Prof. Dr. Ulf Brunnbauer (l.) und Prof. Dr. Jürgen Jerger bilden die Doppelspitze des neuen Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) in Regensburg. Foto: Knobloch
Von Louisa Knobloch, MZ
Regensburg. Auf den ersten Blick hat sich – vom Namen einmal abgesehen – nicht allzu viel geändert: Das Osteuropa-Institut und das Südost-Institut, die bei großer räumlicher Nähe seit Jahren eng zusammenarbeiten, haben zum 1. Januar fusioniert. Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) heißt die außeruniversitäre Einrichtung jetzt. Bei genauerer Betrachtung ist die Fusion aber für das Institut ein großer Schritt in Richtung Zukunft.
Ziel der Institutsdirektoren Prof. Dr. Jürgen Jerger und Prof. Dr. Ulf Brunnbauer ist es, mittelfristig in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen zu werden. „Dafür müssen wir aber eine kritische Masse an Mitarbeitern und Budget aufweisen“, erklärt Brunnbauer. Gemeinsam haben die beiden ehemaligen Institute bessere Chancen. Auch fachlich bieten sich durch die Fusion neue Perspektiven: Stärker als bisher sollen die beiden Forschungsdisziplinen Wirtschaft und Geschichte miteinander verzahnt werden.
Interdisziplinäre Forschung im Fokus
Zur Geschichte ihrer jeweiligen Region forschten beide Institute bereits, einen Arbeitsbereich „Wirtschaft, Migration und Integration“ gab es bislang aber nur am Osteuropa-Institut. Jerger zufolge wurden neue Mitarbeiter für den Arbeitsbereich Ökonomie eingestellt, die Kompetenzen im Bereich Südosteuropa mitbrachten – schließlich beschäftigt sich das IOS künftig sowohl mit den historischen als auch den wirtschaftlichen Entwicklungen Ost- und Südosteuropas. Diese interdisziplinäre Ausrichtung ist das Alleinstellungsmerkmal des neuen Instituts: „Es gibt keine andere regionalwissenschaftliche Einrichtung in Deutschland, in der Ökonomen und Historiker in dieser Intensität zusammenarbeiten“, sagt Brunnbauer.
Dass beide Fachbereiche gleichberechtigt nebeneinanderstehen, zeigt sich auch in der Doppelspitze des IOS: Der bisherige Direktor des Osteuropa-Instituts, Jürgen Jerger, ist Professor für Internationale und Monetäre Ökonomik an der Universität Regensburg; Ulf Brunnbauer – der bisherige Direktor des Südost-Instituts – ist ebenfalls an der Universität Professor für die Geschichte Südost- und Osteuropas.
Rund 40 Mitarbeiter sind jetzt am neuen Institut beschäftigt, erstmals auch eine hauptamtliche Verwaltungsleiterin. Die bestehende enge Zusammenarbeit der Institute erleichterte die Fusion. So wurden die beiden Bibliotheken bereits beim Umzug von München nach Regensburg im Jahr 2007 vereinigt und seither gemeinsam verwaltet. Die Neugründung des IOS bedeute auch nicht das Ende für bereits laufende Projekte oder Publikationen, betont Jerger. So sollen etwa die „Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas“ oder die Zeitschriften „Südost-Forschung“ und „Südosteuropa“ fortgeführt werden: „Durch die Fusion wollen wir ja nicht Vorhandenes zerstören, sondern darauf aufbauen.“
Tätigkeitsfeld: Finnland bis Zypern
Mit dem IOS wollen Jerger und Brunnbauer aber neue, interdisziplinäre Forschungsschwerpunkte setzen. Bei Themen wie etwa „Migration, Handel und Verflechtungsprozesse“ sei es sinnvoll, dass Historiker und Ökonomen zusammenarbeiteten, so Brunnbauer. Das geografische Gebiet, mit dem sich die Wissenschaftler beschäftigen, reicht durch die Fusion der Institute jetzt von Finnland bis Zypern. Bei einer so breit gefächerten regionalen Aufstellung müsse man Schwerpunkte setzen, räumt Brunnbauer ein. „Wichtig ist, dass wir für die wesentlichen Länder und Sprachräume kompetente Mitarbeiter haben.“ Bei der Forschung spiele eine komparatistische Perspektive eine große Rolle, erklärt Jerger – die Wissenschaftler müssen die Regionen also auch miteinander vergleichen können.
Die Neuausrichtung auf interdisziplinäre Forschungsthemen entspricht den Anforderungen der Zeit – und es ist nicht die erste, die die traditionsreichen Institute erleben. Als der Eiserne Vorhang Ost und West trennte, war es eine der wichtigsten Aufgaben des 1952 gegründeten Osteuropa-Instituts, Wissen über die kommunistisch geführten Länder zu sammeln und in politische Entscheidungsprozesse einzuführen. „In den 60er und 70er Jahren wurde das Institut sogar von einem polnischen Spion unterwandert“, erzählt Jerger. Man habe herausfinden wollen, was man im Westen über diese Länder wisse. Nach der Wende habe sich der Schwerpunkt radikal verändert – weg von der relativ wissenschaftsfernen Politikberatung hin zur Erforschung der historischen Besonderheiten der Region und der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse.
Kein Mix, sondern ein neues Institut
Auch die Arbeit des Südost-Instituts hat sich im Laufe der Zeit verändert. „Es gab eine regelrechte Explosion an historischer Forschung über diese Länder und in den Ländern selbst“, sagt Brunnbauer. Ziel des Instituts sei es gewesen, die Diskurse zu einer bestimmten Region zusammenzuführen.
Für das IOS wünschen sich die Direktoren vor allem eines: „Man soll uns als genuin neues, produktives Forschungsinstitut wahrnehmen, nicht als Mix aus den alten Instituten.“