Simone Laudehr im Gespräch mit MZ-Sportchef Gerd Schneider in der Sportschule Oberhaching. Foto: privat
Am Donnerstag haben Sie mit der Nationalmannschaft gegen England in München gespielt, an Ihrer alten Wirkungsstätte und nicht allzu weit weg von Ihrer Heimat. War das für Sie auch eine Begegnung mit Ihrer Vergangenheit?
Simone Laudehr: Da kommen schon Erinnerungen hoch, schöne und weniger schöne. Wenn ich in Bayern bin, ist das immer etwas Besonderes. Freunde waren da, meine Eltern konnten zugucken, die waren natürlich furchtbar stolz. Trotzdem beschäftige ich mich gerade nicht so mit der Vergangenheit, sondern mit dem, was kommt – vor allem mit Olympia.
Sie fahren zu den Spielen nach Peking, sind Weltmeisterin und Junioren-Weltmeisterin, Sie spielen bei einem Spitzenklub in der Bundesliga und gelten insgesamt als kommende Figur des deutschen Frauenfußballs. Wird es Ihnen da mitunter schwindelig?
Simone Laudehr: Ich habe sehr dafür gekämpft, diese Ziele zu erreichen. Ich wollte schon immer in die A-Nationalmannschaft. Klar, am Anfang, als ich beim SC Regensburg war, waren das eher noch Träume. Dann kam das Angebot von Bayern München, in die Bundesliga zu gehen, und da bin ich diesem Ziel schon ein Stück näher gekommen. Dann die U 19, der Wechsel nach Duisburg, dort habe ich mich als Fußballerin sehr viel weiterentwickelt. Und dann ging alles ganz schnell: Auf einmal war ich in der Nationalmannschaft, und bei der WM letztes Jahr bin ich mitaufgesprungen ...
... zum Glück für die Nationalelf. Sie haben eine sensationelle WM gespielt und im Finale gegen Brasilien das 2:0 erzielt.
Simone Laudehr: Ich wollte bei der WM unbedingt ein Tor machen, vielleicht habe ich mir das fürs Finale aufgespart. Ich wollte meine Leistung krönen. Und jetzt ist mein nächster Schritt Olympia. Dort möchte ich unbedingt eine Medaille holen. Nicht irgendeine Medaille, sondern Gold.
„Das war so toll!“: Simone Laudehr (Mitte) auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn. Per Kopf hat sie soeben das Tor zum späteren 2:0-Endstand gegen Brasilien im WM-Finale von Shanghai 2007 erzielt (rechts Martina Müller). Foto: dpa
Und dann?
Simone Laudehr: Kommen die nächsten Ziele dran. Jetzt spielen wir mit Duisburg im Uefa-Pokal, ich möchte mal Pokalsieger und Meister werden, was wir in der letzten Saison leider verpasst haben. Irgendwann möchte ich im Ausland spielen, und ich möchte studieren.
Gab es irgendwann in Ihrem bisherigen Leben einen Punkt, an dem Sie spürten, dass Ihre Träume wahr werden können?
Simone Laudehr: Ja, das war 2006, ich machte gerade in Duisburg meine Ausbildung zur Bürokauffrau. Da kam die erste Einladung der Nationalmannschaft, gegen China, ich konnte damals wegen meiner Ausbildung nicht dabei sein, die Lehre hatte für mich Vorrang. Aber da wusste ich: Jetzt bist du ganz nah dran, jetzt liegt es an dir selbst, was du daraus machst. Wobei ich mich auch noch heute nicht als Stammspielerin sehe, dafür fühle ich mich auch noch viel zu jung.
Was ist mit Ihrem Leben passiert seit dem 29. September 2007, dem Tag, als Sie Weltmeisterin wurden?
