Verzicht auf Atomkraftwerke ist möglich und notwendig, betonte Henrik Paulitz von IPPNW als Festredner
Über 400 alte WAA-Gegner und einige jüngere Atomkraftgegner feierten ein Erinnerungsfest mit Blick nach vorn. Viele Hände wurden geschüttelt, Umarmungen und Erinnerungen ausgetauscht. 20 Jahre nach dem Ende der WAA hatten die Oberpfälzer Bürgerinitiativen gegen atomare Anlagen zusammen mit der Marterlgemeinde und dem Bund Naturschutz zu einem „Blick zurück nach vorn“ am Freitagabend in die Oberpfalzhalle eingeladen.
Die Resonanz war riesig, laufend mussten zusätzliche Stühle und Tische aufgestellt werden, um den weit über 400 Antiatomkämpfern von damals und heute, darunter viele Mandatsträger aus der Region, Platz bieten zu können. Sie waren aus nah und fern gekommen, aus den Nachbarländern Tschechien und Österreich, wie auch aus dem „Ausland“ Preußen und Franken, scherzte Organisator Andreas Schlagenhaufer bei der Begrüßung.
Nostalgie sei durchaus angesagt, betonte OB Helmut Hey im Grußwort. Er dankte allen, die halfen, dass die Region in eine gute Zukunft gehen konnte. Die Ereignisse von damals fasste ein Filmzusammenschnitt von Bertram Verhaag auf Großleinwand zusammen. So mancher im Publikum konnte sich auf der Leinwand entdecken – 20 bis 30 Jahre jünger. Wie frisch aber die Emotionen von damals geblieben sind, zeigten die Reaktionen während der Filmvorführung: Franz Josef Strauß wurde gnadenlos ausgepfiffen und Landrat Hans Schuierer bejubelt.
Mit Standing Ovations wurde der Altlandrat geehrt, als er die Bühne zum Gespräch mit Moderator Siegfried Höhne vom Bayerischen Rundfunk betrat. Stundenlang könnte er erzählen, meinte Schuierer nach seinen Erinnerungen gefragt. Es waren furchtbare Ereignisse dabei: die Gasangriffe auf friedliche Oberpfälzer Bürger, der Einsatz des „Totschlägerkommandos“ im Oktober 1986.
An verschiedenen Ständen wurde über erneuerbare Energien informiert
Eine seiner schönsten Erinnerungen gehe zurück an den Tag, als das Ende der WAA besiegelt wurde und er am Bauzaun Pfarrer Salzl mit einem Rucksack voll Sektflaschen traf. Es sei nun Aufgabe aller, den Jüngeren zu sagen, was damals in Wackersdorf passiert ist und was Solidarität und Einsatz der Bürger bewirken können.
Diese Solidarität bräuchten nun auch die Bürger anderer Atomstandorte in und außerhalb Deutschlands. Über den Widerstand in Gorleben berichtete Kerstin Rudek, während Dana Kuchtova aus Temelin alarmierende Neuigkeiten aus Tschechien mitgebracht hatte. Nachdem dort trotz 70-prozentiger Zustimmung zur Kernenergie der Widerstand der Bürger an den geplanten Endlager-Standorten wachse, würden nun Militärgebiete auf ihre Eignung als atomares Endlager untersucht. Favorisiert werde hier Krummau in Südböhmen in Grenznähe zu Deutschland und Österreich.
Den Blick nach vorn richtete bei der Erinnerungsveranstaltung Henrik Paulitz von den Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) als Festredner. Dabei stellte er die Inhalte der bundesweiten Faltblattaktion unter dem Titel „Glaubst du das wirklich?“ vor.
Mobil gemacht werden soll damit besonders gegen den verschärften Druck der Energiekonzerne, die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke entgegen des entsprechenden Beschlusses der Bundesregierung doch wieder zu verlängern. Dies aber dürfe keinesfalls passieren. Paulitz betonte vielmehr, dass alle 17 heute noch laufenden Atomkraftwerke sicherheitstechnisch völlig veraltet seien und, laut Bundesumweltministerium, heute keine Betriebsgenehmigung mehr erhalten würden. Es stelle sich die Frage, wieso solche Sicherheitsrisiken und ungelösten Probleme bei der Entsorgung des radioaktiv verseuchten Atommülls für eine Technik in Kauf genommen werden sollten, die ohnehin weltweit nur zwei Prozent der Energieversorgung abdecke. Diese könnten in kürzester Zeit durch erneuerbare Energien ersetzt werden.
Die Geschwister Winterer haben ihre alten WAA-Widerstands-Gstanzln noch nicht verlernt
Der Redner warnte vor der Taktik der Energiekonzerne, die sich einerseits in kleine dezentrale Anlagen einkaufen, andrerseits bei erneuerbaren Energien hauptsächlich auf schwer realisierbare Großanlagen, wie Windkraftpark in der Nordsee oder Solarenergie aus der Sahara, bauen nur um die eigene Machtposition in Sachen Energieversorgung nicht zu schwächen. Henrik Paulitz appellierte an alle, sich in ihren Gemeinden für dezentrale Windkraft- und Solaranlagen einzusetzen.
Mehr Informationen:
Zu einer bundesweiten Großdemonstration in Berlin für einen schnellen Atomausstieg und für einen zügigen Ausbau der erneuerbare Energien in dezentralen Anlagen auf 100 Prozent rufen Umweltverbände und Anti-Atom-Initiativen unter dem Motto „Mal richtig abschalten“ am 5. September auf.
Informationen zur Demo, zu Atomausstieg und erneuerbaren Energien finden sich unter: www.anti-atom-demo.de; www.eurosolar.org; www.ippnw.de; www.buerger-kraftwerke.de; www.neue-energie-deutschland.de; www.bund-naturschutz.de; www.amberger-bi.de