Tina de Benedictis misst bei ihrer Kommilitonin Julia Kraus den Blutdruck. Beide sind für den dualen Studiengang Pflege eingeschrieben und absolvieren zunächst eine dreijährige Krankenpflege-Ausbildung. Foto: Knobloch
Von Louisa Knobloch, MZ
Regensburg. Tina de Benedictis legt die Druckmanschette um den Oberarm der jungen Frau im Krankenhausbett vor ihr und bläst sie auf. Dann rückt sie die Ohrbügel ihres Stethoskops zurecht und hört den Blutdruck ab. Auskultieren nennt man das im Fachjargon. „120 zu 80 – super“, sagt sie nach ein paar Augenblicken. Die „Patientin“ lächelt und setzt sich auf. Blutdruckmessen gehört an der Berufsfachschule für Krankenpflege des Bezirks Oberpfalz zum Lehrplan. Tina de Benedictis und ihre Mitschülerin Julia Kraus machen aber eine besondere Ausbildung: Sie sind im dualen Bachelorstudiengang Pflege der Hochschule Regensburg eingeschrieben.
Die beiden jungen Frauen gehören zum ersten Jahrgang, der im Wintersemester 2011/12 mit insgesamt 23 Studenten gestartet ist. Sie alle absolvieren zunächst eine dreijährige Berufsausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, besuchen aber parallel schon Blockkurse an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule Regensburg (HS.R). Nach erfolgreich abgelegtem Staatsexamen geht es dann für drei Semester an die Hochschule, das Studium schließt mit einer Bachelorarbeit ab.
Neue Aufgaben für die Pflegekräfte
„Nach viereinhalb Jahren hat man also eine Berufsausbildung und einen akademischen Abschluss“, sagt Prof. Dr. Klaudia Winkler, die den Studiengang an der HS.R betreut. „Das macht aus unserer Sicht die Attraktivität des Angebotes aus.“ Nach Kooperationen mit Hochschulen in Mainz und Nürnberg hat die Krankenpflegeschule des Bezirks nun einen Partner vor Ort.
„In 24 von 27 EU-Staaten ist die Pflegeausbildung bereits akademisiert“, berichtet Schulleiter Rupert Brenninger. Deutschland hinkt da noch etwas hinterher. Die Akademisierung sei jedoch wichtig, weil die Aufgaben – nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels – immer komplexer würden. „Pflegekräfte müssen zunehmend ärztliche Tätigkeiten übernehmen wie die Weiterversorgung von Patienten mit chronischen Wunden, Diabetes oder Demenz“, sagt Brenninger. Für eine patientennahe Versorgung sei es zudem wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu transferieren. Bewerber sollten teamfähig sein und über gute kommunikative Fähigkeiten verfügen: „Man muss offen sein, auf Menschen zugehen können“, sagt Brenninger. Aber auch gute kognitive Fähigkeiten seien wichtig: „Die Studenten müssen viel lernen“, so der Schulleiter.
Prof. Dr. Klaudia Winkler von der Hochschule Regensburg und Rupert Brenninger, Schulleiter der Krankenpflegeschule des Bezirks Oberpfalz Foto: Knobloch
Auf dem Stundenplan stehen zunächst Fächer wie Grundlagen der Pflege, in denen Anatomie und Krankheitslehre behandelt werden, aber auch Arzneimittellehre, Rechtskunde und Psychologie. An der Hochschule werden die pflegewissenschaftlichen Inhalte vertieft und um Module zu wissenschaftlichen Methoden und Arbeitsweisen ergänzt. Hier kommen Pflegeevaluation, Sozialmanagement im Gesundheitswesen und Pflegepolitik dazu. Im vierten und fünften Semester findet ein Praktikum statt. „Ich wollte etwas Soziales im medizinischen Bereich machen“, berichtet Studentin Julia Kraus. Besonders gut gefällt ihr, dass das duale Studium viele praktische Anteile hat: „Auf Station im Klinikum lernen wir alle Tätigkeiten kennen, die wir später selbst übernehmen“, sagt die 19-Jährige.
Es gibt zwei Stiftungsprofessuren
Zum Üben steht den angehenden Krankenpflegern an der Schule auch ein Demoraum zur Verfügung. An speziellen Dummys können sie hier verschiedene Situationen simulieren – Atemgeräusche, schwacher Puls, Blutdruck. Ein mit Headset ausgerüsteter Dozent kann den Dummy sogar sprechen lassen. „So können wir testen wie die Schüler reagieren, wenn der Patient beim Verbandswechsel sagt: Au, das tut weh!“, so Brenninger.
Die Krankenpflegeschule des Bezirks Oberpfalz wird aber nicht der einzige Kooperationspartner der Hochschule bleiben. „In Zukunft sollen weitere Schulen – auch über Regensburg hinaus – dazukommen, sobald die Voraussetzungen erfüllt sind“, berichtet Winkler. Dazu gehört vor allem akademisiertes Lehrpersonal an den Pflegeschulen, aber auch die entsprechende räumliche und technische Ausstattung. „Im dualen Studiengang werden Hochschulmodule an die Krankenpflegeschulen ausgelagert – diese müssen in Qualität und Inhalt den Hochschulkriterien entsprechen.“
Ab dem kommenden Wintersemester gesellt sich die Krankenpflegeschule der Barmherzigen Brüder zu den Kooperationspartnern. Sowohl der Bezirk Oberpfalz als auch die Barmherzigen Brüder finanzieren eine Stiftungsprofessur für den Studiengang. An der Hochschule unterrichten zudem Mitglieder der Fakultät und Lehrbeauftragte aus der Praxis. „Die Kliniken sehen das duale Studium auch als Personalentwicklungsmaßnahme, um den eigenen Nachwuchs auszubilden und qualifizierte Leute im Haus zu halten“, sagt Winkler. Der Aufwand sei schon größer als bei einer normalen Ausbildung, meint Julia Kraus. „Das wird sich später aber auszahlen“, ist die junge Frau überzeugt – etwa durch bessere Berufsaussichten und Möglichkeiten zur Weiterbildung. Denn die Absolventen können einen Master draufsatteln und danach sogar in Pflegewissenschaft promovieren.