OB Hans Schaidinger und Ute Weber-Hick zeigen den Grobplan.
von Marianne Sperb, MZ
Regensburg. Mitten im Niemandsland sind am Mittwoch Biertische weiß gedeckt und Snacks angerichtet. Die Stadt hat Journalisten zum Rundgang durch eine Ödnis geladen, die voller Zukunftschancen steckt. Oberbürgermeister Hans Schaidinger, Planungsreferentin Christine Schimpfermann, Dreifach-Referent Dieter Daminger (Wirtschaft, Wissenschaft, Finanzen) und ein Trupp weiterer städtischer Experten verbreiten Goldgräberstimmung beim gut dreistündigen Pressetermin im Areal der ehemaligen Nibelungenkaserne.
Die Lage: Nah zur Altstadt, noch näher zum Campus
„Stadtplanerisch“, sagt Schimpfermann, „ist das hier ein Traum.“ Die 400 000 Quadrameter Brachland, 80 Jahre lang Millitärgebiet, liegen „unvergleichlich in der Mitte der Stadt“, schwärmt Schaidinger. Zum Dom sind’s 2,2 Kilometer, zum Bahnhof kann man zu Fuß gehen, vis-á-vis liegt der Campus, ringsum Wohnviertel und ein Gewerbegebiet. Auf kostbarster Regensburger Fläche führen heute Tiere und Pflanzen eine ungestörte Existenz; in ein paar Jahren wird ihr Terrain boomende Adresse für Forschen, Lernen und Wohnen sein.
2015 steht die Berufliche Oberschule für 1400 Menschen
Die Schüler der neuen Beruflichen Oberschule (bisher: FOS/BOS) werden im Herbst 2015 einziehen. Nach dem gefeierten Wettbewerbsentwurf des Büros Schulz+Schulz Leipzig entsteht im Herzen des Areals ein Gebäude-Trio für die Zweige Wirtschaft, Technik und Sozialwesen, plus einer Sporthalle, mit Staffelgeschossen, Kamm-Struktur und Lerninseln. Knapp 1400 Jugendliche und junge Erwachsene werden sich hier, in einer der größten Schulen Regensburgs, auf ihr Berufsleben vorbereiten. Die Stadt lässt sich die Schule mit rund 7500 Quadratmetern Nutzfläche über den Daumen gepeilt 20 Millionen Euro kosten.
Ein idealer Ort für Forschung und Technologie-Unternehmen
Uni und die Hochschule für angewandte Wissenschaften bekommen einen TechCampus als neuen Nachbarn. IT-Firmen, Gründer, Labors und Technologie-Unternehmen, etwa aus der Sensorik oder der Elektromobilität, finden an der Galgenbergstraße eine neue Adresse, außerdem sind ein Hotel und ein Parkhaus geplant. Die Stadt baut ab Anfang 2014 für knapp 15 Millionen Euro ein 12 000 Quadratmeter großes Technologiezentrum. Der Wettbewerb (Kosten: 320.000 Euro) soll auch ein Grundmuster für das Gesamtareal bringen. Die Unterlagen sind im Dezember 2012 fertig, sagt Daminger. Bis dahin ist raus, ob Regensburg im Programm „Forschungscampus“ sitzt, das die Verschmelzung von Wirtschaft und Forschung fördert. Am 25. September gibt Bundesministerin Annette Schavan die Entscheidung bekannt. Regensburg hat’s unter 90 Kandidaten ins Finale geschafft; die Chancen auf zwei Millionen Euro Förderung pro Jahr, über ein Jahrzehnt hinweg vom Bund gewährt, stehen gut.
Denkmalgeschützt: ein Saal in der Nibelungenkaserne.
Wohnraum für rund 2500 Regensburger und viel Grün
Regensburg boomt, die Einwohnerzahl nimmt zu. Im Kasernenareal entsteht ab 2015 Wohnfläche für ungefähr 2500 Menschen. „Der Exerzierplatz hier wird mal blühendes Wohngebiet sein“, so Schaidinger. Verschiedenste Wohnformen sind geplant, so Ute Weber-Hick, Chefin des Planungsamts: Wohnungen zum Mieten, zum Kaufen, für Genossenschaften, Studenten und Senioren, 15 Prozent Sozialwohnungen. Das Gebot heißt Verdichtung, auch wenn der Grobplan, den Schimpfermann erläutert, viel Grün zeigt und im Zentrum des Quartiers einen Park. Von den schönen alten Bäumen allerdings werden längst nicht alle erhalten bleiben können.
