1:2 gegen Italien. Aus, vorbei, verloren. Katerstimmung in Schland, und die enttäuschte Sportfan-Seele dürstet nach Trost. Gut möglich, dass sie diesen direkt beim nächsten anstehenden Großereignis hätte finden können: Die Tour de France (30. Juni bis 22. Juli), bis vor einigen Jahren ja auch eine Veranstaltung mit fernsehvolksbewegendem Charakter, hat aus deutscher Sicht mit Männern wie André Greipel, Tony Martin, Marcel Kittel und dem unermüdlichen Jens Voigt, der zum 15. Mal am Start ist, weiß Gott genügend Helden-Potenzial.
Doch die fetten Jahre des Radsports sind aus den bekannten Gründen nun mal vorbei, und weil ARD und ZDF der Tour 2011 Au revoir sagten und heuer erstmals komplett auf die Übertragung verzichten, ist selbst im Erfolgsfalle eher nicht von einer nachhaltig heilsamen Wirkung auf die Volksseele auszugehen. Der einst so populäre Profi-Radsport erlebt als TV-Phänomen gerade eine Stunde Null - aber vielleicht ist die Tour 2012, immerhin vom Spartensender Eurosport umfangreich berücksichtigt, gerade deshalb spannend wie lange nicht.
Die Rundfahrt finde "bei den deutschen Fernsehzuschauern nur noch eine geringe Akzeptanz, die lange Live-Sendestrecken nicht mehr rechtfertigt", teilten die beiden öffentlich-rechtlichen Sender im Februar 2011 ziemlich trocken mit, als sie ihren Ausstieg aus den Live-Übertragungen ankündigten. Alle wichtigen Entscheidungen der Rundfahrt 2011 waren dann immerhin noch bei ARD und ZDF in Echtzeit zu sehen, am Ende war also alles noch halb so schlimm - wahre Enthusiasten wanderten eben zu Eurosport ab, wo man sich natürlich die Hände rieb und mit erstmals über 80-Livestunden mit Karacho in die Lücke stieß. Und dieses Engagement zahlte sich aus: Die Marktanteile konnten so teilweise verdoppelt werden.
Jetzt ziehen sich ARD und ZDF komplett zurück, zeigen keine Livebildeer mehr - und der Sportsender konzentriert sich bei der 99. Auflage der Tour de France deshalb umso stärker auf die Radsportfans. "Bis zur traditionsreichen Sprintankunft auf der Champs-Élysées in Paris am 22. Juli überträgt Eurosport insgesamt über 150 Stunden, davon mehr als 80 Stunden live und 100 Prozent in HD", kündigten die Münchner an.
Ab dem Prolog am Samstag, 30. Juni, wird Eurosport täglich mindestens drei Stunden live von jeder Etappe berichten, hieß es in einer Mitteilung. Zusätzlich gibt es Rückblicke vom Start jeder Etappe sowie dem zwischenzeitlichen Rennverlauf und Interviews mit den Favoriten. Einzelne Übertragungen beginnen bereits um 13 Uhr oder teilweise schon um 11 Uhr, wie die 16. Etappe von Pau nach Bagnères de Luchon, bei der die Rennfahrer die Anstiege von Aubisque, Tourmalet, Aspin und Peyresourde bewältigen müssen.
Direkt im Anschluss an die Etappen gibt es "Tour de France Extra" - die Liveschaltung in den Zielbereich mit Interviews mit Top-Fahrern und ihren Teammanagern, Analysen der Etappe und der offiziellen Siegerehrung. Und wer tagsüber keine Zeit zum Fernsehen hat: Bei Eurosport 2 gibt es jeden Abend gegen 20 Uhr die Etappe des Tages in einer zweistündigen Zusammenfassung. Begleitet werden die 3.484 Kilometer quer durch Frankreich von den Kommentatoren Karsten Migels, Jean-Claude Leclercq und Ron Ringguth. Für Yahoo! Eurosport sind online Andreas Schulz und Jan Ullrich als Blogger im Einsatz.
Jan Ullrich - der Name steht als Synonym für das, was sich in den letzten Jahren abspielte. In seinen Hochzeiten, als "Ulle" sich gegen Widersacher wie Marco Pantani und vor allem Lance Armstrong zu epischen Bergschlachten aufschwang, war der Radsport ähnlich Kult wie seinerzeit schon die Formel 1 oder wenig später auch das Skispringen dank der Erfolge von Sven Hannawald und Co. Als Ullrich 1997 siegte, war er 23 Jahre alt - einer der jüngsten Tour-Gewinner aller Zeiten, das schürte eine "Jetzt geht's los"-Stimmung, der er nicht gewachsen sein konnte.
