Panorama 24.03.2006, 17:51 Uhr

Treffer fürs Leben

Der Regensburger Gerd Faltermeier schoss vor 35 Jahren das erste ?Tor des Monats?Von Heinz Reichenwallner, MZ

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Sagt Ihnen der Name Gerd Faltermeier noch etwas? Nein? Schade, der Mann hat Historisches geleistet – zumindest, was den deutschen Fußball betrifft. Als Mittelfeldspieler des SSV Jahn Regensburg hat er am 28. März 1971 im Regionalligaspiel gegen den VfR Mannheim das erste „Tor des Monats“ der Sportschau-Geschichte in der ARD erzielt. Faltermeier hatte einen 20-Meter-Freistoß so in den Winkel gewuchtet, dass der Ball oben im Netz hängen blieb – das erste „Tor des Monats“. Der Begriff wurde in den vergangenen 35 Jahren zum geflügelten Wort. Monatlich wird in der ARD von den Zuschauern seither abgestimmt. Hinzu kommen mittlerweile Tore der Woche, des Jahres, des Jahrzehnts und als bisheriges Superlativ, das „Tor des Vierteljahrhunderts“.

Die Geschichte des „Tor des Monats“ – von den Anfängen bis heute – lässt all die großen Namen vergangener deutscher Fußballherrlichkeit wieder lebendig werden. Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Klaus Fischer. Sie alle und natürlich viele andere noch trugen sich in die Liste der Schützen ein – dank spektakulärer Fallrückzieher, verrückter Weitschüsse, Lupfer, Knaller oder haargenau gezirkelter Freistöße.

Als ältester Schütze ging 2001 der damals 80-jährige Kurt Meyer von Blau-Weiß Recklinghausen in die Sportschau-Annalen ein. Das erste „Tor des Monats“ einer Frau gelang Bärbel Wohlleben vom TuS Wörrstadt am 8. September 1974 im deutschen Frauenfinale gegen Eintracht Gelsenkirchen-Erle. Auch sie hatte seinerzeit einen Auftritt im TV wie drei Jahre zuvor schon Gerd Faltermeier, der erste Torschütze. Er ging zu Oskar Klose ins Studio.

Das erste Mal im Fernsehen. Die Erinnerung daran ist heute noch mit Schaudern verbunden. „Ich hatte ungeheures Lampenfieber und war so nervös, dass mir die Knie gezittert haben“, sagt Faltermeier. Ein Video des Auftritts gibt es nicht. Wohl aber ist die Erinnerung daran noch immer sehr lebendig. „Ich denke oft an diese Zeit zurück“, sagt Faltermeier, aber mehr an die Zeit als an das berühmte Tor.

Wie der Fußball damals war, an Mannschaftskollegen vom SSV Jahn Regensburg und später vom Karlsruher SC, Gegner, die Reisen ins Ausland mit der deutschen Amateurnationalmannschaft, zum Beispiel nach Afrika oder Asien. „Da waren oft mehr als 50 000 Zuschauer bei unseren Spielen.“ Mit 15 Jahren hatte Faltermeier beim SV Sallern mit dem Kicken im Verein begonnen. „Vorher war ich das, was es heute in Deutschland wohl nicht mehr gibt - ein Straßenfußballer. Mit jedem Stein und jeder Büchse haben wir als Kinder gekickt.“

Mit 18 Jahren stürmte er für seinen Heimatverein, den FSV Steinsberg, den er durch seine Tore bereits im ersten Aktivenjahr in die A-Klasse, die jetzige Kreisliga, schoss. Wenig später wurde der SSV Jahn auf Faltermeiers außergewöhnliches Fußballtalent aufmerksam. Und schon bald stellte sich heraus, dass der Regensburger Traditionsverein mit seiner Verpflichtung einen Glücksgriff getätigt hatte.

