Im Stadtteil Haidhäuser leben die Eltern der Kinder in der Angst, dass der kranke Mann, der diesen Spielplatz wochenlang beobachtet hat und Kinder durch die Siedlung jagte, wieder in seine Wohnung zurückkehrt.
Von Johannes Schiedermeier, MZ
CHAM. Der Mann steht abends vor der Haustüre in Haidhäuser, schwarz angezogen, voller Schmutz und Blätter. Und er brabbelt wildes Zeug: „Ich muss die Kinder retten“, ruft er immer wieder. Schließlich alarmiert eine Mutter die Polizei. Der Mann wird überprüft. „Was sollen wir machen. Er hat ja nichts angestellt“, sagen die Beamten und rücken wieder ab.
Eine Mutter spricht aus, was viele denken: „Wir wissen, dass er krank ist. Er tut uns ja auch leid. Aber wir haben Angst um unsere Kinder. Dieser Mann darf nicht zurückkommen.“ Die anderen nicken. 20 Kinder und etliche Eltern wollten sich an diesem Nachmittag am Spielplatz in Haidhäuser mit dem Bayerwald-Echo treffen und über ihre Sorgen reden. Über den schwarzen Mann kursieren die wildesten Geschichten.
Jetzt sind die Türen zu
Vor einer Woche hat ihn die Polizei festgenommen. Fast 100 Paar Kinderschuhe hat er gesammelt. Aus sexuellen Beweggründen, hat er der Polizei gesagt. Geklaut hat er sie bevorzugt aus den Mehrfamilienhäusern der Siedlung. Er hat auch Mülltonnen durchwühlt. Die Haustüren waren in Haidhäuser immer offen. Die Schuhe der Kinder stehen sauber aufgereiht in Regalen vor der Wohnungstüre.
Jetzt sind alle Haustüren zu. Die Menschen in Haidhäuser haben Angst, dass der Mann wiederkommt. Denn die Lage eskaliert. Am Anfang, so berichten alle übereinstimmend, ist der Mann unauffällig. Er radelt irgendwann zwischen 14 und 15 Uhr aus Richtung Cham in die Siedlung und geht in seine Wohnung.
Vor etwa drei Wochen beginnt er, seltsam zu werden. Er läuft wirr umher, redet unverständliches Zeug. Dann wieder ist er völlig klar. An einem kalten Spätsommerabend steht er bis zum Hals im Wasser des Teichs gleich hinter der Siedlung. „Er hat gesagt, dass er dort Kinder retten muss“, erzählt ein Vater. Damals hält man ihn noch für etwas wirr im Kopf. Doch dann beginnt er, in den Gebüschen herumzulungern und die Kinder zu beobachten. Er versteckt sich mit Vorliebe bei Spielplätzen. „Er hat uns fotografiert“, sagen die Kinder.
Ein Bub zeigt seinen Schuh, den die Mutter bei der Polizei abgeholt hat. Er war mit einem Messer aufgeschlitzt. Fotos: Schiedermeier
„Er hat mich und meinen Freund angesprochen“, erzählt ein Achtjähriger und deutet auf einen anderen Buben neben ihm. „Wir sind davon gelaufen und er hat uns verfolgt. Er hat mich am Arm gepackt, aber ich habe mich losgerissen und bin ins Haus geflüchtet.“
Der Mann schläft nicht mehr. Er geistert nachts durch die Siedlung und leuchtet in die Fenster der Häuser. „Ich muss nach dem Rechten sehen“, sagt er, als er von einem Vater gestellt wird. Dann lehnt er sich um Mitternacht reglos unter eine Laterne und starrt eine Viertelstunde lang eine Frau an, die auf dem Balkon eine Zigarette raucht. Er läutet tagsüber an Haustüren und fragt Kinder aus, wann die Eltern wiederkommen. Alles nicht strafbar, sagt die Polizei zurecht. Sie hat den Mann schon mit dem Streifenwagen über den Fußballplatz gejagt und durchsucht. Alles ergebnislos. Er darf immer wieder zurück in seine Wohnung.
„Er soll nicht zurückkommen“
Dann kommt der Tag, als die beiden Kinder einer alleinerziehenden Mutter atemlos in die Küche rennen: „Ein Mann hat uns verfolgt.“ Die Mutter erinnert sich noch genau. „Ich habe das erst nicht geglaubt. Aber als sie dann noch mal raufkamen und sagten, dass der Mann sie hinter den Büschen am Spielplatz beobachtet, da habe ich ihn vom Fenster aus gesehen. Ich bin hingegangen und habe ihn gefragt: Was machen Sie da und was wollen Sie von meinen Kindern? Da hat er geantwortet: Das kommt alles später. Und er hat ganz komisch gelacht. Und als er sich umdrehte, habe ich den Holzgriff eines großen Messers im Hosenbund gesehen.“
Zwei Frauen beobachten den Mann später, wie er wutentbrannt über einen leeren Bauplatz läuft und mit zwei großen Messern um sich wirft, während er mit Leuten redet, die dort gar nicht sind. Diesmal verhaftet ihn die Polizei. Sie findet in der Wohnung rund 100 Paar Schuhe. „Wir wollen nicht mehr, dass der Mann zurückkommt“, sagen die Eltern. Die Rede ist von einer Unterschriftensammlung, aber auch davon, dass die Männer die Sache sonst selber regeln.
Anfrage bei Prof. Osterheider
Davon raten Polizeichef Alfons Windmaißer und Polizeihauptkommissar Franz Gschwendtner von der Inspektion Cham natürlich strikt ab. Bei allem Verständnis für die Ängste der Menschen. Der Mann sei derzeit in Verwahrung und die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft seien nicht abgeschlossen. Von einer kurzfristigen Rückkehr des Mannes geht derzeit niemand aus. Die Polizei hat auf dem Fotoapparat keine Bilder gefunden, „die die Persönlichkeitsrechte von Kindern verletzen würden“, sagt Gschwendtner. Bei den Messern handle es sich um große Brotmesser.
Unbestätigten Recherchen des Bayerwald-Echos zufolge, wird derzeit in Regensburg der Gesundheitszustand des Mannes überprüft. Wir haben sein Verhalten Dr. Michael Osterheider beschrieben und den Professor für Forensische Psychiatrie in Regensburg um eine Einschätzung gebeten. Es wäre unseriös, einen speziellen Fall am Telefon umfassend zu beurteilen, erklärt er. Grob gesagt, gehe es der Beschreibung nach hier wahrscheinlich um Pädophilie in Verbindung mit dem Kinderschuh als Fetisch. Auf diese Fetische würden oft die sexuellen Ambitionen übertragen, um sie nicht an Kindern auszuleben. In der Regel komme es nicht zu Gewaltausbrüchen, wobei man nichts ausschließen könne. Für eine zusätzlich vorhandene Psychose spreche auch die beschriebene Tag- und Nacht-Aktivität. „Diese Leute sind oft völlig erschöpft und froh, wenn sie am Ende in Therapie kommen. Das wäre sicher hilfreich“, sagt Prof. Dr. Osterheider.