücken für ihre Plattennadeln wühlen. Die Regensburger Variante dieses Sehnsuchtsorts hieß damals übrigens Govi.
„Revolver“ wirkte wie ein Erdbeben, weil es alle bis dahin vom Mainstream-Softgedudel-Radio geprägten musikalischen Konstanten auf den Kopf stellte. Der raffinierte Sound gab den Startschuss für meine persönliche Beatlemania und die damals fast religiöse Verehrung für das erstaunlichste und rekordverdächtigste Dream-Team der Popmusik – John Lennon und PaulMcCartney. Verzeihung, Sir Paul natürlich.
Die kongeniale Zusammenarbeit des Jahrhundert-Duos
Wie enorm der Einfluss der beiden auch über 40 Jahre nach der Trennung der Band ist, höre ich, wenn ich das Radio aufdrehe. Nicht weil dort immer noch ihre Songs liefen. Sondern dann, wenn etwas von Oasis, Wilco, Franz Ferdinand, Aimee Mann & Co. gespielt wird. Wie sie ließen sich zahllose andere Künstler stark von Lennon/McCartney inspirieren. Deshalb klingt heute so vieles, was als neu verkauft wird, verdammt nach den Beatles. Hätte es zwischenzeitlich nicht Punk, Dance und Hiphop gegeben, könnte man bei den heutigen Endlosschleifen der austauschbaren Hit-Radio-Sender manchmal glauben, seit den Beatles hätte sich die Popmusik nicht wirklich weiterentwickelt.
Wie perfekt sich John und Paul in ihren besten Zeiten ergänzten, aber auch, wie sehr sie sich gegenseitig brauchten, um bis heute stilbildend zu wirken, wird an einem Beatles-Song besonders deutlich. „A Day In The Life“ ist ein Stück, das einen sofort packt, hypnotisiert und bis zum legendären Schlussakkord nicht mehr loslässt. Ursprünglich waren es zwei verschiedene unfertige Lieder. McCartney und Lennon hatten jeweils ein Fragment für einen Song, wussten aber zunächst nicht so recht weiter. Andere hätten vielleicht so lange getüftelt, bis zwei Stücke fertig gewesen wären. Oder sie hätten irgendwann entnervt aufgegeben und alles in den Papierkorb geworfen. Nicht so das kongeniale Jahrhundert-Duo der Popmusik. Sie machten einen Song daraus, indem sie beide Teile raffiniert miteinander verwoben. Heraus kam dann das sensationelle letzte Stück des Sgt.-Pepper-Albums, das vom Rolling-Stone-Magazin vor zwei Jahren nicht umsonst in einem Beatles-Sonderheft auf Platz eins ihrer besten Songs gesetzt wurde. Die Beatles haben viele andere Stücke mit mehr Ohrwurm- und Hitqualitäten komponiert. Doch „A Day In The Life“ macht deutlich: Wenn John die Seele der Beatles war, dann war Paul ihr Herz.
McCartney, der bis zuletzt um den Zusammenhalt der längst zerstrittenen Truppe kämpfte, war es dann auch, der nach dem Ende der Fab Four emotional zusammenbrach. Seinen Trennungsschmerz ertränkte er in der Einsamkeit seines schottischen Landhauses im Alkohol, wie er Jahre später in einem Interview gestand. Die bitteren Erfahrungen dieser Zeit verarbeitete er in seiner Dudelsack-seligen Wehmutsklage „Mull of Kintyre“. Obwohl ihn dieser Song nicht gerade auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft zeigt, wurde das Rührstück zu einer seiner meistverkauften Singles.
In die Spur und zur Musik zurück brachte ihn seine erste Frau Linda. Mit der Gruppe Wings kam der Erfolg wieder – wenn auch zunächst mehr kommerziell als musikalisch. Der Post-Beatles Klassiker „Band On The Run“ oder der Titelsong „Live And Let Die“ für den gleichnamigen James-Bond-Film ragen aus dieser Zeit hervor. Doch qualitativ kommt keines der Wings-Alben an die alten Klassiker heran. Auch hier zeigt sich die Abhängigkeit von Lennon. Ohne sein künstlerisches Alter Ego macht Paul immer noch phantastische Musik, vor allem wenn er live auf der Bühne steht. Aber eben nicht mehr auf dem überragenden Niveau der Jahre 1962 bis 1970.
Ihre raffinierte Studiotechnik war der Zeit weit voraus
Wenn ich heute eine Beatles-Platte auflege, bin ich immer noch überrascht, dass sie nie einen wirklich schwachen Song veröffentlicht haben. Und wenn ich die Alben chronologisch anhöre, fällt mir auf, dass sie ständig besser wurden, die Arrangements raffinierter, die Experimente spannender, die Orchestrierung immer imposanter.
