So hoch steigt die Donau bei Hochwasser: Gebietsbetreuerin Franziska Jäger zeigt die Linie am „Bienenkorb“, an der sich die Farbe des Gesteins sichtbar verändert.
Kelheim
Kalt ist es, und neblig. Schneematsch bleibt bei jedem Schritt an den Schuhsohlen hängen. Langsam aber unaufhaltsam kriecht die feuchte Kälte in die Füße. Es gibt gemütlichere Orte an einem trüben Januarmorgen. Franziska Jäger stapft trotzdem lächelnd durch den knirschenden Schnee, das graue Ufer der Donau entlang.
Als Gebietsbetreuerin für das Naturschutzgebiet Weltenburger Enge ist sie fast jeden Tag hier draußen – egal bei welcher Witterung. Von klein auf liebt sie es, in der Natur zu sein. „Das ist mir auch wichtig“, sagt die 32-Jährige, die in Eisenach aufgewachsen ist und seit knapp über einem Jahr in Kelheim arbeitet. „Da geht es mir gut und da kann ich entspannen.“
Vom anderen Donauufer her tönt plötzlich ein tiefer Vogelruf. Schnell greift Jäger nach dem Fernglas, das um ihren Hals baumelt. „Da ein Kormoran!“, ruft sie und zeigt in den Himmel. „Das ist der Vogel des Jahres 2010.“ Unweit der Stelle, an der sie jetzt steht, erlebte sie schon einmal etwas ganz Besonderes. Sie hatte ebenfalls laute Vogelschreie gehört und sich umgedreht. Was sie dann sah, zählt sie zu den schönsten Momenten in ihrer bisherigen Arbeit im Naturschutzgebiet. „Da drüben nisteten Wanderfalken. Die Schreie – das waren drei Jungvögel, die ausgeflogen sind“, erzählt Jäger. Freude und Aufregung über dieses Erlebnis sprechen noch jetzt aus ihren Augen.
Nistplatz für Wanderfalken
Wanderfalken sind die schnellsten Vögel der Welt und stehen unter Artenschutz. Im rasanten Sturzflug können sie eine Geschwindigkeit von über 300 Stundenkilometern erreichen. „Es ist schon toll, dass sich die Falken hier angesiedelt und dann auch noch Bruterfolg haben“, schwärmt die junge Frau fasziniert. Diese Begeisterung für die Geheimnisse der Natur ist es, die Franziska Jäger gerne weitergeben möchte. Denn viele Leute haben heute kaum mehr Bezug zur Natur, die sie umgibt. „Gerade Kinder und Jugendliche kennen oft keine Tiere und Pflanzen mehr und verbringen stattdessen immer mehr Zeit vor dem Fernseher oder dem Computer“, bedauert sie.
Als Gebietsbetreuerin ist es deshalb nicht nur ihre Aufgabe, den Tier- und Biotopschutz in der Weltenburger Enge zu überwachen. Sie stellt auch Informationen zusammen und bietet geführte Touren an, um Interesse an dem einzigartigen Gebiet zu wecken und bei den Menschen das Bewusstsein für den Naturschutz zu fördern.
Badende Wildschweine
Jäger zieht den Kragen ihrer warmen roten Jacke über das Kinn. Sie möchte weiter, in Richtung Wipfelsfurt und vorbei an „Peter und Paul“. Die beiden charakteristischen Felsformationen, die hoch über der Donau thronen, gehören zu ihren Lieblingsorten im Naturschutzgebiet. Vor allem dann, wenn die Sonne scheint und die Kalkstein-Felsen sich strahlend weiß von der Umgebung abheben. Doch auch an düsteren Wintertagen wie heute, an denen Nebelschleier zwischen den Felswänden hängen, kann sie der Weltenburger Enge viel Charme abgewinnen: „Wenn es ruhig ist im Winter, ist es wunderschön. Ab 16 Uhr kann man den Uhu rufen hören. Man denkt dann, man ist mit sich und der Natur allein.“ Überhaupt – zu entdecken gibt es für Franziska Jäger immer etwas auf ihren Kontrollgängen durch das Gebiet. Alle Sinne sind konzentriert, unablässig wandern die Augen hin und her, suchen Felsen, Donauufer oder den Boden ab, auf dem man mit etwas Glück Hinweise auf Uhus in Form von „Gewölle“ finden kann. So heißen die erbrochenen unverdaulichen Nahrungsreste der geschützten Vögel. Ständig weckt etwas anderes die Aufmerksamkeit der Gebietsbetreuerin: Geräusche, eine fliegende Mücke – „sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit“ – oder Spuren im Schnee.
