Maler der verschollenen Idyllen
Kunst Harte Arbeit vor dem Sonnensegel: Neue Bilder von Tilo Ettl bei Dr. Erdel.
Tilo Ettl: „Lebende Bilder“ (2007), Öl auf Lw., 117 x 77 cmFoto: Erdel
Von Helmut Hein, MZ
Regensburg. Durch die ganze Moderne geht ein Bruch – und Tilo Ettl verkörpert ihn wie kaum ein anderer. Er begann vor 20 Jahren als verstörter „enragé“, als ein im Innersten sanfter, suchender junger Mann, der sich gern die Aggressions- und Destruktions-Maske überzog. Er wollte der „bösen“ Welt den Spiegel vorhalten, trug viel Rouge auf seine Blessuren, damit sie schön leuchteten, baute grotesk-verstümmelte Maschinen aus Schrott, die bei jeder Bewegung schrägen Krach, verzerrt-unentzifferbare Stimmen der Qual von sich gaben und schrieb Pamphlete, vor denen die Kunst-Bürger erschrecken sollten. Das verlorene Paradies war bei den späten Nietzscheanern und „Sadisten“, den „Maldoror“-Adepten der damals für viel Aufsehen sorgenden Trash-Avantgarde-Gruppe „lyssa humana“ (menschliche Tollwut!) zum Reich der Psychosen und der permanenten Paranoia verklumpt.
Die Bereitschaft zum, ja „Kitsch“
Und jetzt das! In der Galerie Dr. Erdel steht würdig und soigniert der Künstler Tilo Ettl mit rotem Einstecktuch („das ist kultiviert!“) und wird besungen von dem einstigen Verwalter des Wiener Aktionismus-Erbes Arnulf Meifert, der offenbar auch genug hat von all den verzerrten und versehrten Leibern der Traditionslinie Bacon und Brus, von den dystopisch-wuchernden Mensch-Maschine-Metamorphosen und sich einfach über die schönen Bilder freut, die hinter ihm an der Wand hängen.
Auch diese Tilo-Ettl-Bilder sind verstörend – durch das demonstrativ (Alt-)Meisterliche dieser Malerei, durch das ungenierte Bekenntnis zur Arbeit an Farbe und Form, durch die blühenden Arrangements aus Frucht- und Landschafts-Accessoires und unschuldigsten Menschen, durch die Bereitschaft zum Idyll, ja zum „Kitsch“, was Meifert positiv, als Kompliment meint, gebe es doch „überhaupt keine Kunst ohne Kitsch-Anteil“. Prima vista will Tilo Ettl überhaupt nichts mehr von Destruktion und Dekonstruktion wissen, er verneint – was ein kleines Paradoxon ist! – die Negativität, er will, in der Weltabgeschiedenheit des von ihm selbst restaurierten Riesenhauses in der tschechischen Provinz, in der Gegenwelt seiner Ateliers und Werkstätten, nur noch schöpferisch sein, das, was er tut, bejahen, und sich um den Rest nicht kümmern. Aber wie der große Musik-Verrückte Karlheinz Stockhausen, von dessen Tod man in der Nacht nach der Vernissage erfährt, bewohnt auch Tilo Ettl nicht nur sein ästhetisches Reservat.



