Warnstreik beim Autozulieferer Behr in Neustadt am Montagvormittag: Die Produktion stand still, als über 200 Mitarbeiter die Arbeit niederlegten. Foto: Dannenberg
Von Jochen Dannenberg, MZ
Neustadt.
Dienstag, zehn Uhr vormittags. Die Sonne scheint. 200 Mitarbeiter des Autozulieferers Behr in Neustadt legen die Arbeit nieder und ziehen vor das Werkstor an der Bundesstraße 299. Sie tragen rote Käppis mit IG Metall-Aufdruck, halten Schilder und Banner hoch. Die Behr-Mitarbeiter fordern 6,5 Prozent mehr Lohn. Betriebsratsvorsitzender Peter Meier tritt vor die Mannschaft, begrüßt die Mitarbeiter der Frühschicht, stellt die Forderungen der Gewerkschaft zur aktuellen Tarifrunde vor. „Der Tarifvertrag ist ausgelaufen“, ruft Meier ins Mikrofon, „die Friedenspflicht beendet. Das ist ein Warnstreik.“ Und ein Arbeiter ruft zurück: „Die Halle ist leer. Wir sind alle hier draußen.“
Wenige Tage zuvor hat die Firmengruppe Behr, Hersteller von Klimaanlagen und Motorkühlungen, seine Bilanz bekannt gegeben. 2011 war für die globale Automobilindustrie ein erfolgreiches Jahr. Behr hat davon profitiert. Der Umsatz wurde im Geschäftsjahr 2011 um 10,6 Prozent auf rund 3,7 Milliarden Euro gesteigert, das Niveau aus Zeiten vor der Krise 2008/2009 wurde damit übertroffen.
Die Ertragslage des Automobilzulieferers entwickelte sich ebenfalls positiv: Das Ergebnis der Geschäftstätigkeit lag bei 135 Millionen Euro (2010: 53 Millionen Euro), der Jahresüberschuss betrug 93,2 Millionen Euro (2010: 59,9 Millionen Euro). Dennoch hängt bei Behr in Neustadt der Haussegen schief.
Zugeständnisse abgerungen
Und während Franziska Wolf und Oliver Berner von der IG Metall-Verwaltungsstelle Regensburg sowie Andreas Schmal vom DGB die Stimmung anheizen, schimpfen die Mitarbeiter, die sich vorm Werkstor versammelt haben, immer wieder. „Was wird aus den Auszubildenden?“ fragt einer. Ein anderer sagt: „6,5 Prozent – man muss auch sehen, was davon übrigbleibt.“ Eine Frau meint: „Wir haben in den letzten Jahren schon genug für die Firma getan. Jetzt sind die mal dran.“ Und ein Mann ergänzt: „Wer weiß, wie viele in Zukunft hier noch beschäftigt sind.“ Er will davon gehört haben, dass möglicherweise 300 Mitarbeiter abgebaut werden sollen.
Die Zahl kann der Betriebsratsvorsitzende nicht bestätigen. Dennoch sagt er klar: „Die Lage ist ernst.“ Meier und die Mitarbeiter des Autozulieferers wissen, dass das Unternehmen seit mehreren Jahren in einer schwierigen Entwicklung steckt. Sie dauert bei Behr in Neustadt seit 2004 an. Immer wieder wurden der Belegschaft Zugeständnisse abgerungen, um den Standort zu sichern. „Damals, 2004“, sagt der Betriebsratsvorsitzende, „wurden die Leistungszulagen um acht bis neun Prozent gesenkt. Von 2005 bis 2009 wurde den Vollzeitbeschäftigten nur 33,5 statt 35 Arbeitsstunden pro Woche bezahlt.“ Dann kam das Jahr 2009, das Behr große Verluste bescherte. Aktuell besteht ein Beschäftigungsvertrag, der bis zum 30. Juni 2015 gilt. Das Entgegenkommen der Belegschaft besteht in finanziellen Einbußen. „Das Urlaubsgeld wurde gekürzt“, sagt Peter Meier. Das sei schon schwierig genug, doch das allein sei noch nicht das Problem.
Die mehr als 200 Behr-Mitarbeiter, die an diesem Vormittag den Ausstand proben, stehen geschlossen hinter den Forderungen von Betriebsrat und Gewerkschaft. Manche nutzen das Fernsein von der Produktion, um sich mit den Kollegen auszutauschen und dabei vielleicht noch eine Zigarette zu rauchen. Andere greifen immer wieder zu den reichlich verteilten Trillerpfeifen und begleiten die Aussagen der Gewerkschaftsvertreter mit Pfiffen an die Adresse der Chefs. Ein ums andere Mal betonen Franziska Wolf und Oliver Berner von der IG Metall-Verwaltungsstelle Regensburg: „Unsere Forderungen sind berechtigt, der Warnstreik ist berechtigt.“ Die Behr-Leute nicken beifällig.
Aufträge laufen aus
„Die Forderung nach Lohnerhöhungen ist das eine. Der Beschäftigungssicherungsvertrag das andere“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Fraglich sei, wie es mit dem Werk in Neustadt weitergehe, wenn die gegenwärtigen Hauptaufträge zwischen 2014 und 2016 auslaufen.
Es gebe Gespräche zwischen der Unternehmensleitung und dem Betriebsrat, sagt Wiebke Wöllner, die bei der Behr-Gruppe für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Ziel der Gespräche sei es, gemeinsam Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Standort Neustadt „auf lange Sicht wettbewerbsfähig“ zu machen. „Konkrete Maßnahmen sind jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht definiert.“
„Konkret ist noch nichts“, sagt Peter Meier, „aber es gibt eine Forderung. Der Arbeitgeber ist auf uns zugekommen und hat gesagt, wenn ihr neue Aufträge wollt, brauchen wir ein Zugeständnis. Das bedeutet 3,5 Stunden unbezahlte Mehrarbeit.“ Die Warnstreiks der aktuellen Tarifrunde sind insofern auch ein Mittel um in der hausinternen Auseinandersetzung die Muskeln spielen zu lassen.
Weitere Warnstreiks
Inzwischen beschäftigen sich Sachverständige, die der Betriebsrat beauftragt hat, mit den Wirtschaftsdaten der Behr-Gruppe, um die ´Notwendigkeit der angekündigten Maßnahmen zu prüfen.
Nach einer dreiviertel Stunde beenden die Mitarbeiter der Frühschicht ihren Warnstreik. Peter Meier ist zufrieden. „Das Wetter und die Stimmung waren super“, sagt er. Am Nachmittag wird es bei Behr mit den Warnstreiks weitergehen. „Auch die Kolleginnen und Kollegen von der Spätschicht und der Nachtschicht werden die Arbeit für eine Stunde ruhen lassen“, sagt er.