Die Eishockey-Jugend zerrt auch an den ganz Großen des Eishockeys in Deutschland: Hier sind es die Schüler gegen Mannheims Jungadler. Foto: Schmeilzl
Der EV Regensburg feiert im August sein 50-jähriges Bestehen – und war 2012 mit zwei deutschen Meistertiteln und dem Aufstieg in die Eliteliga DNL nie so erfolgreich wie heuer. Was hinter den Erfolgen steckt, weiß keiner so genau. Die Trainer müssten es ja wissen, oder?
Sven Gerike: Das ist ist nicht nur ein Produkt der vergangenen vier Jahre, in denen wir das gesamtverantwortlich machen. Das hat mit dem Bau der Donau-Arena angefangen, als zwei Eisflächen zur Verfügung standen. Und es haben ein paar Bausteine immer besser ineinander gegriffen. Da hängt mehr dran, als man von außen sieht. Wenn der Stefan bisher Dienstschluss hatte in der Arbeit, dann hat er sich bis spät in die Nacht um zwei, drei Mannschaften gekümmert.
Dann kommt jetzt der nächste Baustein. Seit 1. Juli ist der Traum des Stefan Schnabl Realität, aus dem Hobby wird eine feste Anstellung. Was ändert sich?
Stefan Schnabl: Das ist der positive Effekt aus den Erfolgen, dass ich jetzt diese Möglichkeit bekomme. Das geht jeden Tag um neun Uhr morgens los. Ich kann mit Spielern sprechen, Sven unterstützen, einmal die Woche im Internat vorbeischauen...
Internat ist ein Stichwort. Kaum jemand weiß, dass dort neben Baseballern auch Eishockeyspieler untergebracht sind.
Gerike: Stimmt. Das wissen viele nicht, aber ohne Internat ginge es nicht. In Eishockey-Deutschland hat es inzwischen einen sehr guten Ruf. Wir hatten zuletzt sechs Spielern dort. Zur neuen Saison werden es neun sein. Früher hatten wir das Problem, dass uns die besten Spieler verlassen haben, weil es woanders besser ist. Jetzt wollen sehr, sehr viele kommen, und es ist eher so, dass Spieler aufhören, weil sie diesen Leistungssport, den wir ab der Schüler-Bundesliga machen, gar nicht mitgehen wollen.
Gibt es Eishockey als Breitensport beim EVR überhaupt noch?
Schnabl: Wir müssen schauen, dass wir wieder breiter werden und unten mehr machen. Das ist auch so eine Arbeit, die ich jetzt erledigen kann. Ich habe mit zwei Kindergärten gesprochen und will nach den Ferien mit Grundschulen Kontakt aufnehmen.
Um diese Zeit gibt es Hallen-Kapazitäten.
Gerike: Bisher sind wir dahin gerannt, wo es am meisten gebrannt hat – weil so viel Arbeit auf so vielen verschiedenen Ebenen da ist. Wir trainieren momentan vier Mal die Woche morgens mit Spielern: Wir stehen um fünf auf, holen die Spieler ab, fahren ins Rückenzentrum und danach fahren wir sie in Schulen. Zu zweit ist einfach mehr Manpower da.
Gibt es noch Aktivitäten im Verborgenen?
Gerike: Das ist riesig umfangreich. Wenn wir gefragt werden, wie wir das geschafft haben, sagen wir beide das Gleiche: mit 24 Stunden Verfügbarkeit. Wir sind immer für die Spieler da. Und gibt es so viele Leute, die mit anschieben: Ärzte, Physiotherapeuten, Internat, Lehrer, Schulleiter. Wir kontrollieren ja auch die Zeugnisse und geben Gas. Wir wissen, wenn sich jemand dreimal vom Training abmeldet, weil er lernen muss, dass er eine Sechs geschrieben hat und wohl nichts gelernt hat. Auch da sind wir hinterher.
Wie sieht das weiter oben aus?
Gerike: Das geht bis in die erste und zweite Mannschaft hoch, dass wir Arbeits- und Ausbildungsplätze suchen, wo sie auch am Freitagmorgen nach Freiburg fahren können, weil sie das wieder reinarbeiten. Im Gegenzug bekommen unsere Partner leistungsfähige, strapazierfähige und teamfähige Mitarbeiter.
Hat sich heuer im Nachwuchs sportlich nur ausgedrückt, was lange vorbereitet war? Bei einer Corinna Harrer wird in der Laufszene auch gerätselt, wo sie auf einmal herkommt. Aber da steckt ungeheuer viel Vorleistung dahinter.
Schnabl: Die Erfolge hat man seit Jahren gesehen bei Knaben, Jugend, Junioren und Schülern. Man darf all die anderen nicht vergessen, die ihren Job machen. Ich will da jetzt nicht kommen und der Chef sein. Wenn du namentlich beginnen würdest, die Leute aufzulisten, bräuchten wir eine halbe Seite dafür.