Ein „Z“ für Autos und Busse und ein innovatives Energiekonzept
Die Hauptzufahrt zum neuen Stadtviertel wird die Galgenbergstraße. Eine Abbiegespur ist schon fertig, inklusive Pförtnerhäuschen, um Ein- und Ausfahrende im Blick zu haben. Die Hauptstraße durchs Quartier führt als „Z“ zum Unterislinger Weg. Durchgangsverkehr, das machte der OB klar, wird hier unerwünscht sein. Für Radler und Fußgänger dagegen soll es ein üppiges Angebot geben, ein Netz von Wegen, schmale Adern zu den Wohnquartieren Humboldt- und Otto-Hahn-Straße. Innovative Energieversorgung gehört ebenfalls zu den städtischen Leitlinien fürs Kasernengebiet. Das ZREU (Zentrum für rationelle Energieanwendung und Umwelt GmbH), ausgewählt aus zwölf Kandidaten, tüftelt an dem Konzept. An dem Papier, das 2013 vorliegt, wird sich die Lage von Trassen und Gebäuden orientieren. Die neue BOS setzt auf Erdwärme. Eine erste Bohrung, 73 Meter tief, ergab: Die Erdschichten sind für Geothermie optimal geeignet. 50 Bohrungen liefern 200 Kilowatt Energie und können den Bedarf der Schule zu 80 Prozent decken – und zwar relativ preiswert, für 200.000 Euro, so Helmut Blindzellner vom Amt für Hochbau.
Die Stadt kaufte das Areal zum Schnäppchenpreis: 13 Millionen
Die Flak-Kaserne, 1939 bis 1941 erbaut, wurde beim großen Luftangriff im März 1945 schwer getroffen. Zwei Monate später zogen die Amis ein, tauften die Anlage „Fort Skelly“ und bauten sie um. 1965 übernahm die deutsche Wehrbereichsverwaltung die Kaserne. Als 2004/2005 klar war, dass Berlin den Bundeswehrstandort Regensburg auflösen wird, begannen in Regensburg erste Planungen für die Zukunft. Der Truppenabzug, ein schwerer Schlag für Regensburg, erwies sich im Fall Nibelungenkaserne als Glücksfall. Zum Schnäppchenpreis von 13 Millionen Euro – für ein Areal, das laut Schaidinger 40 Millionen hätten bringen können – fiel die Fläche 2011 an die Stadt.
Eine der schönen alten Buchen auf dem Kasernen-Areal
Die Altlasten: Pestizide, Bomben und der Schlangenbau
In den nächsten Wochen beginnt in der Kaserne ein „Festival der Abrissbirnen“. Rund 50 Gebäude werden abgerissen. Einige sind schwer belastet mit verschiedensten Fungiziden und Pestiziden, mit denen die Amis Schimmel und Schädlinge fern hielten. Große Flächen Putz müssen getrennt entsorgt werden, ebenso asbesthaltige Welleternitdächer und Dachteerpappe. Recherchen kreisten 40 „Kontaminationsverdachtsflächen“ ein, 30 davon erwiesen sich bisher als unbelastet, so Experte Dr. Johann Rietzler. An drei Stellen muss Erdreich ausgehoben werden. Insgesamt habe sich die Kaserne als unerwartet wenig kontaminiert erwiesen. Altlast Nummer zwei: die Relikte der Militärnutzung. Experten fanden zahlreiche Bombentrichter und 18 Blindgänger-Verdachtspunkte. Die bisherige „Ernte“: diverse Munitions- und Waffenteile, Brandbomben, alte Karabiner, Granaten und eine ungezündete Zehn-Kilo-Splitterbombe.
Die mit 30.000 Quadratmeter Nutzfläche größte Altlast ist der Schlangenbau. Der Mäander-Komplex steht als typisches Beispiel für den Flak-Kasernen-Bau unter Denkmalschutz und ist eine Rarität; „davon gibt’s vielleicht noch 15 Stück“, sagt Dr. Heinrich Wanderwitz, Chef des Denkmal-Amts. Alle Investoren, denen die Stadt den Bau bisher anbot, sagten Nein: zu energiefressend, zu kontaminiert, nicht barrierefrei, teuerer als neu bauen, zählt Manfred Koller, Chef des Amts für Wirtschaftsförderung, die Gründe auf. Sollte der Schlangenbau keine Liebhaber finden, bleibt offen, was aus dem Denkmal wird, so Schaidinger: „Einen Plan B gibt’s nicht.“