Leonardo Bittencourt (r.) trägt bald das Dortmunder Trikot.
von martin rutrecht, MZ
bad gögging.
136 Bundesliga-Tore hat er erzielt, 1980 mit Deutschland den EM-Titel gewonnen, 1982 war er Vize-Weltmeister, mit dem HSV holte er dreimal die Meisterschale und 1983 den „Pokal der Landesmeister“ (Champions League). Horst Hrubesch, 61, sitzt auf der Terrasse des Marc Aurel in Bad Gögging und bekommt eben seinen Kaffee: „Das können Sie wieder mitnehmen. Das brauche ich nicht“, sagt er und drückt dem Kellner freundlich, aber bestimmt die Milchdöschen, Zuckerwürfel und den eingeschweißten Keks in die Hand.
Seine Schützlinge, die U19-Nationalspieler des Deutschen Fußballbundes, sind im Hotel verschwunden. Nach einer intensiven Trainingseinheit dürfen sie sich im Eisbecken regenerieren, ehe das Mittagessen serviert wird. „Solche feinen Bedingungen wie diese Generation hatten wir als junge Kicker nicht. Wir haben Physiotherapeuten dabei, einen Doktor, sind in einem schönen Hotel. Aber die Jungs haben es sich hart erarbeitet, dass sie hier sind. Geschenkt wird ihnen nichts“, sagt Hrubesch.
„Ich kann keinen Stuhl umspielen“
Der frühere Bundesliga-Torjäger lernte Dachdecker, ehe er seine Laufbahn begann. Groß geworden in Hamm stieß er über seinen Heimatverein sowie den SC Westtünnen und Rot-Weiß Essen 1978 zum Hamburger Sportverein. „Ich war schon etwas älter und habe gewusst, was arbeiten ist. Der Fußball hat mir ein tolles Leben ermöglicht, aber ich hab’ dafür auch viel gegeben. Die Familie musste vieles unterordnen. Ohne meine Frau wäre dieser Weg nie möglich gewesen.“
Gerade aber Hrubeschs Gattin fand’s nicht ganz so amüsant, als der Stürmer mit dem Beinamen „Kopfballungeheuer“ geschmückt wurde. „Sie wurde am Markt einmal mit ,Guten Morgen, Frau Kopfballungeheuer’ begrüßt“, schmunzelt der Ehemann. „Ich hatte nie ein Problem, das Wort ist wie eine Marke, wie ein Auszeichnung, es steht heute im Kreuzworträtsel. Welcher Spieler wird noch so geadelt?“ Allein auf die Kopfballstärke reduziert zu werden, störte ihn auch nicht: „Ich habe immer gesagt: Leute, ich kann keinen Stuhl umspielen, aber ich mach’ 20 Tore pro Saison.“
Hier redet er: Horst Hrubesch vor U 19-Nationalspielern. Fotos: Rutrecht
Als Trainer verschlug es den Wahl-Hamburger nach Essen, zum VfL Wolfsburg oder auch nach Österreich (FC Tirol, Austria Wien). „Eine unglaubliche Zeit habe ich bei Samsunspor in der Türkei erlebt. Fußball war dort Religion.“ Hrubesch wagte es, die türkischen Nationalspieler des Klubs auf die Bank zu setzen, weil er auf talentierte Kräfte baute. „Drei Monate hat sich das der Vereinspräsident angeschaut und dann gesagt: Horst, die spielen jetzt.“ Der Coach weigerte sich. „Unter mir spielen sie nicht. Du musst mich rauswerfen“, gab er zurück. Hrubesch wurde entlassen. „Ich war immer authentisch. Vielleicht bin ich deswegen heute noch bekannt und beliebt. Und weil ich früher blonde Haare hatte und der Schwarm aller Schwiegermütter war.“
Berti Vogts hätte den Ex-Profi schon damals, Mitte der 1990er-Jahre, gerne im DFB-Trainerstab gesehen. Doch erst im Jahr 2000 klappte es. „Der Job als Nachwuchscoach macht mir riesen Spaß.“ Zu einem Engagement in der Bundesliga sagt Hrubesch: „Gucken wir mal.“ Der HSV sei früher lange an ihm dran gewesen. Die Antwort des Idols fiel einfach, aber schlüssig aus: „In Hamburg bin ich der liebe Gott. Warum soll ich das kaputt machen?“ Ausschließen wolle er aber nichts.
2008 wurde er mit der damaligen U19 des DFB Europameister. „Die Bender-Zwillinge, Schweinsteiger, Kuranyi, später Julian Draxler, alle sind durch meine Junioren-Nationalteams gegangen.“ Die neuen Hoffnungsträger im aktuellen U19-Kader heißen Leonardo Bittencourt oder Danny da Costa. „In der Mannschaft gibt es keine Stars. Die Individualisten kommen nicht ohne Mitspieler aus, genauso ist es umgekehrt. Einer muss dem anderen helfen, immer hundert Prozent geben und Verantwortung mittragen. Das will ich sehen.“
Dortmunder: „Ich bin nicht der Star“
Einordnen in dieses Konzept muss sich auch ein Youngster wie der Neu-Dortmunder Bittencourt, den der Meister für drei Millionen Euro von Energie Cottbus verpflichtete. Der Junge wirkt geerdet: „Ich bin durch diesen Transfer nicht etwas Besseres als die anderen. Wir haben genügend Spieler mit Bundesliga-Erfahrung hier. Wir haben ein Ziel und das ist die U 19-EM-Endrunde.“ Zu seinen Zielen in Dortmund sagt er: „Ich will mich durchsetzen, brauche aber sicher Geduld.“ Die hohe Ablösesumme für einen 18-Jährigen lässt ihn unberührt. „Ich mache mir da keine großen Gedanken. Ich sehe die Chance, mich bei einem tollen Profi-Klub weiterzuentwickeln“, sagt der Mittelfeldspieler.
Trinkpause für Danny Vieira da Costa (l.) von Bayer Leverkusen und seine Kollegen der U 19-Nationalmannschaft
Horst Hrubesch würde einen Teil solcher Transfergelder gerne in die Nachwuchsarbeit gesteckt wissen. „Wir stehen mit unserer A-Nationalmannschaft im Moment auf der Sonnenseite. Aber genau jetzt können wir auch die größten Fehler machen, wenn wir glauben, es geht von alleine so weiter.“ Über die Junioren-Auswahlen könne man gute Fußballer verbessern. „Spielern wie Özil oder Götze hat der liebe Gott ein Talent mitgegeben. Das kann man nicht antrainieren.“
Der erste Besuch des „Kopfballungeheuers“ in Bad Gögging ist es übrigens nicht. „Ich habe mir schon zwei-, dreimal Jungnationalspieler angeguckt, die mit ihren Klubs hier trainierten. Die Rahmenbedingungen sind perfekt.“ Hrubesch nutzt mit seinen jungen Profis auch den kleinen Nebenplatz, etwa bei einem Stationenzirkel, wo am Eins-gegen-Eins ebenso gefeilt wird wie am Torabschluss.
Im internen Match wird hohes Tempo angeschlagen, die Pässe kommen präzise, jeder Spieler ist in Bewegung. Lässt einer nach, findet der Nationaltrainer die richtige Ansprache. Auch in anderen Situationen. „Junge, du machst ein riesen Solo über 70 Meter und dann so einen schlechten Pass!“, ruft der Ex-Bundesliga-Torjäger. Beim Kaffee sagt er später: „Die Arbeit mit den Jungs hier hält mich fit.“