Unvermittelt bleibt Franziska Jäger stehen: „Das ist die Spur von einem Wildschwein.“ Sie beugt sich hinab, um die Abdrucke der Hufe im Schnee genauer zu betrachten. Die Spur führt geradewegs auf das Ufer der Donau zu. „Wildschweine können gut schwimmen“, erklärt sie. Die Tiere sollen sogar schon des Öfteren beim Durchschwimmen des Flusses gesichtet worden sein. Dieses Tier zog allerdings die Umkehr vor. Die Spur macht an der Donau kehrt und verliert sich wieder im Gebüsch. „Wahrscheinlich war ihm das Wasser doch zu kalt“, sagt Jäger scherzend.
Graues Wetter und klamme Füße sind längst vergessen. Wenn man mit Franziska Jäger unterwegs ist und sie ihr Wissen auspackt, merkt man, wie viel es in dem rund 900 Hektar großen Naturschutzgebiet zu erfahren gibt. Am sogenannten „Bienenkorb“ deutet sie auf eine Linie am Felsen, an der sich die Farbe des Gesteins verändert. „Das ist die Hochwassermarke“, erklärt sie. „Die Linie zeigt, wie hoch der Pegel der Donau steigt.“ Sie weist auf Bäume und Äste hin, die im Donauwasser liegen und an denen Biberbissspuren zu sehen sind, prüft, wo schützenswerte Vegetation gepflegt werden muss und kontrolliert Wege und Beschilderung im Naturschutzgebiet. Eine kluge Wegeführung ist wichtig. „Wir haben über 500000 Touristen im Jahr. Das ist einerseits schön. Andererseits kann das für den Naturschutz zum Problem werden.“ In Kelheim arbeiten deshalb Tourismus- und Landschaftspflegeverband, bei dem Jäger angestellt ist, eng zusammen, damit beides nicht miteinander kollidiert.
Bei Führungen „Funken entfachen“
Nicht immer ist es einfach, Mensch und Natur in Einklang zu bringen. Die meisten Einheimischen, so sagt die Gebietsbetreuerin, wüssten zwar, was für einen Schatz sie direkt vor der Haustür haben und verhielten sich entsprechend. Dennoch wünscht sie sich manchmal mehr Bewusstsein: „Es gibt halt doch immer Leute, die nicht auf den Wegen bleiben, die trotz Leinenpflicht ihre großen Hunde frei laufen lassen, die lärmen oder ihren Müll einfach wegschmeißen.“
Auf ihren Führungen durch die Weltenburger Enge will Franziska Jäger deshalb besonders bei Kindern einen „Funken entfachen“ und ihnen vorleben, wie schön es draußen ist. „Wenn man die Faszination für die Natur anregt, brennt das Feuer von selbst. Dann stellt sich auch die Frage nicht mehr: Warum werfe ich den Müll nicht weg? Dann ergibt sich das von ganz allein“, ist sie überzeugt. Darin sieht Jäger den Sinn ihrer Arbeit und etwas anderes zu tun, das kann sie sich kaum vorstellen: „Viel an der frischen Luft zu sein und das, was einem gefällt, anderen zu zeigen – es ist ein Traumjob“, sagt die 32-Jährige und greift nach ihrem Fernglas.
Der Schnee knirscht. Sie setzt ihren Weg fort, die Donau entlang, die sich trüb durch die Weltenburger Enge zwängt.