Das war kein Zufall, sondern das erklärte Ziel. Und das Ergebnis knochenharter Arbeit in den Abbey-Road-Studios. Die Gruppe entwickelte eine immer ausgeklügeltere Aufnahmetechnik, hatte als erste Band der Welt ein Mehrspurtonbandgerät, ließ – für damalige Verhältnisse sensationell – bei den Sgt.-Pepper-Sessions – ein Symphonieorchester in den Aufnahmeraum kommen. Als die Beatles zum Schrecken ihrer Fans das Ende ihrer Liveauftritte verkündeten, mutmaßten viele, sie seien es leid, unter Polizeischutz gegen kreischende Teenie-Horden anzusingen. Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Grund war, dass man derart komplexe Stücke wie „A Day In the Life“ oder „Eleanor Rigby“ – übrigens mein Lieblingssong auf „Revolver“ – auf der Bühne nicht mehr im Original hätte spielen können.
Der unermüdliche Fleiß der Beatles, mit dem sie ihre größten Klassiker schufen, ist sogar in die Literatur eingegangen. Anhand ihrer Anfangszeit im Hamburger Star-Club entwickelte der Wissenschaftsjournalist Malcom Gladwell eine spannende Theorie.
Auf der Reeperbahn bestanden die Beatles im Sommer 1960 ihre Reifeprüfung. Von Montag bis Sonntag spielten sie die Nächte in Musikkneipen durch. Die Gage war mickrig, ihre Absteige war ein altes Kino. 172 Mal sollen sie in Hamburg aufgetreten sein. Der Autor Gladwell ist überzeugt, dass die Beatles damals die Basis für ihren Aufstieg zur größten Band der Welt schufen. Seine Theorie: Bevor man etwas wirklich perfekt hinkriegt, muss man 10.000 Stunden üben. Und sie übten ohne Unterlass. Ohne das Abenteuer in St. Pauli hätten die Fab Four laut Gladwell also nie Sgt. Pepper erschaffen. Aus Hamburg nahmen sie aber noch etwas Wichtiges mit zurück nach Liverpool, um zwei Jahre später mit ihrem ersten Mega-Hit „Love Me Do“ die Beatlemania auszulösen: Die Pilzkopf-Frisur, die sie sich vom Fotografen Jürgen Vollmer abschauten.
Als meine Sammlung der Beatles-Alben wuchs, und als der Film „Yellow Submarine“ in einem Regensburger Programmkino lief, wurden die vier für mich immer mehr zu einem magischen Zauberladen. Nicht allein ihre Musik und ihre Texte waren wichtig, sondern zunehmend ihr Einfluss auf die Mode, die Kunst und die gesamte Popkultur. Sie machten die Welt bunter – so wie die Zeichentrick-Beatles dem von den Blaumiesen heimgesuchten Pepperland die Farbe zurückgeben.
Wer hat Apple erfunden?
Wie weit sie ihrer Zeit voraus waren, zeigten sie auch mit der Gründung ihres Apple-Labels, das viel mehr sein sollte als eine Plattenfirma. Unter dieser Marke wollten sie Musik, Elektronik, Filme und Mode aus einer Hand anbieten. So genial diese Idee war – Steve Jobs hat sie später mit großem Erfolg kopiert – so kläglich scheiterten die Beatles damit. Denn der Einzige, der sich schon damals als geschäftstüchtig erwies und das Debakel erkannte, war Paul McCartney. Doch in der Endphase der Beatles hatte er kaum mehr Einfluss auf die anderen.
Wenn Sir Paul heute im Rampenlicht steht, fällt mir zuerst sein jungenhaftes verschmitztes Lächeln auf. Mit jeder Bewegung, mit jeder Geste drückt er aus, wie sehr ihm die Musik Spaß macht. In manchen Augenblicken wirkt er, als sei die Zeit stehengeblieben, seit er 1957 mit 15 Jahren den 16-jährigen John in Liverpool kennenlernte. Auch ein halbes Jahrhundert später singt er seine Songs mit einer Fröhlichkeit, wie einst „All You Need Is Love“ bei der Premiere 1967. Mit ihrer Über-Friedenshymne stellten die Beatles übrigens einen ihrer vielen Rekorde fürs Guinnessbuch auf: 400 Millionen Menschen sahen sich damals die von der BBC übertragene Show an.
Sir Paul und die Queen
Die Musik als Jungbrunnen, britischer Humor als natürliche Stimulanz: Paul McCartney hat sich seine Ironie bewahrt – nach allen privaten Enttäuschungen und Verlusten, trotz der ausgebliebenen Versöhnung mit John Lennon. Als er vor wenigen Tagen zu Ehren der Queen auftrat, sang er „Let It Be“ und „Live And Let Die“. Durch diesen subtilen Witz stand unsichtbar Lennon mit auf der Bühne, der 1963 bei einem Auftritt vor der königlichen Familie den Satz sprach: Die auf den teuren Plätzen sollten doch einfach mit den Juwelen klimpern. Damals verging den Royals das Lachen, diesmal haben sie sich köstlich amüsiert. Die Zeit ändert also doch manches.
Am Montag wird Sir Paul McCartney 70 Jahre alt. Als Geburtstagsständchen singen wir ihm ein Lied, das er gemeinsam mit John Lennon für das Weiße Album komponierte:
They say it’s your birthday
We’re gonna have a good time
I’m glad it’s your birthday
Happy birthday to you.