Simone Laudehr: Jaaaahhh (lächelt selig). Wieviel Zeit haben Sie? Also, es war aber nicht alles nur positiv. Es war hinterher auch stressig. Ich konnte erst nicht damit umgehen. Ich bin von einem Termin zum anderen gehetzt, dazwischen Bundeswehr, Sponsorentermine. Das hat mich belastet. Ich kannte das alles noch nicht, und deshalb war das halbe Jahr danach eine schwere Zeit für mich. Dann kamen auch noch Verletzungen dazu. Das alles hat mich ein bisschen aus der Bahn geworfen.
Was genau bereitete Ihnen Probleme?
Simone Laudehr: Ich konnte mich nicht mehr auf den Fußball konzentrieren. Man erwartet selbst von sich so viel. Da stürzt so viel auf einen ein, plötzlich will jeder etwas von dir, und man will diese Erwartungen ja auch erfüllen. Wenn das nicht funktioniert, weiß man nicht, wie man damit umgehen soll.
Wie hat sich die Situation gebessert?
Simone Laudehr: Das war beim Algarve Cup im Frühjahr. Dann habe ich wieder trainiert, trainiert, trainiert, ich konnte mich wieder richtig auf den Fußball konzentrieren. Das hat mir Mut und Kraft gegeben. Inzwischen weiß ich, wie ich damit umgehen muss.
Gab es jemanden, der Ihnen geholfen hat?
Simone Laudehr: Meine Eltern, meine Freunde, die haben mir unter die Arme gegriffen. Auch mein Berater und Manager hat mir sehr geholfen, er ist ein studierter Psychologe. Und er hat Ahnung vom Fußball. Mit ihm kann man wunderbar reden, wir sind inzwischen ein eingespieltes Team.
In Ihrem Tagebuch auf Ihrer Homepage (www.simone-laudehr.com) haben Sie sich erstaunlich offen über diese Probleme geäußert. Warum?
Simone Laudehr: Ich wollte damit auch andere junge Spieler und Spielerinnen darauf aufmerksam machen, dass Erfolg auch andere Seiten hat, die nicht so angenehm sind. Das gehört auch zum Leben. Nehmen Sie die Birgit Prinz, ein absoluter Weltstar im Frauenfußball. Sie hat auch mit solchen Phasen zu kämpfen.
Sie meinen psychische Tiefs?
Simone Laudehr: Das kann man so nennen. Als junge Spielerin muss man lernen, wie man aus solchen Tiefs rauskommt und wie man damit umgeht. Diese Erfahrung muss man machen. Junge Spieler erwarten einfach viel zu viel von sich.
Kommen wir mal zu den schönen Seiten eines WM-Titels...
Simone Laudehr: ...um Gottes willen, ich möchte nicht, dass jetzt der Eindruck entsteht, das ist alles nur negativ. Das waren so tolle Momente! Und irgendwo genießt man es danach auch, wenn man so gefragt ist und mal im Mittelpunkt steht. Das heißt aber nicht, dass ich deshalb meine Nase oben trage.
Wenn man die Gästebucheintragungen auf Ihrer Homepage anschaut, fällt auf, dass Sie viele männliche Fans haben. Einer schrieb, Sie seien seine „Herzprinzessin“.
Simone Laudehr: Ja, (lacht lauthals), das hatte ich schon oft. Andere wollten unbedingt Kinder mit mir haben.
Ein Zeichen, dass Frauenfußball inzwischen sexy ist?
Simone Laudehr: Ich glaube, im Frauenfußball hat sich einiges verändert, nicht nur die Spielweise. Schauen Sie sich unsere Trikots an! Das sind ja jetzt nicht mehr diese Zelte, die wir früher immer anhatten. Die Trikots sind speziell für Frauen zugeschnitten. Und auch bei den Spielerinnen findet man andere Typen und Persönlichkeiten, viele haben lange Haare. Deshalb wird das auch als weiblicher wahrgenommen.
In einem „Zeit“-Interview sagten Sie mal, Sie seien männliche Fans gewohnt.
