Daniel Brodmeier hat es geschafft: Der 24-Jährige wird Deutschland bei den Olympischen Sommerspielen vertreten. Fotos: Archiv
von martin rutrecht, mz
saal.
Als die Generalprobe beim Weltcup in London für Daniel Brodmeier Ende April grandios daneben ging, herrschte in seinem Umfeld Besorgnis. „Was is’n los? Hast schlecht trainiert? Wo fehlt’s denn?“ Solche und ähnliche Fragen prasselten auf den 24-jährigen Kleinkaliber-Gewehrschützen ein. „Leute“, entgegnete der Saaler, „das hier ist kein Ausscheidungswettkampf. Wichtig ist die Qualifikation in Hannover und München.“
In der Ruhe liegt die Kraft, signalisierte Brodmeier – und schlug zu, als es darauf ankam. Mit Platz fünf im Dreistellungskampf und Rang sieben im Liegend-Anschlag beim Weltcup in der Landeshauptstadt hat sich Daniel Brodmeier an Pfingsten das Ticket für die Olympischen Spiele in London gesichert. In beiden Disziplinen wird der Geräte- und System-Elektroniker als einer von zwei deutschen Athleten an den Start gehen. An seiner Seite steht Altmeister Maik Eckhardt – für den es die siebten(!) Spiele sind.
Chili für die Freundin – „alles frisch“
Einige Tage nach seinem Quali-Coup hat Brodmeier gerade ein Chili con carne auf den Herd gesetzt, als er mit der MZ spricht. „Alles frisch, nichts aus der Dose“, betont er lachend. Seine Freundin Nicole Stenzenberger, ebenfalls Nationalkader-Schützin, darf sich auf ein feines Abendessen freuen, noch ist sie in der Arbeit. Der Saaler hat sein Tagwerk bei Osram Opto Semiconductors in Regensburg schon getan. Das junge Paar wohnt in Niederlauterbach. „Ich wäre gerne in Saal geblieben, aber wenn man fast täglich in München trainiert, macht eine so weite Anreise keinen Sinn. Deshalb haben wir uns auf die Mitte verlegt.“ Die SG 1882 Saal sei nach wie vor sein Erstverein. „Das bleibt auch so.“
Was ihm beim Weltcup in der Landeshauptstadt glückte, „hab’ ich noch nicht ganz kapiert. Ich glaube, ich brauche noch ein paar Tage.“ Er fühle sich momentan eher leer, „am liebsten wäre mir jetzt eine Couch“. „Die Leute um mich sind wahnsinnig happy. Daran merke ich, dass etwas Größeres passiert sein muss. Ich hatte nie gedacht, dass ich so viele Gratulationen bekommen würde. Wo haben die alle meine Handynummer und E-Mail-Adresse her?“, sagt der Olympionike und setzt schmunzelnd hinterher: „Die tun ja alle g’rad so, als ob ich mich für Olympia qualifiziert hätt’.“
Abensberger Heilpraktiker hilft
Hat er tatsächlich. „In München waren es einfach super Wettkämpfe für mich. Ich habe das schon an der inneren Anspannung gespürt. Trotzdem war ich total locker und ruhig.“ Brodmeier musste sich gegen Nationalteamkollegen behaupten, die ebenfalls um einen Startplatz kämpften. „Mein Vorteil war sicher, dass ich positive Erfahrungen mit solchen Ausscheidungsrennen habe.“ Bereits bei seinem ersten Auftritt in der Elimination des Liegend-Schießens (60 Schuss) spürte der 24-Jährige: „Das ist mein Tag. Nach 50 Schuss habe ich kurz innegehalten und mir gedacht: Wow, das läuft.“
Gute Vorzeichen seien für ihn gewesen, dass „meine Schießhose, die viermal beim Ändern war, endlich geliefert wurde. Vor dem Weltcup habe ich mich mit neuer Munition eingedeckt. Das sind so Kleinigkeiten, die alle zusammen spielen. Vom ersten Moment an habe ich mich auf diese Ausscheidung gefreut.“ Nervös, sagt der Saaler, nervös ist jeder, der da anlegt.
