Im Zentrum einer Weinbauregion
Von Ulrich Traub
Einen Superlativ hat Maribor bereits: Der älteste Rebstock der Welt gedeiht am Ufer der Drau. Seit mehr als 400 Jahren trägt er nun schon Früchte. Als Zentrum einer Weinbauregion hat Maribor einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Nun will sich der slowenische Ort auch als Kulturstandort einen Namen machen.
Mit dem portugiesischen Guimarães trägt Maribor den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2012 – zwei Orte, die bislang nicht auf der Liste der Kulturreisenden standen. Unter dem Motto „Turning Point“, Wendepunkt, soll in Maribor nicht weniger „als die Heimat, die Stadt und die Gesellschaft verändert werden“, heißt es. Mehr als vollmundige Absichtserklärung ist dies pure Notwendigkeit. Denn wie auch Essen, das den Titel 2010 trug, ist die Region von hartnäckigen Strukturproblemen gekennzeichnet.
Maribor, mit wenig mehr als 100000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Sloweniens, war in Jugoslawien einer der bedeutendsten Industriestandorte. Das ist längst Vergangenheit, aber die Universitätsstadt sucht noch nach einer neuen Rolle. Viele Bewohner sind mangels Arbeitsmöglichkeiten weggezogen. Nun soll es die Kultur richten. Allein, es fehlt an Geld – auch für das Projekt 2012. Ob alle der geplanten rund 300 Programmangebote in Maribor und seinen benachbarten Partnerstädten – Murska Sobota, Novo Mesto, Ptuj, Slovenj Gradec, Velenje – durchgeführt werden können, ist fraglich.
Alles dreht sich um den Hauptplatz
Die Reise in die nur wenige Kilometer hinter der Grenze zu Österreich gelegene Kulturhauptstadt lohnt dennoch. Der Ort, an dem die Römer einst eine Festung zum Schutz vor den Magyaren angelegt hatten, entwickelte sich ab dem 13. Jahrhundert zu einer blühenden Handelsstadt am Schnittpunkt bedeutender Fernstraßen. Die noch existente Stadtburg lässt sich bis zum Jahr 1478 zurückverfolgen und diente bis 1938 als Sitz der Habsburger (heute Museum). Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes der Freiheit liegt die größte Weinkellerei Sloweniens, in deren Keller Verkostungen stattfinden. Auf dem Platz selbst ist das Denkmal, das an die Opfer des Faschismus und an die Befreiung vom Nazi-Terror erinnert, nicht zu übersehen. Die riesige Bronzekugel wird von den Einheimischen wegen der glänzenden Oberfläche „Kojak“ genannt.
Der Hauptplatz mit dem Rathaus
Ein weiterer bedeutender Treffpunkt in der vitalen Innenstadt ist der Hauptplatz. Er wird vom Rathaus und zahlreichen restaurierten Bürgerhäusern gesäumt. Der langgestreckte Platz ist die Schnittstelle zwischen der Altstadt und dem Lent, dem früheren Hafen- und heutigen Kneipenviertel an der Drau. Kulturelles Herz der Stadt ist der Slomškov-Platz. Hier stehen sich die Kathedrale, die Universität und das Nationaltheater gegenüber.
Auf repräsentative Neubauten wird der Besucher der Kulturhauptstadt verzichten müssen. Stattdessen ist in Maribor in Stadterneuerung und Instandsetzung investiert worden. Das Kulturzentrum MAKS und die Neue Moderne Galerie sollen im kommenden Sommer auf dem Areal einer alten Textilfabrik eröffnet werden. Das historische Zentrum mit seinen Plätzen wurde weitgehend herausgeputzt. Neben den neuen und den traditionellen Spielstätten wie den Theatern und Museen soll dem öffentlichen Raum besondere Bedeutung zukommen.
Eine Stadt am Scheidepunkt
Bei zahlreichen Festivals in den sechs Städten werden die Orte zur Bühne. Musik-Festivals von Rock über Jazz bis zur Klassik stehen auf dem Programm. Das multikulturelle Lent-Festival in Maribor hat bereits einen guten Ruf. Ein Theater-Festival mit internationaler Beteiligung wird sich dem Thema Brücken annehmen. In Ptuj, der ältesten Stadt Sloweniens, findet der traditionelle Maskenkarneval Kurentovanje erstmalig unter Beteiligung von Gruppen aus aller Welt statt.
Der Blick der Kuratoren ist sowohl über die Grenzen wie auch ins Land selbst gerichtet. Das Künstlerkollektiv Laibach, als Rockband der wohl erfolgreichste Kulturexport Sloweniens, ist mit einer Ausstellung vertreten, an den slowenischen Komponisten Hugo Wolf (1860-1903) wird erinnert, und der bekannteste Schriftsteller des Landes, Drago Jançar, betreut ein Literaturprojekt. Die Zahl Zwölf strukturiert weitere Programminhalte. Jeden Monat wird sich ein EU-Mitgliedsland mit einem Kulturprogramm vorstellen. Außerdem werden zwölf international bekannte Persönlichkeiten Kunstprojekte präsentieren – etwa Jan Fabre, Boris Groys, Rebecca Horn oder Garri Kasparow. Viele Veranstaltungen nehmen Bezug auf die lange und wechselhafte Geschichte der sechs Austragungsorte.
Maribor, das im nationalen Ringen um den Titel die Hauptstadt Ljubljana hinter sich lassen konnte, steht am Scheidepunkt. Ob man die Wende in die richtige Richtung schafft, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen. Das Kulturhauptstadtjahr kann nur als Wegweiser fungieren. Und wenn es mit der Kultur nicht klappen sollte, bleibt ja noch die reizvolle Umgebung und der Wein. Maribor ist das Tor zur Štajerska, der slowenischen Steiermark. Sanfte Hügel, Weinterrassen und stille Dörfer prägen das Bild dieser touristisch noch zu entdeckenden Region.