Neue LED-Technik in der Regensburger Blauen-Lilien-Gasse Foto: Gruber
Von Rolf Geifes undChristine Strasser, MZ
Es ist ein Ort, wo Liebespaare sich treffen – öffentlich und doch irgendwie privat: im schummrigen Licht einer Straßenlaterne. So ganz im Dunkeln ist eben doch nicht gut munkeln. Lili Marleen – Lale Andersens Soldatenlied und erster deutscher Millionenseller – ist undenkbar ohne das allnächtliche Erleuchten der Städte. Denn Andersen sang davon, ihren Liebsten bei einer Laterne wieder zu treffen. Allein, im Schatten einer Kaserne, hätte sie kaum auf ihn warten wollen.
Nicht elektrischer Strom sondern brennbares Gas ließ vor rund 200 Jahren erstmals dunkle Straßen und Plätze erstrahlen. Und wer glaubt, dass Gaslaternen schon längst zum „alten Eisen“ gehören, der irrt: In etwa 50deutschen Städten brennen sie immer noch – allen voran in der „Welthauptstadt der Gasbeleuchtung“, in Berlin.
In London ging die erste Gas-Straßenbeleuchtung in Betrieb
Anfänglich war das Gaslicht eine offene Gasflamme, die ein schwaches – im Vergleich zum Kerzen- oder Öllicht aber starkes – Licht erzeugte. In England, genauer gesagt in London, wurde 1807 die erste Gas-Straßenbeleuchtung in der City of Westminster in Betrieb genommen. Drei Jahre später brannte an einem Wohnhaus im sächsischen Freiberg die erste Glaslaterne in Kontinentaleuropa. Erfinder der Gaslampe ist ein Franzose. Der Ingenieur Philippe Lebon erhielt am 21. September 1799 das Patent auf die Gasheizlampe. Lebon experimentierte in einem Pariser Hotel: In einem Ofen verbrannte er Holz unter Luftausschluss und erzeugte über Destillation Wasserstoffgas. Über Röhren leitete er es in die Zimmer. Öffnete man das Absperrventil am Rohr und zündete das Gas an, verbrannte es kontrolliert – und erleuchtete den Raum.
Neben Hannover setzte Berlin früh auf die neue Beleuchtungsform. Am Abend des 19. September 1826 erstrahlte der Boulevard „Unter den Linden“ erstmals in dem goldgelben Licht von 27 Laternen aus England. Zuvor hatte man mit Akzeptanzproblemen seitens der Bevölkerung zu kämpfen. Die neue Technik war vielen nicht geheuer. Zudem mussten Straßen aufgerissen und Leitungen verlegt werden. In Regensburg gingen die Gaslaternen am 21. Dezember 1875 an. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts erhöhte sich die Anzahl der Lampen stetig. 1909 brannten in der Stadt 940 Gaslaternen. Dann griff die elektrische Beleuchtung immer mehr Raum. 1975 wurden die letzten 36 Gaslaternen in Regensburg außer Betrieb genommen.
In Berlin leuchten noch 44000 Gaslaternen. Foto: Rolf Geifes
Nachdem Berlin durch die Reichsgründung im Jahre 1871 zur Hauptstadt Deutschlands wurde, setzte eine beispiellose Industrialisierung ein. In der Folge entwickelte sich die Spree-Metropole zu einem Zentrum der Beleuchtungstechnologie. Selbst nach Aufkommen der elektrischen Beleuchtung blieb die gasbetriebene Straßenbeleuchtung tonangebend. Dazu trug maßgeblich die Erfindung des Glühstrumpfes im Jahre 1886 bei. Aus dieser Idee entstand das Gasglühlicht, das eine viel größere Helligkeit erzeugte. Das Prinzip dieses Lichtes: Die Flamme wird nur dafür verwendet, um einen festen Körper aufzuheizen, der dann – auf Weißglut gebracht – die Lichtquelle bildet.
Auch heute brennen in Berlin noch rund 44000 Gaslaternen. Das sind mehr als die Hälfte aller weltweit noch existierenden Gaslaternen. In Düsseldorf sind es 16000, Frankfurt 5700, Dresden 1600, Baden-Baden 1500, Chemnitz 450, Mannheim 400, Mainz 300. Doch ihre Zahl verringert sich laufend, denn an ihnen scheiden sich die Geister. Die einen schwärmen für die Romantik der Vergangenheit und die anderen halten es mit dem Pragmatismus der Moderne. Tatsache ist: Gaslampen heizen mehr, als dass sie leuchten. Der Energieverbrauch einer Gaslaterne ist etwa zwanzigmal so hoch wie bei einer elektrischen Beleuchtung. Neben den Energiekosten führt die Kohlendioxid-Diskussion dazu, dass immer mehr Gaslaternen der Hahn abgedreht wird; historische Modelle werden mit LED-Leuchten umgerüstet, weniger historische Reihenleuchten (denen man einen Gasbetrieb gar nicht ansieht) komplett ersetzt. In Regensburg erhellt die neue Technik bereits die Blaue-Lilien-Gasse.
Die Elektrifizierung stößt vor allem in Berlin auf Widerstand
Dagegen kämpft der Verein „Pro Gaslicht“, der sich die Erhaltung und Förderung des Gaslichts als Kulturgut auf die Fahnen geschrieben hat. Insbesondere in Berlin ist der Verein aufgrund seiner „Gaslicht-Geschichte“ aktiv und leistet erbittert Widerstand. Das ist in Berlin nicht neu: Schon in den 1980er Jahren stellten sich die Anwohner der Reichenberger Straße in Kreuzberg gegen die Elektrifizierung quer. Die bereits aufgestellten Strom-Laternenmasten wurden nachträglich „gasifiziert“. Baulich damit kurios: Die Gasleuchten hängen an Masten mit Wartungskappen im Sockelbereich – diese haben nur elektrische Laternen.
Erhalten werden Gaslaternen wegen ihres „nostalgischen Flairs“ an historischen Orten und in älteren Stadtvierteln. Denn sie verströmen aufgrund ihres kontinuierlichen Lichtspektrums ein „warmes“ Licht, das als angenehm und romantisch empfunden wird. Zum anderen sind viele gusseiserne Laternen aus dem Vorvorjahrhundert ein echter „Hingucker“ – allen voran die mehrarmigen Kandelaber. Davon kann man sich im Gaslaternen-Freilichtmuseum in Berlin (im Tiergarten, nahe dem Bahnhof „Zoologischer Garten“) überzeugen.
Die Ausstellung mit 90 Exponaten aus 25 deutschen und elf weiteren europäischen Städten wurde 1978 von der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen in Zusammenarbeit mit der Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft, die auch die Energie liefern, eröffnet. 2006 wurde das Museum aufwendig restauriert. Ob laue Sommernacht oder kalter Winterabend – beim Bummel entlang des Laternenpfades wird den Spaziergängern richtig „warm ums Herz“.