Kehrt nach fast sieben Jahren als Botschafter in Deutschland nach Israel zurück: Berufsdiplomat Shimon Stein
Der studierte Historiker und Berufsdiplomat Shimon Stein (59) hat fast sieben Jahre den Staat Israel als Botschafter in Deutschland vertreten. Er kehrt jetzt nach Israel zurück. Stein gehört zu den profiliertesten ausländischen Diplomaten in Berlin. Er engagierte sich mit hohem persönlichen Einsatz für die Tragfähigkeit des deutsch-israelischen Verhältnisses. Der Mittelbayerischen Zeitung (MZ) gab er zum Abschied dieses Interview.
Mittelbayerische Zeitung: Mit welchen Erwartungen sind sie vor knapp sieben Jahren als israelischer Botschafter nach Deutschland gekommen?
Stein: Das ist schwer zu sagen. Die Jahre, die ich hier war, sind jedenfalls getragen durchaus von Zufriedenheit über das, was wir in den bilateralen Beziehungen erreicht haben. Meine Zeit in Deutschland war natürlich auch bestimmt durch den israelisch-palästinensischen Konflikt und wie er sich in den deutschen Medien widergespiegelt hat. Dementsprechend war ja auch leider die Reaktion der Menschen in Deutschland.
MZ: In der Zeit, in der Sie in Deutschland sind, hat der Antisemitismus und parallel dazu eine überzogene Kritik an Israel zugenommen. Haben Sie dafür eine Erklärung gefunden?
Stein: Der Antisemitismus ist ein Phänomen, das nicht erst in dieser kurzen Zeit begonnen hat zu existieren. Er ist in seinen verschiedenen Formen seit eh und je ein Bestandteil der Kultur in Europa. Bedauerlicherweise haben sich jetzt in Deutschland muslimische Kreise dem Antisemitismus angeschlossen. Mit berechtigter Kritik an der israelischen Politik lässt sich das nicht erklären. Ja, man nimmt die Politik Israels oft zum Anlass, um sich antizionistisch zu verbreiten. Solche Beispiele haben leider zugenommen.
MZ: Es gab einmal so etwas wie Mitgefühl mit den Israelis in Deutschland. Jetzt hat man eher Mitleid mit den Palästinensern und vergisst die schwierige Situation, in der sich Israel im Nahen Osten befindet.
Stein: Man kann Verständnis für Israel und jetzt Mitleid mit der Lage der Palästinenser nicht gleichsetzen. Was die deutsche Regierung, aber auch die Eliten in Deutschland anbelangt, so steht man zu der historischen moralischen Verpflichtung, sich für das Existenzrecht Israels und seine Sicherheit einzusetzen. Es gibt allerdings ein Problem mit der öffentlichen Meinung in Deutschland. Die wird zu stark von einer doch sehr unausgewogenen Berichterstattung in den Medien geprägt. So hat sich ein verzerrtes Bild vom Staat Israel ergeben. Das hat sehr wenig mit der Anteilnahme für das Schicksal der Palästinenser zu tun.
MZ: Sie waren ja schon einmal zwischen 1980 und 1985 an der israelischen Botschaft in Bonn tätig. Welche Veränderungen haben Sie zwischen der Bonner und der Berliner Republik wahrgenommen?
Stein: Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Bundesrepublik in dieser Zeit geändert hat. Vorher war Deutschland geteilt. Dann kam die Wiedervereinigung. Deutschland hat dadurch an internationalem Profil gewonnen. Die Deutschen sind damit auch bereit, zusätzliche Aufgaben in der Welt zu übernehmen. Die Politik hat sich verändert. Gleiches gilt für die Medienlandschaft.
MZ: Was haben Sie in Deutschland schätzen gelernt und mit was kamen Sie nur schwer zurande?
Stein: Ich schätze die deutsche Kultur, die herrliche deutsche Landschaft und eine Reihe interessanter Menschen, denen ich hier begegnet bin. Das alles hat mich enorm bereichert. Frustriert hat mich jedoch die verzerrte Wahrnehmung des Staates Israel und seiner Menschen durch einen Teil der Deutschen. Was mich als Beobachter der deutschen Gesellschaft mit Sorge erfüllt, ist die wachsende Akzeptanz einiger Kreise für antidemokratisches Gedankengut.
MZ: In Deutschland leben ja viele Muslime. Haben Sie feststellen müssen, dass das Verhältnis zwischen Juden und Muslime in Deutschland ähnlich verhärtet ist wie im Nahen Osten?
Stein: Das kann ich nicht sagen. Im Gegenteil stelle ich fest, dass es von Seiten der jüdischen und türkischen Gemeinden Bemühungen gibt, zu einem Dialog zu kommen. Denn die meisten Juden und Moslems sind ja auch Bürger dieses Landes und müssen miteinander auskommen. Sie müssen aufeinander zugehen. Ich hoffe sehr, dass daraus auch ein positiver Impuls für den Nahen Osten entsteht. Wir müssen auch dort miteinander reden.
MZ: Sie werden jetzt nach Israel zurückkehren. Wird der Friedensprozess endlich in Gang kommen?
Stein: Die Hoffnung auf Frieden bleibt bestehen. Nach 59 Jahren der Existenz des Staates Israel werden wir sicher den Weg zur Beilegung des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern finden. Das ist uns bereits mit Ägypten und Jordanien gelungen. Ich hoffe dass uns das mit den Palästinensern auch gelingt und dass es auch zu einem Friedensvertrag mit Syrien und dem Libanon kommt. Es liegt uns daran, den Nahen Osten neu und friedlich zu gestalten. Die moderaten Kräfte der Palästinenser müssen die Oberhand über die Radikalen gewinnen. Für Unversöhnlichkeit stehen der Iran, die Hisbollah und die Hamas. Sie haben kein Interesse an Stabilität und Frieden.
MZ: Zu einem friedlichen Nebeneinander kann es nur durch einen Kompromiss kommen. Auf was müssen die Palästinenser und auf was die Israelis verzichten?
Stein: Beide Seiten werden auf ihre Träume verzichten müssen. Am Ende werden wir den Frieden nur erreichen, wenn beide Seiten bereit sind, auf einen historischen Kompromiss einzugehen. Für uns ist allerdings eine unverzichtbare Bedingung, um in Verhandlungen einzusteigen, dass der Terror gegen Israel beendet wird. Die Lösung wird so aussehen, dass es zwei Staaten gibt, den schon bestehenden Staat Israel und einen palästinensischen Staat, der die Heimat aller Palästinenser sein soll. In ihrem Staat sollen die Palästinenser ihre Selbstbestimmung verwirklichen, aber eben nicht auf Kosten Israels.
MZ: Welche Unterstützung erwarten Sie sich von Deutschland bei diesem schwierigen Prozess zur Erlangung des Friedens?
Stein: Deutschland hat bereits – nicht zuletzt in der EU-Ratspräsidentschaft – wichtige Beiträge zur Stabilisierung im Nahen Osten geleistet, Stichwort Libanon mit der Präsenz der deutschen Marine in den Küstengewässern. Das trägt indirekt auch zur Sicherheit Israels bei. Auf der politischen Ebene ist Deutschland sehr aktiv, wiederum vor allem im Rahmen der Europäischen Union. Hier können die Europäer flankierend beim Wiederaufbau der Wirtschaft helfen.
MZ: Und was werden Sie nach der Rückkehr aus Deutschland beruflich in Israel tun?
Stein: Darüber mache ich mir noch Gedanken. Und wenn ich so weit bin, werde ich Sie anrufen.
MZ-Interview: Harald Raab