Die Notwendigkeit und die Trasse einer Westumfahrung bleiben umstritten. Foto: Archiv
Kümmersbruck.
Mit Sinn und Unsinn einer Westumfahrung befasste sich die „IG-Ortsdurchfahrt entlasten – Natur erhalten“ bei ihrer letzten Sitzung. Als Gast konnte die IG den Amberger Stadtrat Helmut Wilhelm begrüßen, der zu rechtlichen Fragen Stellung nahm. Er erklärte zunächst, dass zwar für den bisher planfestgestellten Trassenabschnitt nur die FFH-Prüfung nachgeholt werden müsse, für den geänderten Trassenabschnitt jedoch weitgehend alle planungsrechtlichen Schritte erforderlich seien infolge der wesentlich erhöhten Verkehrsbelastung der Werner-von-Siemens-Straße. Deshalb werde es eine neue Auslegung und ein neues Einwendungsverfahren mit Erörterungstermin geben.
Ob der von Bürgermeister Gaßner angedachte Zeitplan von „einem halben bis dreiviertel Jahr für das geänderte Verfahren“ realistisch ist, wage er aber zu bezweifeln. Darüber hinaus erläuterte er noch einmal den Amberger Stadtratsbeschluss, der, entgegen früherer Stellungnahmen, nun eine Einleitung des gesamten Verkehrs der Westumfahrung in die Werner-von-Siemens-Straße befürwortet hat. Wilhelm selbst könne für diesen Sinneswandel keine Erklärung finden, vermute aber, dass die Entscheidung politisch begründet sei.
Diese Einschätzung wurde von Heiner Kapperer geteilt. Er könne sich weder den Sinneswandel der Stadt Amberg noch den der Regierung erklären, die plötzlich keine Rückführung der Umgehung auf die Vilstalstraße mehr verlange. Er vertrat die Meinung, dass damit der Tatbestand einer Ortsumfahrung nicht mehr erfüllt sei, und dass es sich bei der geplanten Straße vielmehr um einen Autobahnzubringer zur A6 handeln werde. „Die Ortsumgehung ist nur Nebeneffekt, und dafür sei die Gemeinde nicht berechtigt, fünf Millionen auszugeben,“ so seine Überzeugung.
Nur aus diesen Gründen juristisch erfolgreich dagegen vorzugehen, schloss Wilhelm allerdings aus. „Wenn Gemeinde und Regierung diese Straße wollen und die finanziellen Mittel dafür vorhanden sind, dann wird sie auch gebaut.“ Allerdings könne damit gerechnet werden, dass die Habitat-Prüfung und das ergänzende Planfeststellungsverfahren für den geänderten Planungsabschnitt erneut anfechtbare Fehler aufweisen.
Nach den Prognosen von Prof. Kurzak für 2025 wird der Verkehr, der nach der geänderten Planung der Westumfahrung auf der Vilstalstraße in Amberg ankommt, nur rund 2000 Kraftwagen weniger betragen. Zugleich wird aber die Werner-von-Siemens-Straße mit rund 16000 Kraftwagen durch die Westumfahrung belastet. Helmut Kraus verwies auf eine Passage im Planfeststellungsbeschluss, in der Kurzak ganz klar zum Ausdruck bringe, dass „die verkehrliche Wirksamkeit der Ortsumgehung deutlich zurück“ gehe, wenn „die Ortsumgehung im Westen nur bis zur Bayernwerkstraße geführt“ werde. „Das Kosten-Nutzen-Verhältnis muss deshalb gerade nach der geänderten Planung nochmal neu hinterfragt werden“, meinte Helmut Kraus.
Diese Einschätzung konnte IG-Sprecherin Freya Zobel nach dem Vergleich von Analysen und Prognosen diverser Pläne aus verschiedenen Untersuchungsjahren untermauern. „Das Ergebnis ist sehr aufschlussreich und lässt an der Gültigkeit der Prognosen für den Verkehrszuwachs zweifeln“, drückte sich Zobel vorsichtig aus. Denn die aus den offiziellen Unterlagen herausgerechneten Zahlen seien teils brisant und ließen die Notwendigkeit des Baus der Westumfahrung in anderem Licht erscheinen.
Grundlage des Vergleichs waren die „Verkehrsuntersuchung von 1999 der Stadt Amberg und der Gemeinde Kümmersbruck“ und die erneute Zählung zur Verkehrsentwicklung auf der Vilstalstraße von 2007.
Die jüngste Verkehrszählung von 2010 umfasse nur die Straßenbelastung an der südlichen Stadtgrenze von Amberg und sei daher für das Verkehrsaufkommen in der Ortsdurchfahrt Kümmersbruck nicht relevant. Danach prognostizierte das Büro Kurzak für das Jahr 2015 eine Zunahme des Binnen- und Quell-/Zielverkehrs von 23% und eine Zunahme des Durchgangsverkehrs von 32%. Nach der Analyse desselben Büros war aber bei der Verkehrszählung von 2007 keine Zunahme der Verkehrszahlen in der Ortsdurchfahrt zu verzeichnen, sondern im Gegenteil eine Abnahme des Verkehrs zwischen 3 und 12 (!) %. Lediglich südlich der Zeilenstraße Richtung Lengenfeld war eine Mehrbelastung von 13% festzustellen. Dieses erhöhte Verkehrsaufkommen sei, nach Meinung Zobels, durch erhöhte Bautätigkeit im südlichen Vilstal und die Entstehung eines weiteren Verbrauchermarktes verursacht.
Deshalb müsse die Frage erlaubt sein, was von den Prognosen des Büros Kurzak zu halten sei, wenn damit erneut die Notwendigkeit der Westumfahrung schön gerechnet werde. Und es müsse auch die Frage erlaubt sein, ob sich die Mehrheit der Gemeinderäte ernsthaft mit dem vorliegenden Zahlenmaterial befasst habe – sonst wäre die Abstimmung im Gemeinderat vielleicht anders ausgefallen.
Behandelte Fragen:
Wie sinnvoll ist die geplante Westumfahrung noch, wenn sie weniger als Ortsentlastung sondern vielmehr als Autobahnzubringer funktionieren wird?
Wie sinnvoll ist die Westumfahrung, wenn sie vor allem dem Zulieferverkehr zweier großer Firmen, weniger aber den Kümmersbrucker Bürgern nützt?
Wie sinnvoll ist eine Ortsumfahrung im Westen der Gemeinde, wenn sich die Neubau- und damit die Verkehrsentwicklung vor allem im Osten abspielt?
Wie sinnvoll ist die Westumfahrung, wenn sich die tatsächlich gemessenen Verkehrszahlen in keiner Weise mit den prognostizierten Zahlen decken?