Landkreis Regensburg 12.09.2012, 20:06 Uhr

„Victoria“ wartete vor der Schule

Wenn Mädchen und Buben ihre Schultüten und Ranzen stolz präsentieren, dann steigt auch die Aufregung der Erwachsenen – und sie erinnern sich.

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Lieselotte Stuhl, später Fendl, und ihre Klasse: Sie unterrichtete in Neutraubling. Fotos: Archiv der Stadt Neutraubling (Museum)/Westenhuber/Jung

Lieselotte Stuhl, später Fendl, und ihre Klasse: Sie unterrichtete in Neutraubling. Fotos: Archiv der Stadt Neutraubling (Museum)/Westenhuber/Jung

Von Felix Jung und Petra Schmid, MZ

Neutraubling. Nein, eine Schultüte habe er nie besessen, schon gar nicht mit Süßigkeiten gefüllt, erzählt Karl-Heinz Westenhuber. Als die MZ dieser Tage bei ihm anklopft, ob es denn im Archiv des Museums Bildmaterial gebe, die das Schulleben in der Gründerzeit Neutraublings dokumentiere, beginnt es sofort im Kopf des Archivpflegers zu rattern. Die Erinnerungen aus Kindertagen werden in ihm urplötzlich wach, wie wohl bei vielen Erwachsenen, wenn sie auf den Schulbeginn angesprochen werden oder die Erstklässler mit ihren Ranzen auf der Straße sehen.

Wir schreiben das Jahr 1947. Der kleine Karl-Heinz erlebt seinen ersten Tag in der Schule. Er trägt Lederhose, wie die meisten seiner neuen Klassenkameraden. Die Mädchen erscheinen im Kleid. Die Schürze darf dabei natürlich nicht fehlen. Es ist eng im Klassenzimmer. „Wir waren 56 Kinder zusammen in einer Klasse. Nach dem Krieg war das ganz normal“, berichtet Westenhuber. Damals wohnte er mit seinen Eltern nicht in Neutraubling, sondern im Regensburger Osten, im sogenannten Kasernenviertel. Seine ersten Erfahrung in Sachen Schulbildung machte er in der Pestalozzi-Schule. In seinem Privatarchiv existieren Aufnahmen aus der Anfangszeit seiner Schullaufbahn. Ein Foto in schwarz-weiß zeigt ihn auf einem Motorrad der Marke Victoria aus Nürnberg. Der Schulfotograf hatte sie mitgebracht, um nicht nur die üblichen Klassenfotos zu schießen, sondern auch Einzelporträts von den Schülern zu fertigen. „Die Buben sind dafür reihenweise angestanden. Jeder wollte einmal darauf sitzen. Das war ein ersten Hineinschnuppern für uns in die große weite Welt“, schwärmt Westenhuber. Am Ende konnten freilich nur wenige Eltern so ein zusätzliches Bild leisten. Das Geld war damals knapp.

Die eigentliche Schulgeschichte der Vertriebenenstadt Neutraubling beginnt erst Anfang der 50er Jahre. Die schulpflichtigen Kinder besuchten meist die Schulen in Harting und Barbing. Die Nachbargemeinden kämpften durch diesen plötzlichen und starken Zuwachs an Schülern aber bald mit Raumproblemen.


 

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