Franziskus ist neuer Papst - Artikel 14.02.2013, 11:57 Uhr

„Ratzinger geht jetzt in ein Gefängnis“

Ratzinger-Schüler Wolfgang Beinert spricht im Interview über die Zukunft von Papst Benedikt in Rom. Er stuft den Rücktritt als „moderne“ Amtsauffassung ein.

Prof. Dr. Wolfgang Beinert Foto: MZ-Archiv

Prof. Dr. Wolfgang Beinert Foto: MZ-Archiv

Herr Professor Beinert, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie vom Rücktritt Benedikt XVI. hörten?

Beinert: Im Nachhinein betrachtet kam er nicht überraschend. Beim letzten Treffen des Schülerkreises im August 2012 in Castel Gandolfo hatte der Papst zum Abschied gesagt, er wisse nicht, ob er im nächsten Jahr wieder dabei sein werde. Das müsse der Barmherzigkeit Gottes überlassen bleiben. Ich deutete das als eine Floskel. Weihnachten kam dann ein Brief vom Sprecher des Schülerkreises zur nächsten Begegnung mit dem Hinweis, noch stehe nicht fest, ob der Heilige Vater dabei sein werde. Da bin ich dann stutzig geworden.

In der Audienz am Aschermittwoch betonte Benedikt XVI., er habe die Entscheidung „in voller Freiheit zum Wohl der Kirche“ getroffen.

Diese Formulierung ist die Bedingung für einen Rücktritt entsprechend dem Kirchenrecht. Für seine Entscheidung habe ich Verständnis. Wenn die Kräfte schwinden, muss man dem Körper wohl oder übel gehorchen.

Wie ist dieser Rücktritt dogmatisch einzuordnen?

Ob jemand ein Amt annimmt und wie lange er es ausführt, hat mit dem Dogma nichts zu tun. Mit diesem hat aber zu tun, wie das Amt beschrieben wird. Darüber gibt es unterschiedliche theologische Ansichten. Früher war die übereinstimmende Meinung, ein Amt verleihe dem Inhaber eine neue ontologische Qualität. Nach der klassischen Dogmatik prägt die Priester- und Bischofsweihe ein „unauslöschliches Merkmal“ ein. Man folgerte daraus, dass einer mit dem Amt untrennbar und lebenslänglich verbunden bleibt, also nicht zurücktreten könne.

Die Gegenansicht?

Nach wie vor hält die Dogmatik am unauslöschlichen Merkmal fest. Nur wird das Amt zuerst als eine Funktion angesehen, die beschrieben wird durch bestimmte Tätigkeiten. Wenn ich diese nicht mehr ausüben kann, kann ich oder muss ich das Amt niederlegen. Dessen theologische Voraussetzungen bleiben aber. Der Papst hat sich für diese Interpretation entschieden. Dass sein Schritt bei vielen eine so große Verwunderung auslöst, mag auch auf Dante zurückgehen. Der italienische Dichter hat den 1294 von seinem Amt freiwillig zurückgetretenen Papst Coelestin V. für diese Tat in seiner „Divina Comedia“ in die Hölle gesteckt und sein Vergehen als „große Verweigerung“ bezeichnet. Er warf ihm Feigheit vor. Auch dieser Tage gibt es Stimmen, die Benedikt XVI. als feige bezeichnen.

 

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