Pilot Karl Schweiger vor dem Start am Standort Cham zum Flug zur Waldbrandüberwachung in Richtung Schwandorf Foto: Pfeilschifter
Von Johannes Schiedermeier
LANDKREIS.
Der Himmel über Cham ist wolkenlos. Im Schatten hätte es jetzt 27 Grad. Hier oben, 400 Meter über dem Flugplatzgelände gibt es keinen Schatten. Die Sonne brennt gnadenlos auf das Glas der Pilotenkanzel, während Klaus Schweiger die Maschine in einer leichten Kurve nach links zieht. „Hier drin kann es bis zu 60 Grad heiß werden“, sagt Schweiger. Der Pilot ist im richtigen Leben Polizeihauptkommissar bei der Autobahnpolizei Straubing. Im Flugzeug ist er ehrenamtlich unterwegs. Als Flieger für die Luftrettungsstaffel Bayern. Hinter mir sitzt Karl Pfeilschifter, einer der sechs Luftbeobachter des Katastrophenschutzes. Cham ist einer der fünf Oberpfälzer Standorte, von denen bei der Waldbrand-Warnstufe5 zweimal täglich die Maschinen aufsteigen, um Waldbrände möglichst früh zu erkennen.
Spaziergang von oben
Es ist ein Waldspaziergang der besonderen Art. Bewegungslos schweißtreibend. Unter uns nur Grün. Deshalb heißt der Bayerwald halt Bayerwald, weil er zu 60 Prozent aus Bäumen besteht. Schweiger und Pfeilschifter kennen die Wälder alle von oben. Der Pilot fliegt mit einer ICAO-Karte (International Civil Aviation Organisation). Dieses Kartenmaterial beschränkt sich auf wichtige Landschaftsmarkierungen für den Piloten. Dort gibt es keine kleinen Weiler und Gehöfte. Auf Pfeilschifters Gitternetz-Karte sind sie alle eingezeichnet.
Als Motorradfahrer habe ich beim Abheben bereits die Orientierung verloren. Ich erkenne Weiding nicht und weiß nach der Linkskurve plötzlich nicht mehr, wo ich wohne. Ich höre Pfeilschifter hinten leise lachen. Er braucht keine Karte. Zu oft hat er aus dieser Perspektive nach Rauchfahnen Ausschau gehalten. „Du musst halt immer wissen, wo du gerade bist!“
Blick über die halbe Oberpfalz
Zum Glück gibt es bei Neubäu einen See. Das erkenne sogar ich. Die dichten Föhrenwälder rund um Neubäu sind für die Luftbeobachter eine besondere Herausforderung. Die harzhaltigen Bäume auf dem sandigen Boden würden im Ernstfall wie Fackeln brennen. Wie kaum an einem anderen Ort wäre hier eine schnelle Entdeckung eines Waldbrandes lebenswichtig. Der Pilot deutet auf ein riesiges Waldgebiet, durch das kein Weg führt. „Da unten gibt es nur sehr schlecht Zugang und kein Wasser. Das wäre verheerend“, sagt er.
An heißen Tagen wie heute mit klarer Sicht kann man aus 800 Metern Höhe die halbe Oberpfalz überblicken und sieht Rauchsäulen aus 30 Kilometer Entfernung. Bei Waldbrand-Warnstufe 5 ist der Pilot mit zwei Luftbeobachtern unterwegs. Dann sitzen ein Feuerwehrmann und ein Förster mit im Flugzeug. 2010 haben die Luftbeobachter in Bayern acht Waldbrände festgestellt, dazu 23 Flächenbrände.
Schweiger fliegt mit Pfeilschifter seit sechs Jahren. Ihr Revier ist der Osten der Oberpfalz. Geflogen wird von Cham in Richtung Schwandorf und zurück über Regensburg, Wörth, Falkenstein, Lamer Winkel samt Kaitersberg, Furth, Waldmünchen, Cham.
Eine Glasscherbe reicht
Eine Scherbe im Wald reicht oft schon und es brennt lichterloh. Dann wird die Rauchsäule gemeldet und angeflogen. Aufgabe der Flugzeugbesatzung ist es dann im Ernstfall, das Feuer und seine Ausbreitung zu beobachten und aus der Luft die Einsatzkräfte an den Brandort heranzuführen. Das ist harte Arbeit. Denn meist ist es glühend heiß. Wer schon einmal eine Stunde mit einem kleinen Flugzeug gekreist ist, weiß was das für den Kreislauf bedeutet. „Wenn man dann nochmal runter muss, auftanken und wieder rauf, dann reicht es wirklich“, sagt Schweiger.
Schon mehrfach hat die Besatzung der „Robin DR 400“ den Ernstfall erlebt. 2007 in unzugänglichem Waldgebiet bei Wörth, später bei Altrandsberg. Es gibt aber auch die Unvernünftigen, die bei so einem Wetter ein Feuerchen anzünden. „Die wissen dann oft schon, wenn das Flugzeug auf sie zu kommt, worum es geht. Dann wird der Rauch ganz schnell weiß, weil gelöscht wird. Und in den nächsten Tagen verbrennen die nichts mehr, weil sie wissen, dass wir in der Luft sind“, berichtet Pfeilschifter.
300 Meter über den Wipfeln
300 Meter über den Baumgipfeln, das ist schon eine besondere Perspektive für einen Waldspaziergang. Die Förster in der Crew haben sich längst eingewöhnt. „Die kennen oft von oben einzelne Bäume in den Wäldern. Ich musste schon einmal eine große Fichte umrunden, von der der Förster wusste, dass sie Käferbefall hatte“, erzählt Schweiger.
Schweiger hat den Überblick. Das muss er auch. Denn Bäume sind kein guter Untergrund für eine Notlandung. „Ich müsste die Wipfel als Landebahn annehmen. Und Äste haben die Angewohnheit sich ziemlich gemein in Flugzeuge und Piloten zu bohren“, sagt er. 300 Meter sind auch nicht viel Zeit, um bei widrigen Umständen eine Außenlandung hinlegen zu können. Deswegen hat Schweiger immer eine Wiese im Auge, die im Notfall herhalten müsste.
Die Wiese für den Notfall
Im Ernstfall sollte er nicht das Feuer überfliegen, um die aufsteigende Warmluft zu vermeiden. Auch den Wind über dem Wald muss er im Auge behalten. Falls die Rauchsäule in seine Richtung dreht, nimmt der Qualm dem Motor den Sauerstoff. Außerdem dringt er in die Kabine, denn in Kleinflugzeugen gibt es keine Sauerstoffmasken. Plötzlich fällt mein Blick links auf die Türme der Klosterkirche. Cham. Schweiger landet und stellt die Maschine später aufgetankt in den Hangar. Bis zur nächsten Waldbrand-Warnung.
Im nächsten Teil: Spaziergang mit Hans Kastl, Vorsitzender der Waldbauernvereinigung Bad Kötzting