Neun überaus erfolgreiche Jahre hielt er dem SSV Jahn die Treue. In der Zeit lehnte der Vielumworbene hoch dotierte Angebote des FC Bayern München ab, des TSV 1860 München, des 1. FC Nürnberg und von Fortuna Düsseldorf. 1972, im Alter von 29 Jahren , kehrte er Regensburg dann doch den Rücken. Zwei Jahre wollte er noch als Profi für den Karlsruher SC spielen und eigentlich auch nur so lange mit Frau und Tochter im Badischen bleiben.

Gerhard Faltermeier, heute 63, inzwischen zweifacher Opa, erst kürzlich von einer Krebsoperation genesen, ist bis heute in Karlsruhe geblieben. Und geblieben ist auch seine Bescheidenheit wie in den Zeiten beim SSV Jahn Regensburg. Man solle bloß nicht denken, dass er wie einst Helmut Rahn oft angesprochen würde nach dem Motto: „Gerd, erzähl mich dat Tor.“ Natürlich wüssten noch manche ehemaligen Teamgefährten, Freunde, Verwandte und Bekannte davon, sagt der ehemalige Verwaltungsangestellte, der noch mit 45 Jahren aktiv in der Verbandsliga als Spielertrainer fungierte. Aber wichtig war ihm das eigentlich nie: „Schöne Sache, nette Nebenerscheinung, mehr nicht.“

Für einen Sportreporter aus Regensburg ist es aber beinahe unmöglich ihn nicht auf sein „Tor des Monats“ anzusprechen – auf den Treffer, der seinen Platz in den Fußball-Geschichtsbüchern sicher hat. Deshalb muss Faltermeier auch 35 Jahre danach wieder die Frage beantworten. „Wie war das damals am 28. März 1971?“ Und Faltermeier muss wieder in der Erinnerung kramen. „Ungefähr 20 Meter vor dem Mannheimer Tor haben wir einen Freistoß zugesprochen bekommen. Ich lief kurz an und knallte den Ball dann mit dem Vollrist aufs Tor. Danach sah ich zwar wie der VfR-Keeper Kraus ins Eck hechtete. Die Zuschauer jubelten. Aber ich sah den Ball nicht mehr. Dass der genau im Dreieck gelandet und dort hängen geblieben ist, habe ich eigentlich erst auf den zweiten Blick registriert.“

Es war ein so einmaliger Treffer, dass ihn 71000 Fernsehzuschauer unter 250000 Einsendungen zum ersten „Tor des Monats“ auswählten. Die Idee der ARD-Sportschau war angekommen. In den Hochzeiten der siebziger und achtziger Jahre gab es Abstimmungen mit bis zu fünf Millionen Zusendungen. Traditionell gibt es fünf Tore zur Auswahl, die nunmehr aber per Telefon oder Internet bestimmt wird. Seit der Rückkehr der samstäglichen Sportschau in die ARD gibt es zudem ein „Tor der Woche“. Seit 1997 werden die Tore zudem kommentiert – beinahe die einzige Änderung in 35 Jahren.

Eine lange Zeit, mit vielen Toren. Am häufigsten ausgezeichnet mit dem „Tor des Monats“ wurden der aktuelle Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der zwischen 1986 und 1999 siebenmal die Abstimmung gewann, sowie Lukas Podolski, der für seine sieben Tore nur 20 Monate brauchte (Januar 2004 bis September 2005). Mit sechs Toren folgen Karl-Heinz Rummenigge (1979–1984), Mario Basler (1992–1999) und Klaus Fischer (1975–2003). Gerd Müller (1972–1976) und Rudi Völler (1987–1990) folgen auf Platz Fünf mit fünf Toren, dann Günter Netzer und Oliver Bierhoff (vier Tore).

Unvergessen bleibt aber auch Gerd Faltermeiers „Tor des Monats“. Wenn der Schütze auch nicht viel Aufhebens darum machen will, so wird er doch jedes Jahr am 28. März immer wieder daran erinnert. Denn an diesem Tag feiert Enkel Niklas Geburtstag –und der ist dem Opa viel wichtiger ist als jenes „Tor des Monats“.


 

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