Während Pfarrer Jürgen Bauer-Störch (l.) und Daniel Haslsteiner in ihr Gespräch vertieft sind, durchwühlt Hündin Nora den Laubboden.
Von Daniel Haslsteiner
LANDKREIS.
Der Bayerische Wald ist für seine Landschaft weit bekannt, nicht jedoch für eine große protestantische Gemeinde. Doch das störte den Pfarrer der evangelisch-lutheranischen Kirchengemeinde Bad Kötzting und Lam, Jürgen Bauer-Störch, nicht, als er mit seiner Gattin und Pfarrerskollegin Jutta hier her zog. „Gerade die Schönheit der Natur war ein Grund, in die „Diaspora“ (drei bis vier Prozent evangelische Christen) zu gehen“, sagte Pfarrer Bauer-Störch.
Hier am Sägewerk zwischen Wettzell und Sackenried ist er schon oft gewesen. Die Häuser des beschaulichen Sackenried sind umgeben von einem Ring aus Wiesen und dahinter dichtem Wald. Die zweijährige Hündin des Pfarrers, Nora, nutzt den vollen Bewegungsradius der Leine aus und schnüffelt mal hier, mal da. Ohne die Leine würde sie nur auf die Pirsch nach Mäusen und Hasen gehen, kommentiert der Geistliche das Treiben des Tieres. Noras Herrchen blickt in das wolkenverhangene Tal. Tief atmet er die frische Morgenluft ein.
Natur als Argument für die Gegend
Welche Bedeutung er der Natur und insbesondere dem Wald beimesse? „Als Kind war ich oft bei Verwandten auf ihrem Bauernhof in der Hersbrucker Schweiz. Dort war ich viel in der Natur. Auch später in der Jugend, dann ging ich gerne zu den kirchlichen Zeltlagern“, erzählte Jürgen Bauer-Störch. Natur habe ihm immer Spaß gemacht, gerade heute bei seiner Arbeit als Pfarrer sei sie zu einem Refugium geworden. „Nora muss morgens und abends raus, so komme ich täglich in den Genuss dieser Landschaft hier. Das war schon ein zentrales Argument, warum ich mich für diese Stelle beworben habe“. Da er sich die Stelle mit seiner Frau Jutta teilt, hat der leidenschaftliche Wanderer auch Zeit für seine Passion.
„Ich mag die Natur hier sehr gerne. In Sackenried gibt es einen kleinen Hohlweg am Waldrand, der ist für mich ein unglaublich kostbarer Naturschatz“. Der Weg hinter dem Sägewerk führt am Waldrand entlang. Auf der einen Seite stehen Fichten und Tannen, auf der anderen Seite mannshohe Haselnuss-Sträucher. Es regnet mittlerweile stärker, darum kommt das grüne Dach ganz gelegen. Selbst die umtriebige Nora läuft brav bei Fuß. „Als Theologe muss ich die Natur selbstverständlich auch unter anderen Gesichtspunkten betrachten. Der zweite Schöpfungsbericht im ersten Buch Mose ist mir von besonderer Bedeutung: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn baue und bewahre.“ „Bauen und bewahren“, nicht wie im 19. Jahrhundert rücksichtslos ausbeuten. „Wenn ich Aussagen höre wie ’Mensch vor Natur’, dann verwundert mich das schon. Sollte es nicht eher heißen ’Mensch und Natur’? Hier hat mich vor allem meine Studienzeit in Heidelberg geprägt. Zu dieser Zeit wurde erstmals das Thema Ökologie in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Ich denke dabei zum Beispiel an die Studien und Berichte des Club of Rome. Dass die Erde endlich ist, war auch für Christen eine neue Erfahrung. Vieles ist nicht so wie befürchtet eingetreten, aber grundsätzlich stehen wir heute noch vor der gleichen Problematik“.
Pfarrer Bauer-Störch erzählt, dass er sich im Studium viel mit der Schöpfungstheologie beschäftigt hat. „Das ist ein Themenfeld, das die Menschen bewegt. Viele werden sich denken, wie kann der nur von der Schönheit der Schöpfung reden und dabei gibt es soviel Leid auf Erden. Wir sprechen von einer ’gebrochenen Schöpfung’, der Welt und mit ihr das ganze Schöpfungswerk als bloßes, mit Makeln behaftetes Abbild Gottes“.
Die Natur spricht den Menschen an
Ein dritter und letzter Grund, warum er sich mit Natur beschäftige, sei neben der persönlichen Leidenschaft und dem Interesse als Theologe die Aufgabe als Priester. „Es gibt in der Natur etwas, das den Menschen im Ganzen anspricht. Ich erlebe das in meinen täglichen Begegnungen. Wir feiern zum Beispiel Feldgottesdienste in der Simmereinöde im Lamer Winkel. Neben unseren Gemeindegliedern kommen auch immer viele Touristen. Meist sind es so dann um die 80 bis 100 Gläubige. Für manch einen Gläubigen ist dies der erste Gottesdienst seit langer Zeit“. Die Menschen wollten einfach das Naturerlebnis.
Der Hohlweg endet langsam. Ganz in der Nähe von Sackenried gibt es noch eine wunderbare Kreuzwegstation zur Sackenrieder Kirche, erzählt der Pfarrer. Also geht es in einer Kehrtwende wieder den Hohlweg – dieses „Kleinod des Kötztinger Landes“, wie es Pfarrer Bauer-Störch bezeichnet – zum Sägewerk hinauf. Ob der Natur und besonders dem Wald ein spirituelles Moment inne wohne, welches dem Menschen einen Zugang zur Gotteserfahrung ermöglicht? „Also, für meinen Glauben würde der Wald alleine natürlich nicht reichen, aber auch ich sehe dieses Potenzial. Der Altbischof von Innsbruck, Reinhold Stecher, sagte einmal: Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge.“ Auch religionsgeschichtlich kam der Natur immer eine bedeutende Rolle in der Glaubenspraxis zu“.
Am Sägewerk vorbei geht es die Teerstraße von Wettzell nach Sackenried hinab. Nach wenigen hundert Metern stoßen wir dort auf die steinerne Kreuzwegstation. Sie ist über und über mit Moos bewachsen. Auf dem Relief wird Jesus vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt. Eine schöne Tradition, die in der evangelischen Kirche weniger vorkomme. Der Regen wird langsam regelrecht unangenehm. Ein guter Zeitpunkt, den Spaziergang zu beenden. Pfarrer Bauer-Störch will bis zum Mittag noch einige Gemeindeglieder im Krankenhaus besuchen. Zurück am Sägewerk verabschiedet sich der völlig durchnässte Naturfreund und fährt mit seinem roten Gemeindebus heim.
Der nächste Spaziergang ist mit Nationalparkleiter Dr. Franz Leibl.