„Etwa zur selben Zeit als Ludwig Landmann auf der Flucht vor den Nazis in den Niederlanden verhungerte, versuchte der Industrielle Friedrich Flick seine Rolle im Nationalsozialismus zu vertuschen – er ließ Spendenquittungen der demokratischen Parteien der Weimarer Republik sammeln“, schreiben die beiden Stadträte Bernhard Rothauser und Sebastian Bösl. „Landmann war der ehemalige Bürgermeister von Frankfurt am Main und Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, einer sozialliberalen Vorgängerpartei der FDP.
Dem Kollegen Josef Stadlbauer, CSU-Fraktionsvorsitzender von Maxhütte-Haidhof, sei nur so viel gesagt: Auch konservative Politiker des Zentrums sind für ihre Gesinnung ins KZ geschickt worden. Otto Gerig oder Eugen Bolz ließen ihr Leben, weil sie Demokraten waren. Sind sie umsonst gestorben? Wahren wir ihr Andenken, indem wir Straßen nach ihren Mördern und deren willigen Helfern wie Flick benennen?
Viel mehr noch erschüttert uns freilich, dass unsere Genossen die Geschichte unseres Landes derart verzerrt beschreiben. Wilhelm Kraft, Heinrich Jasper, Otto Eggerstedt, Rudolf Breitscheid – diese Sozialdemokraten starben in Konzentrationslagern als Zwangsarbeiter. Was geben wir der Nachkriegsgeneration mit auf den Weg, wenn wir nach der Gleichung Verbrechen + Einsatz des damit ergaunerten Kapitals für gute Zwecke = Positives Dinge für gut heißen, hinter denen unendliches Leid und Tausende von Toten stehen? Das gerichtlich festgestellte Verbrechen ist durch nichts aufzuwiegen; weder durch die Begnadigung der Amerikaner, noch durch Profitgier in Reinform. Oder hat Flick die Investitionen in unserer Gegend aus reiner Nächstenliebe getätigt? {…}
Es geht es nicht darum, Flick nachträglich erneut zu verurteilen. Es geht um die schlichte Erkenntnis, dass er es nicht verdient, mit einem Straßennamen geehrt zu werden.
In Teublitz ist dieselbe Debatte angelaufen. Alle verantwortlichen Stadträte sollten dem Schrecken Ende machen, und zwar schnell. Es gibt Momente, in denen Schwarze, Rote, Gelbe und Grüne zusammenstehen müssen. Dies ist ein solcher Moment. Deutschland und schon gar nicht unser Städtedreieck brauchen eine Straße, die nach Friedrich Flick benannt ist. Ganz im Gegenteil. Alternativ schlagen wir einen der oben erwähnten demokratischen Politiker der Weimarer Republik vor.“
„Verstehen kann ich die Gegner einer Umbenennung absolut nicht“, schreibt Helga Seidemann. Aus Diskussionen weiß ich, dass Leute sagen ,Flick hat uns Arbeit gegeben’. Das {…} rechtfertigt aber nicht, dass eine Straße den Namen eines Kriegsverbrechers trägt. Hitler hat anfangs durch Aufrüstung und Straßenbau auch viele Menschen in Arbeit gebracht. Ein weiteres Argument habe ich gehört: ,Der Name wurde doch schon vor 50 Jahren verliehen. Flick gehört doch zur Geschichte hier.’ Natürlich gehört er zu einer – leider sehr traurigen – Geschichte. Deshalb muss er nicht als ,Gutmensch’ dargestellt werden {…}
Kurz nach dem 2. Weltkrieg saßen höchstwahrscheinlich (notgedrungen) noch einige Altnazis in Ämtern. {…} Drum wundert mich die Verleihung des Straßennamens damals überhaupt nicht. Ich, die ich die Hitlerzeit nicht wirklich miterlebt habe, wundere mich, wie so viele Menschen diesem Monster nachlaufen konnten und Menschen ehren konnten, die bei diesem Regime massiv mitgemacht haben und durch das Elend anderer Reichtümer horteten. Wie sollen unsere Kinder- und Kindeskinder einmal begreifen können, dass wir den Straßennamen Friedrich Flick einfach hingenommen haben?
Mein Pflegevater war überzeugter SPD-ler, der Artikel gegen Hitler geschrieben hat und deswegen auch im KZ gefoltert worden ist. SPD-ler waren es auch, die sich dem Ermächtigungsgesetz entgegengestellt haben, deswegen gefoltert oder gar hingerichtet wurden.
Daher denke ich, dass vor allem echte SPD-ler, aber auch die anderen Bürger, sich dagegen wehren sollten, Straßen gibt, die nach einem Kriegsverbrecher benannt sind.“