Lieselotte Stuhl, später Fendl, und ihre Klasse: Sie unterrichtete in Neutraubling. Fotos: Archiv der Stadt Neutraubling (Museum)/Westenhuber/Jung
Von Felix Jung und Petra Schmid, MZ
Neutraubling. Nein, eine Schultüte habe er nie besessen, schon gar nicht mit Süßigkeiten gefüllt, erzählt Karl-Heinz Westenhuber. Als die MZ dieser Tage bei ihm anklopft, ob es denn im Archiv des Museums Bildmaterial gebe, die das Schulleben in der Gründerzeit Neutraublings dokumentiere, beginnt es sofort im Kopf des Archivpflegers zu rattern. Die Erinnerungen aus Kindertagen werden in ihm urplötzlich wach, wie wohl bei vielen Erwachsenen, wenn sie auf den Schulbeginn angesprochen werden oder die Erstklässler mit ihren Ranzen auf der Straße sehen.
Wir schreiben das Jahr 1947. Der kleine Karl-Heinz erlebt seinen ersten Tag in der Schule. Er trägt Lederhose, wie die meisten seiner neuen Klassenkameraden. Die Mädchen erscheinen im Kleid. Die Schürze darf dabei natürlich nicht fehlen. Es ist eng im Klassenzimmer. „Wir waren 56 Kinder zusammen in einer Klasse. Nach dem Krieg war das ganz normal“, berichtet Westenhuber. Damals wohnte er mit seinen Eltern nicht in Neutraubling, sondern im Regensburger Osten, im sogenannten Kasernenviertel. Seine ersten Erfahrung in Sachen Schulbildung machte er in der Pestalozzi-Schule. In seinem Privatarchiv existieren Aufnahmen aus der Anfangszeit seiner Schullaufbahn. Ein Foto in schwarz-weiß zeigt ihn auf einem Motorrad der Marke Victoria aus Nürnberg. Der Schulfotograf hatte sie mitgebracht, um nicht nur die üblichen Klassenfotos zu schießen, sondern auch Einzelporträts von den Schülern zu fertigen. „Die Buben sind dafür reihenweise angestanden. Jeder wollte einmal darauf sitzen. Das war ein ersten Hineinschnuppern für uns in die große weite Welt“, schwärmt Westenhuber. Am Ende konnten freilich nur wenige Eltern so ein zusätzliches Bild leisten. Das Geld war damals knapp.
Die eigentliche Schulgeschichte der Vertriebenenstadt Neutraubling beginnt erst Anfang der 50er Jahre. Die schulpflichtigen Kinder besuchten meist die Schulen in Harting und Barbing. Die Nachbargemeinden kämpften durch diesen plötzlichen und starken Zuwachs an Schülern aber bald mit Raumproblemen.
Schon damals kam der Fotograf zum Erinnerungsfoto in die Schule: Karl-Heinz Westenhuber ließ sich dort auf einem Motorrad ablichten.
Außerdem war der Weg zur Schule für die oft schlecht ausgestatteten Kinder offenbar sehr anstrengend: „Bei der jetzigen Versorgung der Kinder mit Kleidung und Schuhwerk ist dies eine starke Zumutung, so daß man sich wundern muß, wenn die Kinder noch zur Schule kommen“, heißt es in der Schulchronik. Seit 1947 bemühten sich die Einwohner deshalb um die Errichtung einer Volksschule für ihre Kinder. Diese hatten teils über ein Jahr und länger keinen Unterricht mehr besucht. Die Eltern griffen zunächst zur Selbsthilfe. In 500 Arbeitsstunden wurden Schulräume im Schlangenbau geschaffen. Anfang Oktober 1948 wurde die Schule mit 94Schülern, 69 katholischen und 25 evangelischen, eröffnet. Im Schuljahr 1949/50 stieg die Schülerzahl bereits auf 136. Die zwei im Schlangenbau unterhaltenen Schulräume und der teilweise zu Unterrichtszwecken verwendete Kirchenraum im selben Gebäude reichte bald nicht mehr aus. So wurde zunächst ein weiterer provisorischer Schulraum im Klosterbau errichtet.
1952 wurde damit begonnen, die ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Fliegerhorsts umzubauen. Im August 1953 wurde schließlich ein erstes Schulhaus mit sechs Räumen eingeweiht. Für diesen ersten Schulbau hatten „Frauen, Kinder und ältere Leute nicht weniger als 70000 Ziegel [...] gesammelt“, wie die Zeitung berichtete.
Auch Neutraublings Ehrenbürger Josef Fendl, einst Lehrer an der hiesigen Realschule und Kreisheimatpfleger, ist seine Schulzeit in lebhafter Erinnerung. An der Hand seiner Mutter sei er „zur Schule geführt“ worden. Natürlich zu Fuß. Der Lehrer sei erhöht an einem Katheder (Pult) gesessen. Dass früher sogenannte Kombi-Klassen auf dem Land nichts Ungewöhnliches waren, zeigt eine Fendl Anekdote: Als Erstklässler sei ihm einmal von einem älteren Mitschüler der bairische Ausdruck „Rotzglocke“ eingeflüstert worden, als die Lehrerin wissen wollte, welches zusammengesetzte Wort ihm zu dem Begriff „Glocke“ einfiele.
Die Neutraublinger Chronik von 1989 „Junge Stadt im alten Donaugau“, herausgegeben von der Stadtverwaltung Neutraubling (Redaktion: Josef Fendl), und das Fachbuch „Aufbaugeschichten – eine Biographie der Vertriebenengemeinde Neutraubling“ der promovierten Historikerin Elisabeth Fendl (2006) nehmen sich diesem Thema am Rande an.