Tennessee Eisenbergs Tod ist bis heute ungeklärt.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ
Regensburg.
Limousinen steuern auf die Zeltplane zu, die den Eingang zum Haus mit der Nummer 11 abdeckt. Die Fenster der Fahrzeuge sind mit Silberfolie verhängt, um die Insassen vor neugierigen Blicken zu schützen. Auch die Polizeiabsperrungen, die rund um die Schwandorfer Straße im Stadtnorden von Regensburg stehen, zeugen davon, dass sich dort an diesem Dienstag etwas Wichtiges abspielen muss. Im Innenhof des in die Jahre gekommenen Hauses wird – abgeschirmt von der Öffentlichkeit – noch einmal nachgestellt, was sich dort am 30. April 2009 ereignet hat.
Privatgutachten nährte Zweifel
Es war ein Donnerstag, als die Radiosender zur Mittagszeit meldeten, dass bei einer Schießerei in Regensburg ein Mann ums Leben gekommen war. Wenige Tage später hatte das Opfer ein Gesicht. Tennessee Eisenberg, ein nachdenklicher Mensch, künstlerisch begabt, sensibel. Wie konnte es so weit kommen, dass dieser junge Mann, der in seinem Leben viele Perspektiven hatte, durch zwölf Schüsse aus zwei Polizeidienstwaffen starb? Diese Frage stellen sich die Angehörigen bis heute, während die Staatsanwaltschaft früh zur Einschätzung gelangte, dass es sich um eine Notwehr- oder Nothilfesituation gehandelt haben muss. Bis ein Privatgutachten Zweifel daran nährte.
Die Anwohner nehmen das Großaufgebot an Polizei und Technischem Hilfswerk am Dienstag gelassen. Per Handzettel sind sie über ein Parkverbot sowie angebliche bauliche Maßnahmen mit möglicher Lärmbelästigung informiert worden. „Ich habe nichts weiter mitgekriegt“, sagt eine Anwohnerin der MZ. Auch im Feinkostladen Dollmann um die Ecke ist der Fall Eisenberg an diesem Tag kein Thema. „Bei uns hat heute noch niemand über die Geschehnisse dort drüben gesprochen“, sagt Geschäftsleiter Stefan Kuch.
Planen an der Einfahrt zum Haus und Schutzfolie in den Autos sollen die Beteiligten vor neugierigen Blicken schützen.
Nur dürre Informationen
Im Spitalkeller sitzen die Journalisten derweil im provisorisch eingerichteten Medienraum. Fünf alte und eine aktuelle Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft werden von Polizeisprechern ausgehändigt. Darin finden sich wenige Angaben über den Ablauf der Tatrekonstruktion. „Die KPI Amberg wird den Ablauf abschnittsweise durch Polizeibeamte (Komparsen) nachstellen, wobei die Angaben der damals vor Ort befindlichen Personen zugrunde gelegt werden“, formuliert Oberstaatsanwalt Edgar Zach, der die Ermittlungen leitet. Mit Ausnahme der beiden beschuldigten Beamten sind die sechs Polizisten, die damals am Einsatz beteiligt waren, sowie die Rettungskräfte als Zeugen vor Ort, als die verhängnisvollen Minuten noch einmal durchexerziert werden. Einer der Komparsen hält in der Rolle des Tennessee Eisenberg ein Messer in der Hand und nähert sich den Polizeidarstellern bedrohlich nahe. Dann eskaliert die Situation. Zwölf Schüsse fallen. Ihre Flugbahnen hat das Landeskriminalamt während der Tatrekonstruktion noch einmal ausgewertet.
Für die Familie des Opfers waren von Anfang an viele Fragezeichen mit dem Tatgeschehen verbunden. Deshalb nahmen sich die Eltern und Tennessees Bruder Benedict eine anwaltliche Vertretung und riefen zu Spenden auf, um mittels eines Privatgutachtens die Ermittlungen der Polizei überprüfen zu lassen. Im September wurde das Gutachten veröffentlicht. Es zeigte in gravierenden Punkten Abweichungen zu den polizeilichen Ermittlungen. Als besonders brisant erwies sich jene Feststellung, wonach es allen Polizisten wohl möglich gewesen wäre, vor Abgabe der vier letztlich tödlichen Schüsse die Flucht zu ergreifen. „Nach diesen Erkenntnissen war Tennessees Tod wohl ein sinnloser Tod“, sagte damals Andreas Tronicsek, einer der Anwälte der Familie, der MZ.
Alle Zugänge zur Schwandorfer Straße werden von Polizeieinsatzkräften gesichert. Im Innenhof des Hauses 11 wird die Tat rekonstruiert. Im mittleren Fenster sieht man bis heute ein Einschussloch.Fotos: altrofoto (2), privat
Tronicsek und seine Kollegen Helmut von Kitzell und Thomas Tesseraux sind am Dienstag vor Ort, um mit Oberstaatsanwalt Zach sowie einem weiteren Oberstaatsanwalt, den Sachverständigen, den Verteidigern der beschuldigten Polizisten und weiteren Beteiligten die Geschehnisse nachzuvollziehen. Aufgrund der Enge am Tatort werden die Aufnahmen auf Videoleinwand in einen Zuhörerraum übertragen. Vor allem die Blutspritzer nahe der Haustüre, die darauf hindeuten könnten, dass für die Polizisten eine Fluchtmöglichkeit bestand, stehen für die Anwälte im Fokus.
Inwiefern die Untersuchungen tatsächlich neue Erkenntnisse bringen, diese Frage wird im Verlauf des gestrigen Tages nicht beantwortet. „Es wird einige Zeit in Anspruch nehmen, um etwa sechs Stunden Filmmaterial zu sichten“, sagt am Abend Anwalt Tronicsek der MZ. Von 9.30 bis 18.30 Uhr habe man „sehr detailliert und mit großem Aufwand“ die Tatgeschehnisse nachgestellt. Bemerkenswert sei gewesen, dass es am Ende zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen LKA-Gutachtern und dem Privatgutachter der Familie Eisenberg gekommen sei.
Eisenbergs Familie jedenfalls hofft, dass nun doch noch Licht in den Fall kommt. Vor zehn Tagen wäre Tennessee 25Jahre alt geworden.