Simone Laudehr: Die hatte ich immer schon. Den Jungs hat es immer gefallen, dass ich so gut Fußball spielen konnte. Aber mit dem Kinderkriegen, da werden sie noch ein bisschen warten müssen.
Berühmt geworden ist nicht nur Ihr Kopfballtor im WM-Finale, sondern auch die Art und Weise, wie Sie nach dem Treffer gejubelt haben. Sie lupften Ihr Trikot, und zum Vorschein kam das, was man einen Waschbrettbauch nennt. Dieser Bauch scheint viele beeindruckt zu haben.
Simone Laudehr: Ich wusste in dem Moment gar nicht, was ich tue. Das war so toll, ich habe einfach irgendetwas gemacht. Erst hinterher habe ich gemerkt, dass nun jeder über meinen Bauch spricht. Viele haben gesagt: So einen Bauch hätte ich auch gerne. Ich finde das lustig.
Bauchmuskeln kommen nicht von alleine. Wieviel tun Sie für Ihre Fitness?
Simone Laudehr: Ich war schon immer ein Typ, der ständig läuft. Auch als Kind war ich immer in Bewegung, ich bin nie stehen geblieben. Wenn ich in Tegernheim mit meinen Kumpels draußen war, war ich ständig am Hetzen und Rackern. Diese Gene habe ich von meiner Mama bekommen. Sie war früher sehr sportlich, sie war eine gute Leichtathletin.
Wie oft trainieren Sie?
Simone Laudehr: Zwölf Mal pro Woche. Fünf Mal Training mit der Mannschaft, dazu ein Spiel, und morgens trainiere ich individuell. Ich bin Sportsoldatin, die Bundeswehr stellt mich ja dafür frei, dass ich auch vormittags trainiere.
Das heißt, Ihr Pensum ist doppelt so hoch wie das der meisten Bundesliga-Profis.
Simone Laudehr: Ist das so? Wieviel trainieren die denn?
Meist einmal am Tag anderthalb Stunden. Man will die Herren ja nicht überfordern.
Simone Laudehr: Dafür, dass wir soviel trainieren, verdienen wir im Vergleich zu den Männern ziemlich wenig. Ich hoffe, das ändert sich eines Tages.
Die nächste WM findet 2011 in Deutschland statt, Sie sind dann gerade 24 Jahre alt. Sie könnten eine der Hauptfiguren sein beim nächsten Fußball-Sommermärchen.
Simone Laudehr: Darauf freue ich mich jetzt schon. Wann erlebt man das schon, eine WM im eigenen Land? Ich will wieder Weltmeisterin werden. Dafür werde ich alles tun.
Woher kommt Ihr starker Wille?
Simone Laudehr: Ich denke mal, von der Mama. Ich habe natürlich nicht alles von ihr, ich will den Papa ja nicht leiden lassen, wenn er das Interview liest. Aber den Ehrgeiz habe ich von meiner Mama, eindeutig. Außerdem war ich in einer Klosterschule. Da stand Disziplin an höchster Stelle. Das hat mich auch dazu bewegt, meinen Weg zu gehen. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann schaffe ich das auch. Bis jetzt hat’s ganz gut geklappt.
Mit 17 haben Sie für den Fußball Ihre Familie und Ihre Heimat verlassen. Wie schwer fiel Ihnen das?
Simone Laudehr: Am Anfang fiel mir das nicht leicht, von einem Tag auf den anderen ganz auf sich allein gestellt zu sein. Ich hatte oft Heimweh. Aber irgendwann muss man wissen, was man will. Und ich wusste das früh. Wenn ich mal für ein paar Tage zu Hause bin, genieße ich das. Tegernheim war schon immer mein Dorf. Da ist meine Familie, da sind meine Freunde. Und so oft wie möglich bin ich in Regensburg. Ich möchte diese Stadt sehen, und ich möchte sie fühlen.