Gerike: Das stimmt. Was einen Schub gegeben hat, ist, dass wir ab 2008 alles selbst in der Hand hatten. Von ganz oben bis ganz unten war da eine durchgängige Struktur.
Flapsig formuliert: Der Konkurs der Eisbären in der 2. Liga war ein Glücksfall?
Gerike: Was die Nachwuchsarbeit angeht, ja, weil der Fokus extrem darauf gelegt wurde und keine Gegenspieler dafür da war. Die Arbeit haben wir beide auch nicht alleine zu verantworten und wir sind nicht immer einer Meinung. Aber wir kennen das Ziel, wo wir hinwollen, diskutieren ständig den Weg neu und sind ständig auf der Suche nach Partnern und Ideen.
Es gibt ja auch die Stimmen, die sagen: Regensburger für Regensburger ist gut und schön, aber die Nachwuchsspieler kommen inzwischen von ganz woanders her.
Schnabl: Regensburger Jungs sind die, die das Trikot tragen. Man muss berücksichtigen, was diese Jungs auf sich nehmen und einbringen. Man muss weg von dem Gedanken, dass man Regensburger nur von Geburts wegen ist. Wir hatten Corinna Harrer. Sie stammt aus Wenzenbach. Aber nicht alle Leichtathleten kommen aus der Gegend und trotzdem heißt es auf Eurosport: Der Regensburger oder die Regensburgerin von der LG Telis Finanz. Wenn die Legionäre Meister werden, kommt nur einer aus Regensburger und es ist dennoch eine Regensburger Mannschaft. Und wenn der SSV Jahn in die 2.Liga aufsteigt, sind auch nur drei oder vier Regensburger. Das sollte man alles relativieren.
Gerike: Keiner hat Stress damit, dass Khedira, Podolski, Klose oder Özil das deutsche Trikot tragen, auch wenn sie keine gebürtigen Deutschen sind. Wir haben Spieler, die seit Jahren beinahe täglich hierher gefahren sind, soviel Geld und Zeit investiert haben, damit sie hier sein können, obwohl sie nichts dafür bekommen – wenn das keine Regensburger sind, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Andere werden für richtig viel Geld geholt – und die würde man dann feiern?
Reicht das EVR-Potenzial für die DNL?
Schnabl: Ich glaube, dass wir mit der Mannschaft bestehen können. Da sind Spieler drin, die schon lange dahin gehören und das eine oder andere Länderspiele machen werden. Vielleicht macht uns auch aus, dass viele, die sonst keine Heimat hatten, einen Verein gefunden haben, wo sie sich weiterentwickeln können. Hier haben wir Türen aufgemacht. Da gibt es Sieler, bei denen ich noch gar nicht weiß, wo das Ende der Fahnenstange ist.
Stößt denn der EVR an seine Grenzen?
Schnabl: Das glaube ich nicht. An Grenzen stößt du nur, wenn du zufrieden bist und dich zurücklehnst – und wenn du nicht bereit bist, die Grenzen immer weiter hinauszuschieben.
Kurt Ring sagt bei den Leichtathleten immer: Geht nicht, gibt’s nicht.
Gerike: Einspruch. Eine Grenze, an die wir stoßen, ist die wirtschaftliche. Jeder Verein, der so arbeitet wie wir, hat zwei, drei hauptamtliche Nachwuchstrainer. Wir können uns das noch nicht leisten. Unsere sportlichen Grenzen sind noch lange nicht erreicht, aber von der Struktur müssen wir jetzt wieder hinterherkommen.
Was bringt 2013 nach diesem so erfolgreichen 2012? Was ist der nächste Schritt?
Schnabl: Sportlich ganz kleine Brötchen zu backen und in der DNL einen zu finden, der hinter uns bleibt. Und die Spieler wieder einen Schritt an das Seniorenteam und vielleicht sogar höhere Ligen heranzu´führen.
Gerike: Der nächste Schritt ist ganz einfach. Mit Jugend und Junioren waren in der Bundesliga unter den Blinden die Einäugigen und es gab noch zehn Teams mit 250 Eishockey-Spielern drüber, die eine Liga höher waren. Das ist der nächste Schritt: Uns mit den Besten der Besten zu messen. Wir wollen zeigen, dass wir da hingehören.
Was kommt dabei dann für oben heraus?
Gerike: Jedes Spiel wird jetzt auf einem ganz anderen Level stattfinden. Die Spieler, die künftig in der ersten Mannschaft ankommen, haben ein ganz anderes Grundniveau als die, die jahrelang nur den Schläger aufs Eis legen mussten und trotzdem ihre Spiele gewonnen haben. Das ist der Punkt: Wir machen also wieder zwei Schritte in einem.