Dem Toursieger von 1997 verdanken das Fernsehen und der deutsche Radsport vieles. Zugleich aber ist er auch die tragische Figur, die erst einmal mit dem Zusammenbruch des Hypes verbunden bleibeen wird.
Vieles um die Dopinggerüchte ist immer noch im Dunkeln. Fakt ist, dass es seit dem letzten wirklich ambitionierten Versuch Ullrichs im Jahr 2003, den pro Etappe noch im Schnitt 3,1 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 28,8 Prozent) mitverfolgten, steil bergab ging mit den Fernsehquoten. 2009 sanken die Marktanteile des einstigen sportlichen Jahres-Highlights bei ARD und ZDF unter das Niveau von Zoo-Dokus oder Telenovelas, die sonst am Nachmittag zu sehen sind. Nur eine Million Zuschauer im Schnitt ließen die Gesichter bei den Verantwortlichen von ARD und ZDF bis in die Radspeichen herunterhängen - auch wenn 2010 mit 1,26 Millionen (10,9 Prozent Marktanteil) wieder etwas mehr Fans dabei waren, bleibt der Ausstiegsentschluss von ARD und ZDF nachvollziehbar.
Allerdings nicht aus Sicht der deutschen Profis, denen nun eine gewaltige Plattform für ihr Geschäft verloren geht. Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin, wohl die größte deutsche Tour- und Olympia-Hoffnung, wetterte Medienberichten zufolge vor der Tour: "Für mich ist das eine Frechheit. Das Interesse der Leute ist da. Es wäre die Pflicht der öffentlich-rechtlichen Sender, den Wünschen der breiten Masse zu entsprechen. Umso unverständlicher wird das, wenn man sieht, dass ARD und ZDF hundert Millionen Euro in den Fußball stecken."
ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz konterte nicht ohne einen gewissen Zynismus, dass ARD und ZDF "bei ihrer Entscheidung die Dopingdiskussionen in den letzten Jahren und das damit verbundene abnehmende Interesse der deutschen Fans nicht negieren" konnten. Außerdem sei "für die Fans durch Eurosport eine Liveübertragung gewährleistet". Und auch ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky schaltete sich ein: "Die Glaubwürdigkeit des Radsports hat bei unseren Zuschauern durch die Dopingthematik in den vergangenen Jahren massiv gelitten. Allein seit 2006 wurde zwei ursprünglichen Toour-Siegern, Floyd Landis 2006 und Alberto Contador 2010, der Titel wegen Einnahme verbotener Mittel aberkannt." Der Radsport müsse zeigen, so Balkausky, "dass der Tour-Sieger in Zukunft auch Monate und Jahre nach der Siegerehrung noch genauso heißt wie am letzten Tag der Tour in Paris".
Und jetzt? Das Thema Doping hat nicht mehr die alles erdrückende Präsenz der vergangenen Jahre, aber der Radsport hat noch immer keine verlässlichen Selbstreinigungsmechanismen gefunden. Vieles ist offen. Das Potenzial, um die Tour wieder in die Spur eines Ereignisses von massenbewegender Bedeutung zurückkehren zu lassen, ist zweifellos vorhanden. Aber für kollektive Gänsehautmomente sorgt bis auf Weiteres wohl nur die Erinnerung an glorreiche Tage.
"Quäl dich, du Sau!"- Der Spruch hat jetzt ein kleines Jubiläum: Es war vor 15 Jahren, am 24. Juli 1997, als der spätere und seither letzte deutsche Toursieger Jan Ullrich auf der 18. Etappe in den Vogesen leicht erkältet schwächelte und er von Edelhelfer Udo Bölts mit jener legendären Motivationsspritze über die Leistungsgrenze hinaus und über die letzten steilen Berge der Rundfahrt hinweggetrieben wurde. Der direkt in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommene Befehl ziert heute T-Shirts und Kaffeetassen, Bölts hat sogar seine Autobiografie unter dem Titel "Quäl dich, du Sau" veröffentlicht. Alles schön und gut, aber, ganz ehrlich: Es wird Zeit für neue Bonmots und die nächsten ganz großen Momente einer großartigen Sportart, die einfach nicht noch weiter an den Rand gedrängt werden darf. Dass ARD und ZDF die Reißleine zogen, ist diskussionswürdig, aber durchaus nachvollziehbar. In der Pflicht stehen nun vor allem die Fahrer selbst.
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