Klarer Sieger nach Punkten: OB Hans Schaidinger triumphierte im aktuellen Koalitionskrach. Während sich Christian Schlegl mit ihm freut, bleibt der SPD nur der Gang in die Verlierer-Ecke. Hartls Taktik des verbalen Tiefschlags ging nicht auf. Illustration: Barbara Stefan
Von Ernst Waller, MZ
Regensburg. . Großen Sport bekamen die Regensburger in den vergangenen Wochen geboten: Nach tollen Aufstiegsspielen des SSV Jahn und einem prickelnden Ironman durften sie sich in den letzten sieben Tagen an einem ganz besonderen Boxduell erfreuen: Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) und SPD-Fraktionschef Norbert Hartl lieferten sich einen heftigen Schlagabtausch. In der schwarzen Ecke assistierte CSU-Chef Christian Schlegl, in der roten Ecke saß Bürgermeister Joachim Wolbergs. Letztere wollen in zwei Jahren als OB die Geschicke der Stadt lenken. Die MZ analysiert den Kampf, der so intensiv geführt wurde, dass die Koalition auf des Messers Schneide stand, und nennt Sieger und Verlierer.
Der klare Verlierer nach Punkten: SPD-Fraktionschef Hartl
Wie aus dem Nichts warf SPD-Mann Norbert Hartl vor einer Woche den Fehdehandschuh in den Ring. Der über Jahrzehnte in vielen Schlachten erprobte Kämpfer setzte auf eine altbekannte Taktik: Blitzschnell ließ er die Linke nach vorne schnellen, setzte einen Treffer, ging wieder in Deckung und wartete auf die Wirkung. Hartls Pech: Er hatte den Falschen getroffen. Der SPD-Mann hatte mit Dr. Helmut Reutter einen Mitarbeiter der Verwaltung öffentlich ins Visier genommen und ihm angesichts des Defizits beim evangelischen Krankenhaus vorgeworfen, dass Dr. Reutter als Leiter der evangelischen Wohltätigkeitsstiftung „das nicht im Griff hat“. Der OB und die CSU mit Fraktionsvorsitzendem Christian Schlegl holten zum großen Gegenschlag aus. Norbert Hartl sah sich plötzlich in der Ecke festgenagelt. Er wand sich, versuchte es mit dem alten Trick, er habe es irgendwann nicht ganz so gesagt und sowieso anders gemeint, konnte aber dem Trommelfeuer nicht mehr ausweichen. Da blieb ihm nur noch die volle Deckung („Ich sage gar nichts mehr“), um dann schließlich doch das Handtuch zu werfen. Er entschuldigte sich bei Dr. Reutter für die Zitate, die er angeblich nicht gesagt, aber der MZ zuvor autorisiert hatte. Die „Ecke“ war heilfroh, Bürgermeister Joachim Wolbergs atmete erleichtert auf und attestierte seinem Fraktionschef gar, mit der Entschuldigung ein „Zeichen der Größe“ gesetzt zu haben.
Fest steht: Norbert Hartl, der alte Kämpfer der Sozialdemokraten, geht schwer angeschlagen aus dem Streit. Die Niederlage hat er noch nicht überwunden, wie die Abschlusserklärung zum Ende des Familienkrachs zwischen SPD und CSU deutlich macht. Denn darin ist die Rede von einer „missverständlichen Formulierung, die jedoch anders ausgelegt“ worden sei. Wahre Einsicht sieht anders aus.
Bürgermeister Wolbergs blieb in den Aussagen zum Streit unklar
Nicht nur Norbert Hartl selbst, sondern auch seine „Ecke“ musste eine böse Schlappe einstecken. Bürgermeister Joachim Wolbergs würde es aus verständlichen Gründen am liebsten sehen, wenn die Koalition die zwei Jahre bis zur Wahl so geräuschlos wie möglich arbeitet. Dann könnte sich Wolbergs seinen Traum erfüllen und nach den derzeitigen Prognosen mühelos Hans Schaidinger als OB beerben. Doch der politische Gegner wird ihm diesen Gefallen sicherlich nicht. Jetzt bekam Wolbergs schon mal einen Vorgeschmack auf das, was ihn noch erwarten dürfte.
Der politische Gegner wirft Wolbergs schon lange vor, keine Nehmerqualitäten zu haben, wie sie im politischen Alltagsgeschäft, das vor allem in Wahlkampfzeiten einem Boxkampf gleicht, notwendig seien. Im aktuellen Streit konnte Wolbergs nicht punkten, er zeigte kein Profil, blieb widersprüchlich.
So sprach Wolbergs beispielsweise unmittelbar zu Beginn des Streits davon, dass die Kritik von Hartl zulässig sei. „Wenn er das so sieht, dann darf er das auch sagen“, hatte der Bürgermeister gegenüber der MZ erklärt. Er duldete somit die Kritik von Hartl an einem Mitarbeiter der Verwaltung. Am Ende der Woche schließlich erklärte Wolbergs, von ihm sei bekannt, dass er sich bei Angriffen immer schützend vor die Verwaltung stelle. Doch genau das galt eben nicht, als Hartl jetzt die Verwaltung attackiert hatte. Das ist keine glaubwürdige Strategie.
Bürgermeister Joachim Wolbergs kann sich sicher sein, dass ihm dieses zwiespältige Verhalten im Walkampf um die Ohren gedroschen wird. CSU-Fraktionschef Schlegl hat schon mal den Finger in die Wunde gelegt.
Christian Schlegl präsentiert sich mit klarer Strategie
Christian Schlegl, der ebenso wie Wolbergs auf den Oberbürgermeistersessel will, hat es zwar nicht leicht, sich im Schatten eines übermächtigen OB zu profilieren, doch konnte er im aktuellen Streit klare Treffer landen. Das lag an seiner Kampfstrategie: Die Angriffe Hartls seien nicht hinnehmbar, er müsse sich entschuldigen. Schlegl versuchte, der SPD die Regierungsfähigkeit abzusprechen. Vor allem aber: Er präsentierte sich als Politiker, der als möglicher OB immer die Verwaltung schützen werde. Sein Kontrahent Wolbergs habe dies nicht getan, sondern vielmehr die Attacken Hartls gedeckt.
Klarer Punktsieger nach sieben Tagen: OB Hans Schaidinger
OB Hans Schaidinger war vor wenigen Wochen in der Ukraine. Hat er etwa die Klitschko-Brüder im Trainingslager besucht? Der OB nahm den Fehdehandschuh Hartls dankend auf, stieg in den Ring und ließ bereits in der ersten Runde ein Trommelfeuer an verbalen Schlägen auf den Gegner niederprasseln, der sich davon nicht mehr erholte. Hans Schaidinger zwang Hartl sogar, ein Papier zu unterzeichnen, in dem der SPD-Fraktionschef die gegenüber der MZ gemachten Aussagen schriftlich bestätigte.
Der Oberbürgermeister führte Norbert Hartl mit diesem Eingeständnis in einer Pressekonferenz vor laufenden Kameras regelrecht vor. Schaidinger lehnte sich genüsslich zurück, denn er wusste – die SPD konnte nicht mehr aus: entweder die Koalition platzen lassen (das wollte Wolbergs auf keinen Fall) oder klein beigeben. So musste Hartl letztendlich das Handtuch werfen, die Schaidinger-Treffer hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Nichts anderes hatte der OB erwartet. Für ihn ist die SPD höchstens ein Sparringspartner. Wenn überhaupt.