Als richtig habe sich die Fokussierung auf diesen „Zielwettkampf“ herausgestellt. „Im Vorjahr war ich fast bei jedem Schießen dabei. Am Ende, als ich einen Quotenplatz für Deutschland erreicht hatte, war ich so ausgepowert, dass ich mich kaum noch freuen konnte.“ Heuer konzentrierte sich der Junioren-Vizeweltmeister von 2006 ausschließlich auf München sowie den vorhergehenden Vergleich in Hannover. „London oder auch die internationale Konkurrenz in Dortmund waren mir gleichgültig.“ Wer zwischen Sport- und Berufswelt auf hohem Niveau hin und her pendle, „kann nicht ständig auf Anschlag fahren. Da gehst du kaputt. Für einen Profi mag es möglich sein.“
Eine solche „Punktlandung“ hatte auch der bayerische Verbandstrainer Mario Gonsierowski noch nicht gesehen, wie der Coach des Saalers beim Weltcup in München bekundete. Neben diesem Betreuer hat auch ein Abensberger großen Anteil am Erfolg: der Heilpraktiker Franz Frischeisen. „Ich arbeite mit ihm schon seit Jahren zusammen. Er hilft mir viel bei der mentalen Vorbereitung. Wichtig ist dabei gar nicht so sehr, welche Methoden er anwendet, sondern dass ich an die Wirkung glaube“, sagt Brodmeier.
In genau zwei Monaten startet der 24-jährige Saaler zu den Olympischen Spielen nach London. „Wir fliegen am 31. Juli.“ Damit verpasst er zwar die Eröffnungsfeier, „aber die Zeitspanne von der Zeremonie am 27. Juli bis zu meinem ersten Einsatz am 3. August im Liegend-Schießen wäre zu lang“. Am 6. August folgt der Dreistellungswettkampf. Freilich beginnt die Vorbereitung nicht erst auf der britischen Insel. Nächsten Donnerstag absolviert der London-Teilnehmer eine Ranglisten-Konkurrenz in Hannover. Daran schließt sich ein fünftägiges Trainingslager mit dem deutschen Kader sowie Olympioniken aus den USA und Australien an.
„Urlaub kann ich vergessen“
Ganz dick angestrichen im Kalender hat Brodmeier den Einkleidungstermin am 28. Juni in Mainz, wo er mit den offiziellen deutschen Olympia-Klamotten versorgt wird. „Da freu’ ich mich schon drauf.“ Vor dem eigentlichen London-Trip Ende Juli steht ein „Vorbesuch“ in der britischen Hauptstadt an. „Wir dürfen drei Tage auf der Olympia-Anlage trainieren. Das wird wichtig sein, denn der Schießplatz an der freien Luft ist gewöhnungsbedürftig. Außerdem wollen wir uns und das Material auf das Wetter einstellen – und hoffen, dass es bei den Wettkämpfen dann auch so ist.“ Die Planung bis zu den Spielen hat Brodmeier schon abgeschlossen, und muss feststellen: „Die fünf Tage Urlaub, die ich bis dahin mal nehmen wollte, kann ich abschreiben.“
2013 wird ein Sabbatjahr
Ein wenig Pause gönnt er sich jetzt. „Ich muss erst langsam wieder die Spannung aufbauen.“ Die Frage aller Fragen spukt natürlich schon im Kopf herum: Was er sich ausrechnet bei den Olympischen Spielen? „Im Schützensport ist ein Ring auf oder ab eine Welt. Deshalb gibt es auch keine richtigen Favoriten. Ein Ring mehr und du stehst im Finale der besten Acht, ein Ring weniger und du landest auf Platz23.“ Der Einzug in eine Endrunde der Top Acht wäre für den Saaler „ein riesen Erfolg“. „Erfahrung werde ich auf alle Fälle sammeln.“
Egal, wie es ausgeht, eines steht für den 24-Jährigen schon fest: „Nächstes Jahr werde ich im Leistungssport eine Pause machen. Ich werde bestimmt in den nächsten Olympiazyklus wieder einsteigen, aber 2013 fahre ich die Belastung runter. Beruf, Training, Lehrgänge, Wettkämpfe – das alles zusammen ist enorm viel.“ Bevor Daniel Brodmeier das Sabbatjahr antritt, ist da noch ein Ziel: London 2012.