Schüler berichten von Aktionen, die schon gelaufen sind.
Landkreis.
In 1042 Metern über dem Meeresspiegel haben gestern die Staatliche Berufsschule Cham und die Stredni odborne uciliste (SOU) Domazlice Partnerschaftsurkunden unterzeichnet. Damit dokumentierten sie nicht nur ihre langjährige gute Zusammenarbeit, sondern setzten auch ein Zeichen, die Kontakte zwischen den beiden Schulen in Zukunft noch weiter zu intensivieren.
Weil er ein symbolischer Ort für die wechselvolle Geschichte der beiden Länder beziehungsweise Regionen ist, war der Cerchov für diese Veranstaltung auserkoren worden. Der Berg zeigte sich an diesem Nachmittag von seiner ungemütlichen Seite. Zur Kälte kam auch noch Regen.
Fit für ein Leben in großen Räumen
Für die Feierlichkeiten war extra ein Zelt auf dem Cerchov aufgebaut worden. Die Leiterin der Staatlichen Berufsschule Cham, Oberstudienrätin Elisabeth Fäth-Marxreiter, hieß zusammen mit der Leiterin der SOU Domazlice, Mgr. Zdenka Bursikova, die Ehrengäste von beiden Seiten willkommen. Es waren dies von tschechischer Seite der Abgeordnete Jan Latka, der Kreisvertreter Ladislav Vitek und der Vertreter der Wirtschaftskammer, Ludvik Jirovex. Von deutscher Seite waren gekommen die Bundestagsabgeordneten Marianne Schieder und Karl Holmeier, Landrat Franz Löffler und der Geschäftsführer der IHK Cham, Richard Brunner.
Oberstudienrätin Elisabeth Fäth-Marxreiter erinnerte daran, dass sich seit der Grenzöffnung im Jahre 1989 beide Schulen angenähert haben, wobei sie insbesondere auf die Aktivitäten von Anton Spandl verwies. Fäth-Marxreiter betonte, dass die Berufsschulen besonders in die Entwicklung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes Ostbayern-Westböhmen eingebunden sind. Ziel müsse es sein, junge Menschen während ihrer Ausbildung nicht nur fit für das Berufsleben in ihrer Heimat zu machen, sondern eben auch mobil für ein Leben in größeren Wirtschaftsräumen.
Tänzerinnen von der Chamer Partnerschule in Domažlice sorgten für Schwung.
Lehrlings-Austausch noch spärlich
Zunehmend entwickle sich ein gemeinsamer Markt, sagte Fäth-Marxreiter. Ein gemeinsamer Ausbildungsmarkt, der dies noch stärker unterstützen würde, sei aufgrund der unterschiedlichen Systeme sehr viel schwieriger zu erreichen. Unter Anerkennung des jeweils anderen Systems müssten hier möglichst viele Anknüpfungspunkte gefunden werden.
Die Schulleiterin verwies auf grenzübergreifende Praktika und Projekte und sprach sich für noch stärker fachlich ausgerichtete Maßnahmen aus. Mit der modularen Zusatzqualifikation begebe man sich in die Richtung des 2009 eingeführten Europäischen Leistungspunktesystems ECVET. „Wir geben damit jungen Menschen die Möglichkeit, die Chancen eines gemeinsamen Lebens und Wirtschaftsraumes Ostbayern-Westböhmen offensiv zu gestalten“, sagte Fäth-Marxreiter. Die SOU Domazlice und die Berufsschule Cham wollen nach den Worten von Fäth-Marxreiter die Zusammenarbeit noch intensivieren. Man wolle als Berufsschule Möglichkeiten entwickeln, die einen gemeinsamen Ausbildungsmarkt fördern. „Wir wollen aber auch im Rahmen unseres Erziehungsauftrages das Zusammenleben in unseren beiden Heimatregionen, Toleranz, und Freundschaft fördern und damit unseren Beitrag zu einem Europa in Frieden und Demokratie leisten“, sagte die Schulleiterin.
Zdenka Bursikova erinnerte an die Anfänge der Zusammenarbeit unter Anton Spandl und verwies auf vergangene Aktionen. Durch die vielen Veranstaltungen habe die Partnerschaft eine menschliche Basis bekommen. Als Highlight erinnerte sie an den Bau von zwei Brücken. Alle Projekte hätten viel Spaß gemacht. Bei den Aktionen hätten sich die Schüler nicht nur fachlich fortgebildet, sondern sich auch sprachlich ausgetauscht. Die Brücken seien dabei symbolisch: zwei Sprachen – zwei Nationen – zwei Schulen. „Dieser Berg Cerchov hat Symbolkraft“, bemerkte Landrat Franz Löffler in seinem Grußwort. 45 Jahre sei der Cerchov nicht erreichbar gewesen für die Menschen beider Länder. Seit 20 Jahren verbinde der Gipfel aber nun wieder. Damit sei dieser Berg nicht nur geographisch in der Mitte Europas, hier sei „gelebte Mitte Europas“. Bei der Zusammenarbeit der beiden Schulen seien viele Akzente gesetzt worden.
Die Gäste des Gipfeltreffens am Cerchov fanden Schutz in einem Zelt.
Wie wachsen Systeme zusammen?
„Uns verbinden heute Faktoren, die uns zu einem lebenswerten Raum in der Mitte Europas werden lassen“, sagte der Landrat. Der gemeinsame Wirtschafts- und Arbeitsraum komme auch darin zum Ausdruck, dass 60 Firmen aus dem Landkreis Cham einen weiteren Firmensitz in der Region Domazlice haben. Ferner verwies er auf 1900 Beschäftigte aus Tschechien, die im Landkreis Cham einer Arbeit nachgehen. Dies alles dürfe aber keine Einbahnstraße sein, wünschte sich Löffler. Deshalb freue er sich, dass aus dem gesamten ostbayerischen Raum 1000 Personen im Bezirk Pilsen beschäftigt sind. Damit der gemeinsame Wirtschafts- und Lebensraum funktioniert, müssten die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden. Dabei komme es auf eine möglichst angepasste Bildung an. In den unterschiedlichen Bildungssystemen beider Länder sah Löffler deshalb eine besondere Herausforderung.
Die Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder (SPD) sagte, die europäische Zusammenarbeit werde noch besser gelingen, je mehr Menschen zueinander gebracht werden. CSU-Kollege Karl Holmeier bezeichnete den Cerchov als Symbol für die Einigung Europas Leider gebe es noch immer die Barrieren der Sprache und deshalb seien so genannten „Sprach-Wochen“ wichtig.
IHK-Geschäftsführer Richard Brunner sprach von einem Novum. Hier werde erstmals eine Ausbildungspartnerschaft gegründet. Der tschechische Parlamentsabgeordnete und frühere Bürgermeister von Domazlice erinnerte an die gute Zusammenarbeit mit dem Further Bürgermeister Reinhold Macho. Die Schüler knüpften nun an diese Arbeit an.
Die Veranstaltung wurde umrahmt durch Auftritte einer Choden-gruppe. Schüler trugen die „Geschichte des Cerchov“ vor und präsentierten frühere Aktionen der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit. Und an einem Büfet gab’s Köstlichkeiten – tschechische natürlich.