Den Blick in Richtung Landkreis gerichtet: Landrat Franz Löffler und Redakteur Martin Hladik vor einem der Cerchov-TürmeFotos: B. Franz
Von Martin Hladik
Landkreis.
„Staatsgrenze“ steht in fetten Lettern auf dem weißen Schild. Hinter uns der schwarz-rot-goldene Pfahl mit dem Bundesadler. Wir reden über die Zeit vor der Grenzöffnung und gehen immer weiter. „Jetzt sind wir über die Grenze gegangen, ohne weiter darüber nachzudenken“, sage ich nach ein paar Metern.
„Ja, jetzt denkt man nicht mehr darüber nach. Aber in den ersten Jahren war das schon eine besondere Situation“, sagt Franz Löffler. Der Landrat und ehemalige Bürgermeister von Waldmünchen geht mit mir über den Cerchovsteig bergan. Gerade hat Löffler noch erklärt, dass für ihn wie für jeden anderen bis vor 20 Jahren an der Grenze jeder Spaziergang oder jede Radtour beendet gewesen sei. „Wir sind auf dem Grenzverlauf gefahren, aber wir konnten nicht rüber“, sagt Löffler. Und jetzt sind wir, ohne die Grenztafeln besonders zu beachten, über die Grenze gegangen, die noch vor 20 Jahren unüberwindbar war.
Franz, 18 Uhr, Cerchov
Welche Verbindungen es über die Grenze hinweg mittlerweile gibt, macht eine Nachricht deutlich, die in den Waldboden geritzt ist: „Franz, 18 Uhr, Cerchov“. Jan Benda hat die Nachricht hinterlassen. Der Forstdirektor der Stadt Domažlice wollte uns darauf hinweisen, dass er schon zum Turm weiter sei, weil er nicht länger auf uns warten wollte. Dann hat er aber dennoch gewartet. Eine halbe Stunde sind Franz Löffler und ich hinter der Zeit. Zum Teil, weil der Reporter beim Waldspaziergang zu viele Fragen hat, zum Teil, weil Löffler viel über den Cerchov weiß. Etwas über den Kohlenmeiler am Fuße des Berges, über Siedlungsreste auf halber Berghöhe, über die Bildl-Buche oder über das dahinterstehende Kunstwerk aus Wasserleitungsresten und seine Bedeutung für die Waldmünchner Quellen. All dies hat Zeit gekostet. Dennoch hat Benda gewartet.
Der Landrat freut sich
„Wie sind beste Freunde geworden“, sagt Löffler bei der Begrüßung über Jan Benda. Noch vor der offiziellen Begegnung habe man sich im Winter 89/90 bei einem Besuch in der Heimat von Löfflers Schwiegervater im ehemaligen Heinrichsberg im Sudetenland kennengelernt. Wie sehr die beiden sich mögen, zeigt sich zum Schluss des Spazierganges in der sogenannten Benda-Hütte, einer kleinen Forsthütte unterhalb des Cerchov-Gipfels. Sowohl Benda als auch Löffler haben für den Hüttenbesuch eine Brotzeit vorbereitet. Hier Brotzeit zu machen, sei Pflicht, gibt Löffler zu verstehen. Die Atmosphäre gefällt dem Landrat sichtlich: Er sitzt auf einer Holzbank, trinkt böhmisches Bier und isst vom Geselchten. Hier übergibt Löffler seinem Freund Benda auch eine persönliche Einladung zu seinem 50. Geburtstag im September. An der Wand der Hüttehängt ein Foto, das aus dem Jahr 2002 stammt und die Vertreter der umliegenden Gemeinden zeigt. Löffler erzählt, dass in dieser Hütte der Verlauf der grenzüberschreitenden Loipen festgelegt wurde. Die Hütte sei ein guter Ort, um sich zu treffen.
Ein verbindender Gipfel
„Wichtig ist die gegenseitige Wertschätzung“, erklärt Löffler ein Stück seiner politischen Philosophie. „Wir haben immer geglaubt, dass wir viel mehr Wertschätzung erhalten, als wir geben, später haben wir gemerkt, dass auch die Tschechen glauben, sie bekämen mehr als sie gäben“, sagt Löffler. Für diese Zusammenarbeit sei der Cerchov ein Symbol. Normalerweise trenne ein Berg, der Cerchov sei aber ein verbindendes Symbol, weil er von von beiden Seiten der Grenze weithin ein Fixpunkt für die Heimat sei.
„An besonders guten Tagen sieht man von hier bis zur Alpenkette“, hat Löffler auf dem Gipfel des Cerchov gesagt.
Obwohl er als Landrat und Bezirkstagspräsident weniger Zeit habe, sei er jedes Jahr um die zehn Mal auf dem Cerchov. Hier einen Sonnenuntergang zu bewundern und dann „in einer guten halben Stunde“ mit dem Rad wieder nach Waldmünchen zu rollen, „ist immer wieder ein Erlebnis“, sagt Löffler. „Der Berggipfel ist völkerverbindend“, erklärt er. Denn hier träfen Deutsche und Tschechen aufeinander und bewunderten die gleiche Aussicht oder machten gemeinsam Brotzeit. Für Löffler hat der Berg auch persönliche Erinnerungen. Es müsse im Januar oder Februar 1990 gewesen sein, als er erstmals auf dem Gipfel stand und die Aussicht bis weit über den Landkreis hinaus genoss. „Damals hat man das Kraftwerk in Schwandorf ganz deutlich gesehen.“ Anlässlich des Besuchs auf dem zu dieser Zeit noch militärisch genutzten Berggipfel sei ein Foto von Heinrich Eiber, Dieter Aumüller und dem städtischen Angestellten Löffler gemacht worden. „Damals hat keiner gewusst, dass das die drei aufeinanderfolgenden Bürgermeister von Waldmünchen sein werden“, erzählt Löffler.
Grenzloses Wasser
Ein Symbol für die Überwindung der Grenzen ist der Cerchov auch aus anderen Gründen. Gleich zu Beginn des Spaziergangs hatte Löffler erzählt, dass die Stadt hier aus elf Quellen auf tschechischer Seite Wasser bezieht und das seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Von 1902 bis 1906 seien die Quellen gefasst worden. Damals war Tschechien noch bei Österreich-Ungarn. Selbst im Kalten Krieg sei es jährlich Arbeitern aus Waldmünchen für ein paar Tage erlaubt worden, die Quellen zu reinigen. Zu Fuß mussten sie in Begleitung der tschechischen Grenzer zu den Quellen laufen. Über die Jahre habe sich Vertrautheit eingestellt, sagt Löffler: „Die haben sogar miteinander Pause gemacht“.
Wie wenig die tschechische und die deutsche Seite am Cerchov trennt, macht Benda unbewusst deutlich, als er den Wald diesseits und jenseits der Grenze vergleicht. „Oben sind mehr Buchen, unten mehr Fichten, sonst ist alles gleich.“
Im nächsten Teil: Waldspaziergang mit Claudia Schuh im Bayerwald-Tierpark Lohberg