Für sein Buch über Kunz suchte Thomas Göttinger ein Jahr lang nach Texten und Informationen.
Schwandorf. Ganz nach Konrad Max Kunz’ (KMK) Philosophie feiert die Stadt Schwandorf am 29. April das große Jubiläum mit einer öffentlichen Veranstaltung. „Er wollte ein breites Publikum ansprechen“, erklärt Thomas Göttinger, „nicht ausgesuchte Gäste.“ Deshalb ist um 15 Uhr jeder in der Spitalkirche bei freiem Eintritt willkommen, der Christian Udes Festrede sowie der Vorstellung von Göttingers Buch „Konrad Max Kunz — Der Komponist der Bayernhymne und seine Zeit“ lauschen will. Die Veranstaltung wird nach draußen übertragen, Platzprobleme sollte es also nicht geben.
Kurzer Einblick in ein Leben
Göttingers Werk über KMK ist ein „schmaler Band“ von 129 Seiten, ein Versuch, Kunz’ Leben sowie die kultur-politische Situation seiner Lebtage zu beschreiben. „Nur dann kann man ihn begreifen und würdigen“, weiß Göttinger aus eigener Erfahrung.
Kunz lebte in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs: Reaktion, Vormärz – „in diesem Spannungsverhältnis hat er sich bewegt“. Besonders engagierte er sich in der Männerchorbewegung, damals „Ersatz für die verbotenen politischen Parteien“, sagt Göttinger. Gleichzeitig machte Kunz seine ersten musikalischen Schritte in der Zeit des Biedermeiers, was sich in seinen naiv-braven, aber derben Texten der Zeit widerspiegele, erklärt der Autor. „Er war einer der wenigen Spätromantiker, die im volkstümlichen Stil schreiben konnten!“ In anderen Worten: derb, deutlich und zugleich hoch komplex. Nur durch sein hohes, handwerkliches Niveau schaffte es Kunz, schildert Göttinger, ein breites Publikum anzusprechen. Was ihm jedoch fehlte, war „die geniale Komponente“, wie sie sein Zeitgenosse Richard Wagner beispielsweise hatte. Laut dem Autor war sich Kunz dessen allerdings bewusst. Der intelligente Mann erkannte Wagners Genie, auch wenn er kein Freund seiner Musik war. Trotzdem: Ohne Kunz und die Münchner Liedertafel lief in den 1840ern und 50ern kein Ereignis ab. Verlobungen des Prinzen, Geburt und Taufe des Thronfolgers, Oktoberfest – überall sang der Chor oder trug Kunz seine Werke vor.
Seit 2005 befasst sich Thomas Göttinger intensiver mit dem Sohn der Stadt, vor zwei Jahren entstand der Plan zur „Biografie“, dank der finanziellen Hilfe der Stadt Schwandorf konnte es auch realisiert werden.
Menschen bereicherten Recherche
Wie aber nähert sich ein Autor einem solchen Menschen an? „Mein Ausgangspunkt war die Bayerische Staatsbibliothek in München“, schildert Göttinger. Dabei sei er vergangenen Sommer fast täglich dort gewesen und habe recherchiert. Der Autor bestätigt: „Es ist sehr trocken!“ Das Schöne sei jedoch, dass er nach einer Zeit sowohl Mitarbeiter als auch Stammgäste sehr gut kannte. Dann findet auch mal eine noch nicht verzeichnete Kunz-Partitur den Weg zur Kunz-Ausstellung.
Generell stand Göttinger bei seiner Arbeit jedoch einem Problem gegenüber: Quellen sind rar. „Es sind nur Teile der Personalakte erhalten.“ Leider fiel der Rest einem Bombenangriff auf München zum Opfer. Also suchte Göttinger vor allem in öffentlich zugänglichem Material: Einblick in Zeitungen gewährte ihm das Digitalisierungszentrum. Kunz war leider zu seiner Zeit ein häufiger Vor- und Nachname – jeder kann sich also ausmalen, wie viele Ergebnisse die Suchmaschine aus einem Zeitungsjahresband ausspuckt....
Zumindest gibt es Quellen über Kunz’ professionelles Leben – was sein Privatleben angeht, sieht es hingegen schwarz aus. „Ich habe kein einziges privates Dokument gefunden.“ Deshalb will er sein Werk nicht als „Biografie“ betiteln, weil das Persönliche einfach fehlt. Sollte es einen Briefwechsel zwischen Kunz und jemand gegeben haben, haben die Schriften die Jahrhunderte nicht überstanden.
„Raubein“ mit Alkoholproblem
Aus Äußerungen von Zeitgenossen kann sich Göttinger allerdings eine persönliche Einschätzung zusammen stellen: Kunz war wohl ein verschlossener Mensch, der lange gebraucht hat, um sich jemandem zu öffnen.
Selbst wenn er bei ausreichend Bier und Wein sehr gesellig sein konnte, war er ein „Raubein“, schwierig im Umgang und musste deshalb 28 Jahren am Hof vergeblich auf eine Beförderung warten. Aus Schilderungen des Schriftstellers Martin Greif, der KMK persönlich kannte, geht klar hervor, dass Kunz „ein Alkoholproblem hatte“. Auch seine Gicht spreche laut Göttinger dafür. Und die Frauen? Eine gewisse Attraktivität war ja vorhanden, wenn man den Darstellungen aus den 1840ern glauben darf. Außer seiner Mutter taucht jedoch nie eine Frau im Leben des Chormusikers auf. Wie Göttinger schildert, habe das zu Spekulationen geführt, ob Kunz vielleicht schwul war – Gewissheit wird es mangels privater Dokumente nie geben.
„Kennen Sie Kunz?“, die Frage, die den Schwandorfer KMK-Tage zusammenfasst, wird also immer mit „Nein“ zu beantworten sein, sogar von Thomas Göttinger, wie er selbst zugibt.
Eines wird er mit dem Buch endgültig beweisen: Hinter Kunz steckt weit mehr als nur die Bayernhymne. Aber lässt nach so vielen Jahren die Motivation nicht nach? Im Gegenteil: „Je mehr ich mich mit ihm beschäftige, desto größer ist meine Kunz-Euphorie, und desto mehr Motivation ist da!“
Am Sonntag, 29. April, wird das Buch in der Spitalkirche im Anschluss an Christian Udes Festrede vorgestellt. Zur Veranstaltung ist jeder willkommen. Der Eintritt ist frei, Beginn 15 Uhr.